> > > Hess, Frauke spielt: Komm, süßes Kreuz!: Werke von Erlebach, Bach u.a.
Samstag, 15. August 2020

Hess, Frauke spielt - Komm, süßes Kreuz!: Werke von Erlebach, Bach u.a.

Musik als Dialog


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Deutsche Barockmusik für und mit Gambe vom Feinsten: zurückhaltend, geschmackvoll und mit einem untrüglichen Gespür für die Affekte dieser Musik, (mit-)gestaltet von der Gambistin Frauke Hess.

Die Rolle des Musikers hat sich im Laufe der Jahrhunderte zweifelsohne ebenso gewandelt wie die Rolle der Musik selbst. Noch viel mehr mag dies auf das Selbstverständnis des Musikers zutreffen, dessen Eigensicht im 19. Jahrhundert wohl grundverschieden war von der eigenen Positionierung im musikalischen Kontext der Barockzeit. Das geht auch, aber nicht nur einher mit der Definition dessen, was (beispielsweise) ein Konzert sei: ein Ergebnis des Zusammenspielens oder eben doch ‚nur‘ des Wettstreits um die größere und nachhaltigere Einflussnahme. Mit anderen Worten: Sieht sich ein Künstler als Teil eines musikalischen Prozesses oder als sein Kopf, als primus inter pares oder als ‚primus super alteros‘? Ist ein Musiker (auch in puncto Virtuosität) eher Teil des Ganzen oder der Gipfel der Kunst?

Wer den Untertitel dieser CD zu lesen versteht (der eigentlich der Haupttitel sein sollte), kennt bereits die Antwort, die diese Einspielung von Gambenwerken deutscher Barockkomponisten gibt: Es geht um Dialogisches, um Kommunikation, um Zusammenspiel und Zusammenklang, um eine Musik, die nur aus der Kollektivität entstehen kann und nur durch das gemeinsame Ziel, das im Weg dorthin besteht, ihre Existenzberechtigung erhält. Es geht um einen Begriff des Konzertierens, der kein Glied über das Ganze stellt und dadurch jedem das Seine lässt und jeden auf eine ganz besondere Weise allein dastehen lassen kann, auch wenn alle an einem Strang ziehen.

Prima und Primi inter pares

Hiermit ist dann auch das künstlerische Selbstbewusstsein der Gambistin Frauke Hess umschrieben, die als prima inter pares dieser Produktion auftritt, die Fäden dieser Musik in der Hand behält und im Dialog mit ihren Kollegen eine Musik entstehen lässt, die so und nur so ihr Dasein rechtfertigt und zur vollen Entfaltung bringt. Denn ob sie ihre Gambe nun als Continuo-Instrument einsetzt, als gleichberechtigter Partner der Violine oder Laute etwa in einem Konzert oder einer Triosonate oder als Soloinstrument mit einem hohem Maß an offenkundiger Virtuosität – den glaubwürdigen und wahren Musiker (zumindest von Barockmusik, wenn nicht generell) zeichnet aus, dass er seiner Rolle in allen Bereichen gerecht (und mehr als gerecht) wird. Frauke Hess, die so bescheiden wie deutlich als Kopf des Ensembles auftritt, ist in den vergangenen zehn Jahren zu einer Koryphäe ihres Fachs geworden und als solche in allen Bereichen der alten Musik gefragt und als Gambistin begehrt.

Dass diese CD so gelungen ist, hat nicht nur mit der ein- und unterordnenden, aber auch schlicht ordnenden Rolle der deutschen Gambistin zu tun, sondern auch mit ihren Kollegen Andreas Arend (Chitarrone, Barocklaute), Josh Cheatham (Gambe), Torsten Johann (Orgel), Veronika Skuplik (Violine) und Dominik Wörner (Bass), die nicht minder ihr Gewicht in den Ring werfen, sich aber ihrer jeweiligen Rolle überaus bewusst sind und sie nach Maßgabe der Erfordernisse der Musik ausfüllen.

Deutsche Barockmusik für und mit Gambe vom Feinsten

Die Musiker bieten Solo- und Triosonaten und ein Concerto von Philipp Heinrich Erlebach, Johann Michael Kühnel, August Kühnel und Dietrich Buxtehude dar, außerdem Johann Sebastian Bachs bekannte Arie 'Komm, süßes Kreuz' aus der Matthäuspassion mit obligater Gambe, dem jüngsten Werk dieser etwas melancholischen, nachdenklichen, aber gerade dadurch typischen Zusammenstellung. Die Viola da Gamba wird in diesen Kompositionen teils als alleiniges, teils als konzertierendes Soloinstrument eingesetzt, dann jeweils kombiniert mit Violine oder Laute unter Hinzuziehung des Basso continuo. Dieser feinen, sprechenden und geradezu dramaturgisch gestalteten, aber immer geschmackvoll eingesetzten und niemals die Affekte überbeanspruchenden Musik, die alle Möglichkeiten ihrer Zeit auch harmonisch-modulierend ausschöpft, ohne exzentrisch zu werden, die also ‑ schlicht gesagt ‑ Bauch und Herz zeigt, aber letztlich immer vom Kopf gesteuert bleibt, dieser zutiefst deutschen Musik setzt die CD des Ensembles um Frauke Hess ein bezauberndes Denkmal.

Es erübrigt sich betonen, dass die Musiker sich ihrer jeweiligen Rolle in der Weise bewusst sind, dass sich niemand über Gebühr in den Vordergrund drängt, dass sich die Instrumente, über die im Booklet Auskunft gegeben wird, im Zusammenklang perfekt aufeinander einstimmen und abstimmen, dass jeder auf jeden hört, und dies mit einer stupenden Musikalität. Die Ostinato-Teile üben ihrem Charakter entsprechend einen stetigen Sog aus, dessen suggestive Ausstrahlung mitreißend wirkt und einmal mehr zeigt, dass die Musiker ein gemeinsamer Atem eint.

Das Booklet ist zurückhaltend-gediegen (mit sepia-gefärbtem Titelbild eines Gambengriffbretts) in einen zunächst deutschsprachigen, dann englischsprachigen Teil gegliedert, bietet biographische Informationen der Musiker ebenso wie Hinweise auf ihre Instrumente, eine Wiedergabe des Textes der titelgebenden Bach-Arie (auch in englischer Übersetzung) und einen informativen Einführungstext von Thomas Jakobi.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Hess, Frauke spielt: Komm, süßes Kreuz!: Werke von Erlebach, Bach u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
1
01.09.2012
Medium:
EAN:

CD
4039956212119


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Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


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