> > > Veit, Matthias spielt: Werke von Nielsen, Scarlatti, Haydn u.a.
Dienstag, 27. Juni 2017

Veit, Matthias spielt - Werke von Nielsen, Scarlatti, Haydn u.a.

Klaviermusik durchs Schlüsselloch betrachtet


Label/Verlag: TYXart
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das von Matthias Veit liebevoll zusammengestellte und kreativ präsentierte Kaleidoskop von pianistischen Miniaturen verschiedenster Epochen bietet dem Zuhörer die Gelegenheit, seine Hörgewohnheiten völlig neu zu definieren.

Mit seiner ungewöhnlichen Zusammenstellung kürzester Klavierkompositionen aus vier Jahrhunderten geht der Pianist Matthias Veit ein Wagnis ein, das unter den Zuhörern nicht nur Aufsehen erregen, sondern auch polarisieren könnte. Wer es gewohnt ist, sich beim Hören voll und ganz auf die Musik einzulassen und sich auf wenige ausgewählte, mehrsätzige und in sich geschlossene Kompositionen zu konzentrieren, wird angesichts der Schnelllebigkeit dieser 85 Miniaturen – die Länge der Stücke schwankt zwischen etwa 30 Sekunden und 2 Minuten – geradezu entsetzt sein. Nicht nur, dass Matthias Veit die Mini-Werke bewusst so anordnet, dass sie nahezu ohne Pause ineinander übergehen und dem Zuhörer kaum eine kurze Verschnaufpause gönnen. Er sieht auch von einer chronologischen Reihenfolge ab, sondern präsentiert die Stücke in einer bunten Mischung aus teilweise gegensätzlichen Stilen, so dass sich Werke aus dem 17. Jahrhundert mit Kompositionen aus der jüngsten Moderne die Hand geben. Bei manchem Zuhörer ruft eine solch scheinbar planlose Zusammenstellung zunächst unter Umständen Verwirrung und Skepsis hervor. Wer jedoch die anfänglichen Vorbehalte für kurze Zeit ignoriert, wird durch ein Klangerlebnis belohnt, das sich als etwas völlig Neues entpuppt und dem Zuhörer die Möglichkeit bietet, festgefahrene Hörgewohnheiten und -erwartungen noch einmal zu überdenken.

Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

Das Besondere an der Auswahl, die Matthias Veit mit seiner bei Chromart Classics erschienenen Einspielung präsentiert, sind die Überraschungen, die sie für den Zuhörer in mehrfacher Hinsicht bereithält. So ‚ketzerisch‘ es zunächst wirken mag, die gegensätzlichsten Kompositionen unterschiedlichster Stilepochen scheinbar wahllos aneinanderzureihen, so erstaunlich ist das Klangerlebnis, das auch eine völlig andere Interpretation denkbar werden lässt. Wer Matthias Veits ‚Micromania‘ ohne Unterbrechung hört, erlebt bei allen stilistischen Gegensätzen Übergänge, die so nahtlos und sanft sind, dass oft nicht eindeutig bestimmbar ist, wo das eine Stück endet und das nächste beginnt. Hierbei ist es völlig belanglos, ob es sich um Stücke derselben Epoche handelt, oder ob Johannes Brahms Einojuhani Rautavaara ablöst und die Staffel unmittelbar danach an Harald Genzmer weiterreicht. Sobald die Kompositionen aus ihrem ursprünglichen Kontext genommen werden, erhalten sie eine andere Wirkung und auch einen anderen Charakter, der es dem Zuhörer erlaubt, nicht in erster Linie das Konträre, sondern das Ähnliche, Vertraute wiederzuentdecken. Dass Matthias Veit dennoch keineswegs darauf verzichtet, den Reichtum an Kontrasten hervorzuheben, fällt angesichts seines ausgefeilten und vielfarbigen Spiels eher innerhalb einzelner Kompositionen auf als beim Wechsel zwischen den verschiedenen Epochen. Sein Anspruch, den Zuhörern die Stücke näherzubringen und ihr Verständnis zu wecken, sie aber gleichzeitig zu überraschen, ist dementsprechend jederzeit greifbar.

