> > > Kammerchor Bad Homburg & Johann Rosenmüller Ensemble spielen: Festmusik zur Reformationsfeier 1617: Werke von Altenburg, Schütz, Scheidt u.a.
Montag, 19. August 2019

Kammerchor Bad Homburg & Johann Rosenmüller Ensemble spielen - Festmusik zur Reformationsfeier 1617: Werke von Altenburg, Schütz, Scheidt u.a.

"Laß zürnen der Papisten Gott"


Label/Verlag: Christophorus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Festmusik zur Reformationsfeier 1617 ist nicht nur musikalisch ein lohnendes Zeitdokument.

Exakt 100 Jahre nach dem Thesenanschlag Martin Luthers an die Schlosskirche zu Wittenberg (der so vermutlich nie stattgefunden hat) standen sich deutsche Protestanten und Katholiken feindlich und unversöhnlich gegenüber. Die Kirchenspaltung war eine Frage der grundsätzlichen Identität geworden, die alle Bereiche des Lebens betraf: hier die götzendienerischen Papisten, dort die vom rechten Glauben abgekommenen Ketzer. Das Reformationsjubiläum 1617 war für die Protestanten demnach ein wichtiges Datum, um sich einerseits der eigenen Überzeugungen und Rechtschaffenheit zu versichern und sich andererseits genau damit von den mit Verachtung überschütteten Katholiken abzugrenzen. Die Schärfe, die am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs in der Luft zwischen den Konfessionen lag, wird durch die vorliegende Einspielung von einer der wenigen überlieferten Festmusiken zu diesem Anlass deutlich spürbar. Vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet ist sie ein eindrückliches Zeugnis für die Leistungsfähigkeit selbst kleinerer mitteldeutscher Ländereien abseits der großen Zentren.

Kern der Einspielung ist das sechsteilige 'Gaudium Christianum' des Erfurter Theologen und Komponisten Michael Altenburg (1584-1640), zu seiner Zeit ein berühmter Mann und Lehrer der Söhne von Michael Praetorius. Das Werk greift textlich auf die in der Offenbarung des Johannes beschriebene Schlacht des Erzengels Michael mit dem Teufel zurück, interpoliert jedoch sehr eindeutige papstkritische Passagen, die vermutlich von Altenburg selbst eingefügt wurden, um dem Anlass gerecht zu werden. So definiert er einzig und allein die Protestanten als das wahre Volk Gottes, dem am Tag des Gerichts die Erlösung zuteilwird. Natürlich verstand man hierbei auch die Analogie zum Kampf der Rechtgläubigen gegen den Antichristen, zu dem der Papst inzwischen stilisiert wurde und dessen Notwendigkeit nach 100 Jahren einem Ende zugeführt werden müsse. Damit hätte sich die Reformation als genuin göttliches Werk vollendet.

Größtmögliche Opulenz in der musikalischen Ausgestaltung verstand sich von selbst und erreicht hier teils monumentale Ausmaße. So sind neben der üblichen mehrchörigen Besetzungsweise nach venezianischem Vordbild mit vokalem Favorit- und Kapellchor sowie Streichern, Zinken und Posaunen auch Trompeten und Pauken hinzugezogen, letztere bis auf eine notierte Trompetenstimme allerdings, wie damals praktiziert, als Improvisation. Das versierte Johann-Rosenmüller-Ensemble sowie der Kammerchor Bad Homburg unter der Leitung von Susanne Rohn lassen dem martialischen, kraftstrotzenden Gestus der Musik breiten Raum, was glücklicherweise die überaus kunstvolle Satztechnik Altenburgs in den stimmlich reduzierteren Passagen nicht überdeckt. Im Zentrum des 'Gaudium Christianum' steht natürlich der Choral ‚Ein feste Burg ist unser Gott‘, dessen Melodie sich erst nach und nach zu erkennen gibt und in höchst unterschiedlicher vokal-instrumentaler Mischform mannigfaltig verarbeitet ist. Es überwiegt in allen Teilen jedoch eindeutig das Festlich-Monumentale, was aufgrund der Verwendung der Trompeten weite Klangflächen in starrem C-Dur mit sich bringt. Die Instrumentalisten des Johann-Rosenmüller-Ensembles machen ihre Sache tadellos, sorgen für eine stilsichere Begleitung und angemessene Klangpracht. Gleich gilt für die Solisten, die durchweg mit Belebtheit und Ausdrucksstärke überzeugen. Dagegen erscheint der Kammerchor Bad Homburg bei guter Artikulation stimmlich etwas matt, zudem scheinen die Mittelstimmen in der Aufnahme zu sehr in den Vordergrund geholt. Ansonsten erscheint die Aufnahme raumfüllend und plastisch.

