> > > Tschaikowski, Piotr Iljitsch: Sinfonien Nr. 1-3
Sonntag, 16. Januar 2022

Tschaikowski, Piotr Iljitsch - Sinfonien Nr. 1-3

Großartige Komplettierung auf Umwegen


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die künstlerische Qualität von Valery Gergievs Tschaikowsky-Zyklus darf bei den hier vorgelegten Sinfonien Nr. 1 bis 3 noch höher angesetzt werden als bei den letzten drei Sinfonien. Gergiev formt die Musik äußerst spannend und farbig.

Auch die Wege der Veröffentlichungspolitik auf dem Musikmarkt sind manchmal nur schwer ergründlich. Da erschien etwa der erste Teil von Valery Gergievs Zyklus der Tschaikowsky-Sinfonien (mit den Sinfonien Nr. 4 bis 6) bei dem orchestereigenen Label Mariinsky auf DVD. Aufgenommen wurden die Konzerte des Mariinsky Orchestra im Pariser Salle Pleyel – eine in ihrem subjektiven Zugriff überzeugende, in einigen Momenten hinreißende Zusammenstellung, die die Erwartung nach Gergievs interpretatorischer Dokumentation der restlichen Sinfonien ordentlich schürte. Nun sind die Sinfonien Nr. 1 bis 3 erschienen, die einzigen Konstanten aber sind Komponist und Dirigent; alles andere hat sich geändert. Diesmal gibt sich das London Symphony Orchestra die Ehre, zwei der Aufnahmen wurden in Londons Barbican mitgeschnitten, die Dritte Sinfonie bei einem Gastspiel des Londoner Orchesters in der Tonhalle Zürich. Veröffentlicht wird die Sinfonien-Trias beim hauseigenen Label des London Symphony Orchestra als Doppeltonträger, wie gewohnt als hybride SACD.

Gergievs Mahler-Einspielungen mit dem London Symphony Orchestra sowie seine Ausflüge zu Debussy und Strauss Platten riefen gemischte Reaktionen hervor; bislang fand seine Zusammenarbeit mit dem britischen Orchester stets im russischen Repertoire seinen Höhepunkt. Diese Hälfte von Gergievs Gesamteinspielung der Sinfonien Peter Tschaikowskys könnte nun zum Gipfel der Zusammenarbeit werden. Das Orchester ruft beste Leistungen ab, vor allem aber gelingt Gergiev das Kunststück, diese Sinfonien, die keineswegs ‚von selbst klingen‘ (und schon gar nicht von selbst geschlossen wirken) zu einem dramaturgisch schlüssigen, stellenweise überwältigenden Ganzen zu formen.

So fraglich manchmal Gergievs starke Temporückungen in der ersten Folge sein mögen – hier erweisen sie sich als gekonnt eingesetztes Mittel, um Spannung zu schaffen, wo zerbröselnde Übergänge oder etwas breit ausgetretene Sequenzierungen nach einer formenden Hand verlangen. Gerade deswegen mag das Gelingen dieser Sinfonien-Trias noch höher anzusetzen sein als bei Tschaikowskys letzten drei Sinfonien. Interpretatorisch knifflige Passagen, etwa der Übergang zur Reprise im Kopfsatz von Tschaikowskys Erster Sinfonie g-Moll op. 13 oder der Ansatz zur große Schlusssteigerung in ihrem Finalsatz, meistert er mit beachtlicher Spannkraft, indem er zuweilen nur das Farbliche betont und aus ihm die Energiesättigung fürs Folgende gewinnt. Besonders eindrucksvoll ist die Sinfonie Nr. 3 D-Dur op. 29, diejenige unter Tschaikowskys Sinfonien, die am seltensten erklingt, weil sie so heikel ist. Gergiev allerdings gelingt es, die fünf Sätze unter einen großen Spannungsbogen zu fassen, der sowohl die tänzerischen Momente als auch die elegische Färbung des Mittelsatzes und den finalen Hymnus einbezieht.

Mit dem Orchester hat eine Diktion entwickelt, die alle Schönheiten der frühen Sinfonien von Tschaikowsky in voller Blüte erstrahlen lässt. Tempi, Artikulation und Farbgebung sind exakt und mit Feingefühlt nicht nur aufeinander abgestimmt, sondern auch mit der subtil gehandhabten Dynamik verbunden. Insbesondere hinsichtlich instrumentaler Einfärbung und Artikulation erreicht Gergiev mit dem Orchester ein Ideal interpretatorischer Formung. Es besteht darin, bei flüssigem Vorwärtsschreiten die Noten nicht zu breit auszuspielen, damit der Klang nicht sämig wird, aber auch nicht zu kurz, um die kantablen Qualitäten erfahrbar zu machen und klangliche Substanz zu gewährleisten. Gerade in diesen drei Sinfonien kommt das Meistern dieser Herausforderung fast einer Quadratur des Kreises gleich, doch Gergiev und dem stellenweise über sich hinaus wachsenden London Symphony Orchestra gelingt sie.

Das gilt ebenso für die Orchesterfarben. Die Streicher haben genug Substanz und Ruhe für die schwingenden, zarten Melodien, aber gleichzeitig klanglich hinreichend substanzreiche Agilität für filigrane Begleitfiguren. Von den Holzbläsern wird der gesamte Orchesterklang farblich schattiert, die melodischen Anteile sind mit Wärme und flinker Grazilität ausgestattet, während das Blech oftmals mit vergleichsweise schlankem Ton Glanzlichter setzt und die weiche, homogene Klangtextur fein perforiert.

Vor dem Hintergrund der problematischen Akustik des Londoner Barbican ist die klangliche Umsetzung erstaunlich farbenreich und resonant ausgefallen. War es auf den DVDs ein im Blech überbrillanter Klang, so ist es hier die zum Muffigen tendierende Akustik des Aufnahmeraums (der Sinfonien Nr. 1 und 2), der einem vollauf überzeugenden, aufblühenden Orchesterklang ein wenig entgegensteht. Doch insgesamt ist Valery Gergiev mit dieser Doppel-SACD der Sinfonien Nr. 1 bis 3 ein wesentlicher Beitrag zur Tschaikowsky-Diskographie gelungen, der durch ein mehrsprachiges Booklet gut abgerundet wird.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tschaikowski, Piotr Iljitsch: Sinfonien Nr. 1-3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
LSO Live
2
01.09.2012
Medium:
EAN:

SACD
822231171027


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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