> > > Suk, Josef: Ein Sommermärchen op. 29 & Prag op. 26
Sonntag, 16. Januar 2022

Suk, Josef - Ein Sommermärchen op. 29 & Prag op. 26

Ein Sommermysterium


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jiří Bělohláveks Engagement für Josef Suk ist aller Ehren wert. Diese Folge ist - wie gewohnt - sehr plastisch und farbenreich musiziert. Die beiden sinfonischen Tondichtungen gehören jedoch nicht zum Besten von Suk. Sie haben ihre Längen.

Der tschechische Komponist Josef Suk ist vor allem durch ein Werk in Erinnerung, das im Konzertsaal zwar nur selten zu hören ist, auf dem Tonträgermarkt aber mit einigen herausragenden Einspielungen vertreten ist: seine Zweite Sinfonie c-Moll op. 27 mit dem Beinamen 'Asrael', ein sinfonischer Klagegesang von gewaltigen Dimensionen. Suk verarbeitet darin den Tod seines Schwiegervaters Antonín Dvořák sowie von seiner Frau (und Dvořáks Tochter) Otilka. Die Sinfonie 'Asrael' ist der Beginn eines vor allem dem Gedenken gewidmeten Komponierens; sie bildet den Beginn einer in den folgenden Jahren entstandenen Tetralogie, zu der noch die drei sinfonischen Dichtungen 'Pohádka léta' (Ein Sommermärchen) op. 29, 'Zráni' (Reifezeit) op. 34 und 'Epilog' op. 37 gehören. Nicht in den Kreis dieser verlustverarbeitenden und resümierenden Werke gehört Suks vierte sinfonische Dichtung 'Praga' (Prag) op. 26. Obschon im selben Jahr entstanden, als Suk die beiden prägenden Schicksalsschläge zu erleiden hatte, ist diese sinfonische Dichtung eine Huldigung an die böhmische Heimat, insbesondere die böhmische Kapitale Prag.

Der tschechische Dirigent Jiří Bělohlávek hat in den vergangenen Jahren bereits mit einigen Einspielungen eine Lanze für Josef Suk gebrochen. Über 'Asrael' hinausgehend hat er begonnen, auch die anderen Orchesterwerke von Josef Suk in Neueinspielungen bekannt zu machen und zur Diskussion zu stellen. Nachdem er sich vor zwei Jahren der Ersten Sinfonie und der 'Reifezeit' gewidmet hat, führt er nun in einer jüngst bei Chandos erschienenen Aufnahme 'Ein Sommermärchen' sowie 'Prag' zusammen, zwei opulente sinfonische Dichtungen, die den Musikern BBC Symphony Orchestra einiges abverlangen, aber auch mit dankbaren Stellen für heraustretende Solostimmen aufwarten.

Beide Werke sind effektvoll instrumentiert und warten nicht nur mit einigen markanten Themen auf, sondern auch mit überraschenden harmonischen Wendungen; beispielhaft genannt seien die fahlen Blechbläserklänge nach dem dramatischen Höhepunkt in 'Prag'. Doch gibt es immer wieder Strecken, die sich nicht zielgerichtet entwickeln, weil durchführungsartige Passagen blockartig nebeneinandergestellt werden. Dies gilt für das knapp 25-minütige 'Prag', mehr aber noch für das 'Sommermärchen'. Von dem Wiener Musikkritiker Julius Korngold wurde die fünfsätzige und über fünfzigminütige sinfonische Dichtung, in der Suk nach der sinfonischen Klage in 'Asrael' die trostspendende Kraft der Natur besingt, treffend als Sommermysterium bezeichnet. Suks Tonsprache ist jugendstilhaft überbordend in Harmonik, Orchestrierung (immer wieder ranken sich solistische Ornamente nach oben) und thematischer Gestaltung. Im Gegensatz zu den schlüssigen Entwicklungen in 'Pohádka' (Märchen) op. 16 oder dem großen Wurf der Streicherserenade op. 6 wirkt hier einiges überladen, undeutlich, schwer fasslich; manches erinnert an Schreker oder Zemlinsky. Man hat den Eindruck, als habe sich Suks Suche nach neuen Ausdrucksmitteln im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts nicht unbedingt positiv auf sein Komponieren ausgewirkt. Die beiden Werke scheinen – freilich nicht in ihrer Gesamtheit, wohl aber in Teilen – eher experimentell und nach einer tragfähigen musikalischen Sprache suchend.

Jiří Bělohlávek zeigt sich auch hier als ein Dirigent, der melodische Bögen suggestiv nachzuzeichnen versteht. Er bringt die ganze Leuchtkraft dieser stellenweise aus den Nähten platzenden Partituren in ihrer Reichhaltigkeit zum Klingen, doch kann auch seine beachtliche Phrasierungskunst nicht ganz wettmachen, was an Zusammenhang und Stringenz den Werken abgeht. In besonderer Weise gefallen die solistisch hervortretenden Holzbläsersolisten des BBC Symphony Orchestra. Die Streicher könnten einen etwas weicheren Klang pflegen (Bělohláveks auch von Chandos produzierte Suk-Aufnahmen mit der Tschechischen Philharmonie waren in dieser Hinsicht einnehmender), das Blech ist teilweise nur schwer zu bändigen und hüllt die Musik, insbesondere in 'Prag', zuweilen in einen funkelnden, aber undurchdringlichen Blechpanzer. Der Gesamtklang dieser als hybride SACD produzierten Einspielung ist für Chandos-Verhältnisse sehr hell und konturiert, dadurch allerdings auch wenig eindimensional. Richtet man den Blick aufs Detail, so fallen immer wieder wunderschön realisierte Momente auf, seien es archaisch anmutende harmonische Wendungen, die vom Blech pianissimo wie aus einer anderen Welt herübertönen, seien es beseelte Streichermotive, die vom BBC Symphony Orchestra mit inniger Kantabilität gespielt werden. Bělohlávek hat die Musiker offenbar für den Tonfall dieser Musik sensibilisiert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Suk, Josef: Ein Sommermärchen op. 29 & Prag op. 26

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
01.09.2012
Medium:
EAN:

SACD
095115510926


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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