Ergänzt wird das 'Gaudium Christianum' durch thematisch verwandte Kompositionen zum Michaelisfest von weiteren Komponisten des 17. Jahrhunderts, darunter Heinrich Schütz, Johann Christoph Demantius, Samuel Scheidt und Johann Christoph Bach sowie zwei Orgelwerke von Jan Pieterszoon Sweelinck und Franz Tunder. Auf der bei allen Werken nahezu identischen Textgrundlage wirft die je unterschiedliche Vertonung ein interessantes Licht auf die weitreichenden musikalischen Veränderungen des 17. Jahrhunderts. So steht Scheidts dreistimmiges 'Herr Gott, dich loben alle wir' noch ganz in vokalpolyphoner Tradition während Johann Christoph Bachs Kantate 'Es erhub sich ein Streit' bereits ein barockes Schlachtengemälde erster Güte ist. So fließend und rhythmisch prägnant die reinen Vokalwerke gestaltet sind, so fehlt doch der Kantate Bachs einiges von der interpretatorischen Durchschlagskraft, mit der das 'Gaudium Christianum' auftrumpft. Letztlich trübt dies den Eindruck eines nicht nur musikalisch hochinteressanten Zeitdokuments aber nicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kammerchor Bad Homburg & Johann Rosenmüller Ensemble spielen: Festmusik zur Reformationsfeier 1617: Werke von Altenburg, Schütz, Scheidt u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Christophorus
1
01.09.2012
Medium:
EAN:

CD
4010072773630


Cover vergössern

Christophorus

Christophorus ist das älteste deutsche Plattenlabel mit dem Schwerpunkt "Geistliche Musik". Es wurde 1935 gegründet, um religiöse Inhalte mittels Schallplatten und Bücher auch während des Nazi-Regimes zu verbreiten. Heute - mehr als 75 Jahre später - stehen spirituelle Themen weiterhin im Mittelpunkt des Labels, mit besonderem Interesse für unbekannte Werke und historische Interpretation. Gregorianische Gesänge, geistliche Vokalmusik, Musik der christlichen Kirchen und die Gesänge aus Taizé sind im Katalog ebenso vertreten wie Musik des Mittelalters und der Renaissance. Mit diesem Repertoire gilt Christophorus heute als eines der wichtigsten unabhängigen Labels auf dem internationalen Klassikmarkt.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Christophorus:

  • Zur Kritik... Impulse: Böddecker zu protegieren ist eine verdienstvolle Sache. Knut Schoch und I Sonatori geben dem Repertoire immer wieder solch vernehmliche Impulse. Gut so. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Kriegsgedenken: Eine sehr ansprechende Präsentation überwiegend wenig bekannter Werke aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges durch das Johann Rosenmüller Ensemble. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Kirchenmusikalische Tradition: Rhetorisch weitgehend sehr überzeugende Interpretationen eher unbekannter Telemann-Kantaten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Christophorus...

Weitere CD-Besprechungen von Frederik Wittenberg:

  • Zur Kritik... Goldhochzeit ohne Glanz: Telemanns Gelegenheitsmusik gehört trotz bewährter Interpreten nicht zu seinen besten Werken. Weiter...
    (Frederik Wittenberg, )
  • Zur Kritik... Geniestreich: Carus beendet die Veröffentlichung der Orchesterwerke Burgmüllers mit dem erstaunlichen Klavierkonzert. Weiter...
    (Frederik Wittenberg, )
  • Zur Kritik... Extraklasse: Maurice Stegers neues Album ist ein erneutes Ausrufezeichen und unwiderstehliches Plädoyer für die Blockflöte. Weiter...
    (Frederik Wittenberg, )
blättern

Alle Kritiken von Frederik Wittenberg...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Klare Diktion: Yu Mi Lee unternimmt auf ihrem Debüt-Album eine fesselnde Reise nach Russland. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Pianistisch durchleuchtet: Der Amerikaner Garrick Ohlsson bietet in seinem Falla-Programm etwas weniger Spanien als andere Interpreten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Zu verbindlich: Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller und die chinesische Geigerin Tianwa Yang widmen sich Wolfgang Rihms Werken für Violine und Orchester. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte) Class aktuell (2/2019) herunterladen (4851 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich