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Sonntag, 20. Oktober 2019

Nederlands Dans Theater - Black & White: Ballett

101 Minuten für Jiří Kylián


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'Black and White' ist ein Dokument tänzerischer Sternstunden, auch wenn sie im Theater noch ein wenig heller glänzen mögen als im Studio.

Keine Frage, Jiří Kylián, 1947 in Prag geboren, an der dortigen Ballettschule des Nationaltheaters ausgebildet und mit einem Stipendium seit 1967 an der Royal Ballet School in London, dann von keinem Geringeren als John Cranko in Stuttgart gefördert und auf den choreografischen Weg gebracht, gehört zu den bedeutendsten Tanzschöpfern des 20 Jahrhunderts. Soviel ist sicher, da die kreative Kraft des Künstlers ungebrochen ist, wird auch das noch junge 21. Jahrhundert ihn aufnehmen müssen in seine Geschichte des Tanzes.

Mit dem 'Black & White'-Programm, in dem er sechs Kreationen aus den Jahren von 1986 bis 1991 für das Nederlands Dans Theater zu einem Abend zusammenfasste, gibt er einen wunderbaren Einblick in seine Arbeit, in seine Ästhetik des modernen Tanzes, die ihre neoklassische Herkunft nicht verleugnet, stark der Abstraktion verpflichtet ist und dennoch mit Humor und schwebender Leichtigkeit für sich einnimmt. Besonders erwähnenswert ist für Jiří Kyliáns Arbeiten, dass er sich immer musikalischen Herausforderungen stellt, niemals bewegungsmäßig musikalische Linien pur nachgestaltet, sondern immer von der Musik ausgehend mit den unglaublichen Facetten seiner Tanzkunst einen spannenden Prozess wechselseitiger Korrespondenzen schafft.

Bei der vorliegenden DVD handelt es sich um eine Studioproduktion. Unter den Tänzern fallen Namen auf wie Jorma Elo, Paul Lightfoot oder besonders Johan Inger, die sich inzwischen selber international als Choreografen bewährt haben. Wer die hier zusammengefassten Arbeiten von Aufführungen kennt, wird die damit verbundene Atmosphäre vermissen, das Studio kann diese nicht ersetzen. Zum Trost: Welterfolge wie 'Six Dances' oder 'Petite Morte' zu Musik von Mozart wird man immer wieder sehen können, keine große und technisch versierte Kompanie kann darauf verzichten. Überhaupt, Kyliáns Schöpfungen sind lebendig. Jüngst kam in Prag beim Nationalballett die 'Feldmesse' zur gleichnamigen Komposition von Bohuslav Martinů heraus. Kaum zu glauben, dass diese Kretaion vor fast 35 Jahren entstanden sein soll.

Zurück zur vorliegenden DVD. Wegen der Vielfalt mit den zusammengefassten sechs Choreografien dürfte sie für Spezialisten auf jeden Fall dokumentarischen Gewinn bedeuten. Tanz- und Ballettfreunde werden ganz sicher ebenfalls daran Freude haben und vielleicht ihre Lieblingsstücke bevorzugt ansehen. Das Spektrum ist weit. In 101 Minuten sieht man so unterschiedliche Arbeiten wie etwa 'Sarabande' von 1990, zu Johann Sebastian Bachs Sarabande aus der Partita für Violine solo Nr  2 BWV 1004, gespielt von Gidon Kremer, gebrochen von den Klängen einer elektronischen Zuspielung. Wie die sechs Tänzer in kämpfenden, alptraumartigen Szenen auf die über sie hereinbrechenden Klangwelten reagieren, das hat Kylián selbst als ‚Schwarzweißskizze‘ bezeichnet, die ‚vom Beobachter mit Farben zu füllen ist‘.

Immer wieder hat sich der Choreograf von fernen Kulturen, Klängen und Tanztraditionen inspirieren lassen. ein Beispiel dafür ist 'Falling Angels' von 1989 zu Steve Reichs 'Drumming Part 1'. Jetzt sind es acht Frauen die zu den Trommelrhythmen, angeregt durch westafrikanische Rituale, in unwahrscheinlicher, energiegeladener Steigerung tanzen. Stärker könnte die optische Entsprechung nicht sein zur akustischen, wenn in 'No More Play' von 1988 zur Musik von Anton Weberns 'Fünf Sätzen für Streichquartett' zwei Tänzerinnen und drei Tänzer sich auf unterschiedlichen Ebenen in verschiedenen Konstellationen bewegen. Große Sanftmut, ein Hauch von Melancholie, Nähe und Distanz.

Die zu Beginn hier kurz wie auf Geisterfüße sich bewegenden übergroßen Reifröcke kehren wieder, wenn auch jetzt absurd und grotesk in 'Petit Mort' von 1991 zu zwei Ausschnitten aus Klavierkonzerten von Mozart. Aggression, sexuelle Spannung und Ambivalenz, Rokoko und Gegenwart, der ‚Kleine Tod‘, wie man im Französischen den Geschlechtsakt nennt, kennt keine Zeit und keine Epoche. Männliche Degenkämpfe, fast militärisch exakt, um nicht zu sagen militant, überwunden durch die Sinnlichkeit weiblicher Kampftechniken, deren Waffenschärfe die der Eleganz und Zartheit sind. Was aber ganz und gar nicht heißt, die Herren hätten davon nichts in ihren Genen.

Eine Traumwelt, abgründig und voller Rätsel präsentieren die Paare zu Anton Weberns 'Sechs Stücken' für Orchester in 'No More Play'. Hier ist zudem der skurrile Humor des Choreografen unverkennbar, insbesondere im beziehungsreichen Spiel mit der mythologischen Verführungsfrucht des Apfels.

Ein Reißer, ein Renner im choreografischen Kosmos des Jiří Kylián entstand 1986 zu Mozarts 'Sechs Deutschen Tänzen'. Kylián schuf zu diesem Dauerbrenner die Kostüme selbst und nannte sie ‚Mozartische Unterwäsche‘. Was wir in der aberwitzigen Choreografie erleben, spielt sich eigentlich unter der Unterwäsche ab, geht kraft der tänzerischen Brillanz und des hintergründigen Humors unter die Haut, und der Zuschauer irrt sicher nicht, wenn er sich an die vielen so herrlichen wie derben Anzüglichkeiten in den Briefen erinnert, die Mozart mit dem geliebten ‚Bäsle‘ austauschte. Der große Spaß mit gepuderten Perücken, Seifenblasen aus dem siebten Bühnenhimmel und dennoch die unbeschwert erscheinende Heiterkeit hat Brüche, der Überschwang mag die Furcht vor der Einsamkeit verbergen wollen, vertreiben kann er sie nicht. Auch im Komödiantischen erweist sich Kylián als Meister von Shakespeares Gnaden, der Abstand zur Tragik ist ganz nahe. Eben: 'Black and White', dazu viele Zwischentöne, ein Dokument tänzerischer Sternstunden, auch wenn sie im Theater noch ein wenig heller glänzen mögen als im Studio.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Nederlands Dans Theater: Black & White: Ballett

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
17.09.2012
Medium:
EAN:

DVD
807280008593


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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