> > > Ockeghem, Johannes: Plorer, Gemir, Crier: Hommage à la "Voix d'Or"
Donnerstag, 14. November 2019

Ockeghem, Johannes - Plorer, Gemir, Crier: Hommage à la "Voix d'Or"

Trauer und Gedenken


Label/Verlag: aeon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Musik zum Tod Johannes Ockeghems, in höchster und zugleich höchst individueller Qualität geboten vom französischen Vokalensemble Diabolus in Musica.

Johannes Ockeghem (ca. 1420-1497) ist eine der großen, prägenden kompositorischen Figuren bei der Entwicklung der vokalen Polyphonie hin zu jenen Höhen, die diese Kunst im 16. Jahrhundert erklimmen sollte. Dazu war Ockeghem selbst als Komponist, Geistlicher, Diplomat und Höfling bei mehreren französischen Königen auch individuell interessant und inspirierend. Etliche seiner kompositorischen Nachfolger sahen sich deshalb zu einer musikalischen Würdigung herausgefordert, als Ockeghem 1497 hochbetagt starb. Die herausragenden Beispiele dieser Mischformen aus Trauerchanson und Motette sind das berühmte 'Nymphes des bois / Requiem' von Josquin Desprez auf einen Text von Jean Molinet komponiert und 'Ergone conticuit' von Johannes Lupus, dessen textliche Grundlage, ein poetischer Nachruf auf Ockeghem, aus der Feder Erasmus’ von Rotterdam stammt. Dazu ist unbedingt noch Pierre de la Rues 'Plorer, gemir, crier' zu erwähnen, das der aktuellen Platte des unternehmungsfreudigen und in den Feinheiten alter und ältester Musik versierten Ensembles Diabolus in Musica den Titel gab.

Neben diesen Kompositionen steht im Zentrum des Programms die 'Missa Sicut rosam spinam' von Jacob Obrecht. Und auch wenn es keineswegs ausgemacht ist, dass diese ausgreifende Messe nicht schon vor Ockeghems Tod entstanden ist, so fügt sie sich doch programmatisch gelungen ein, zitiert sie das verehrte Vorbild doch musikalisch und nutzt dessen Größe als wesentliche Inspirationsquelle. Obrechts Beispiel zeigt, dass auch er selbst ein eminenter Meister des Übergangs vom Mittelalter zur Renaissance war, fließt sein Kontrapunkt doch schon freier und ausgreifender, werden die vertrackten Rhythmisierungen gemildert und in diesen Fluss integriert. Programmatisch überzeugend ist der Ansatz der Platte also durchaus, wenn sie auch mit unter einer Stunde Spielzeit unnötig viel Raum für verwandte Stücke anderer Hände vergibt.

Beglückend

Das ist insofern besonders bedauerlich, als die vokale Qualität der Vokalisten von Diabolus in Musica höchsten Ansprüchen genügt. Griffig ist das Klangbild zu nennen, nicht nur der reinen Schönheit verpflichtet und in dieser Haltung dem Ansatz der vergleichbar forschend und risikofreudig aktiven Formationen Graindelavoix oder Ensemble Organum sehr nahe. Die Einzelstimmen zeichnen stark und charakteristisch, prägen das vielstimmige Geflecht enorm plastisch, angefangen bei den individuell timbrierten Altisten. Und ganz am Ende des Spektrums grundiert der einmal mehr fabelhafte Philippe Roche das Geschehen ruhig und souverän mit seinem unvergleichlich samtigen Bass. Intonatorisch ist Perfektion mit Schärfen und etlichen Kontrasten zu konstatieren – eben ganz im Sinne des nicht auf entspannten Wohlklang ausgerichteten Klangideals der Formation.

Als Ensemble haben die Vokalisten eine bemerkenswerte Gabe – über die bloße vokale und stilistische Expertise hinaus – diese über ein halbes Jahrtausend alte Musik zu beleben, im Wortsinn zu vergegenwärtigen, frisch und in ihrer Substanz eminent wirken zu lassen. Dazu verhelfen ihnen auch in fließender Freiheit gewählte Tempi und die Bereitschaft, immer wieder zu kraftvollen Gesten zu finden. Das belebt besonders die einigermaßen ausgreifend angelegte Messe spürbar. Das Klangbild ist zum interpretatorischen Geschehen kongenial: groß und präzis, perfekt gestaffelt und wunderbar zusammenklingend, weit ausgreifend in den Linien und ideal im Abbild der Kleinteiligkeit.

Die Vokalisten von Diabolus in Musica konzentrieren den Blick auf einen erlesenen Moment der Musikgeschichte, ohne Vergangenes in Mystizismen umzudeuten. Es versammelt sich höchste interpretatorische Expertise, die entspannte Linearität und spannungsvolle Binnengestaltung gleichermaßen ermöglicht. Es ist eine Freude Künstlern zuzuhören, die interpretatorisch etwas riskieren und damit großen Gewinn erzielen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ockeghem, Johannes: Plorer, Gemir, Crier: Hommage à la "Voix d'Or"

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
aeon
1
01.09.2012
Medium:
EAN:

CD
3760058360262


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aeon

Äon bedeutet im Altgriechischen soviel wie Zeitalter bzw. Ewigkeit. Wenngleich letztendlich keine Aufnahme für die Ewigkeit sein kann, so kann sie doch zumindest Gültigkeit für ein Zeitalter oder Menschenalter beanspruchen. Diesem nicht geringen Anspruch versucht man bei AEON mit bereits fast hundert Titeln gerecht zu werden. Für seine Einlösung spricht, dass das Label seit seiner Gründung 2001 schnell zu einer der ersten Adressen aus Frankreich wurde. Den Labelgründern Damien und Kaisa Pousset ist es wichtig, einen Katalog zu schaffen, dessen einzelne Titel jeweils als ultimative Intention der beteiligten Musiker verstanden werden können. Künstler wie Alexandre Tharaud, Andreas Staier, Felicity Lott oder das Quatuor Ysaÿe haben hier Aufnahmen vorgelegt, die woanders so sicherlich nicht möglich gewesen wären. Der Katalog von AEON umfasst im Wesentlichen drei Hauptschwerpunkte: monographische CDs mit Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts, dann das breitere, klassische Repertoire, das durch ausgewählte Künstler und Ensembles bestritten wird, sowie die frühe Musik des Mittelalters.


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