Dem Zeitgeist nachempfunden

Matthias Veit gelingt es mit seiner bunten Zusammenstellung, nicht nur die Vielfalt und -farbigkeit der Klaviermusik hervorzuheben mit allen Kontrasten, die sie beinhaltet, sondern auch Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten auszuloten, die man als Hörer nicht erwartet hätte. Auf diese Weise trifft er den Geist unserer heutigen Zeit, in der wir täglich mit den verschiedensten, teilweise extrem gegensätzlichen Eindrücken konfrontiert werden und selten Zeit haben, länger bei einem zu verweilen. Wie dem in dieser Hinsicht überaus spannenden und interessant geschriebenen Booklettext zu entnehmen ist, ging es ihm darum, auf die heutige Schnelllebigkeit mit aphoristischer Kürze zu reagieren und dabei Altes und Neues miteinander zu verbinden, um neue Klangphänomene zu erzeugen. Im Laufe der Gesamteinspielung hat der Zuhörer nicht nur Werke und Komponisten sämtlicher einschlägiger Epochen kennengelernt, sondern ist auch hörenderweise einmal um den gesamten Erdball spaziert, zumal sowohl abendländische Musik als auch fernöstliche Klänge, sowohl westeuropäische als auch südamerikanische Kompositionen zu einem künstlerischen Gesamteindruck verschmelzen. Neben der bemerkenswerten Zusammenstellung der Miniaturen beeindruckt Matthias Veit nicht zuletzt durch sein brillantes und stets transparentes Spiel, das hervorragend auf die verschiedenen Stilcharaktere eingeht, so dass der Zuhörer unabhängig von den Werken auch einen exzellenten Eindruck davon erhält, was das Klavier alles kann und welche klanglichen Möglichkeiten es einem versierten Pianisten bietet.

Kurz gesagt: Gerade wegen ihres ungewöhnlichen Konzepts stellt die Präsentation von Matthias Veit eine Bereicherung für jede Klassiksammlung dar. Selten hat der Zuhörer die Möglichkeit, in so kurzer Zeit so viele Facetten der Musikgeschichte – sowohl geographisch als auch historisch gesehen – kennenzulernen und gleichzeitig noch den Horizont seiner persönlichen Hörgewohnheiten zu erweitern.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Veit, Matthias spielt: Werke von Nielsen, Scarlatti, Haydn u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
TYXart
2
01.09.2012
99:00
EAN:
BestellNr.:

4250702800095
TXA12009


Cover vergössern

"MICROMANIA 85 Piano Miniatures
Die Klassiker des Klaviers in aller Kürze - von Girolamo Frescobaldi bis Sofia Gubaidulina
Matthias Veit, Klavier

Zwei Grundprobleme bewegen den Menschen (im doppelten Sinn des Wortes) im 21. Jahrhundert: die Schnelllebigkeit und die Komplexität des Angebots - nicht nur des kulturellen. Innerhalb der Musik, und innerhalb dieser wieder in der sogenannten klassischen, „lebt" der heutige Mensch in mehreren Epochen gleichzeitig, hört die verschiedensten Stile neben- und durcheinander. Es wird immer notwendiger, Dinge schnell zu erfassen oder auszuwählen aus einem stetig wachsenden Gebirge an Geschaffenem.
Der Pianist Matthias Veit geht auf der vorliegenden Doppel-CD mit seinem Programm - als großartiger Musiker am Klavier - auf diese Situation in sensibler und inspirierend musikalischer Art und Weise ein, und entwirft ein „Kaleidoskop" der musikalischen Epochen im Brennpunkt klassischer Klaviermusik. Und in dieser wieder in konzentrierter Form, als kurze Erscheinung, Aphorismus, Diktum - als ein Spiel mit der Kürze, dem Wenigen. Wobei aus den Miniaturen schließlich wieder etwas Großes entsteht - ein ganzer Konzertabend voller buntschillernder Piècen.
Übrigens all dies a-chronologisch - so wie wir heute Musik ja auch hören: der Bach steht neben Kurtag, auf Händel folgt Poulenc. Zur Überraschung des Hörers entsteht eine Quer-Ver-Strebung von Musik, die uns neu hinhören lassen will und durchaus Aha-Effekte beschert: vielfach fallen die Gemeinsamkeiten bei gleichzeitigem Stilkontrast verblüffender auf als die Andersartigkeiten. Mehrfach-hörenswert, dieses neue Doppel-CD-Album des Pianisten Matthias Veit. "


Cover vergössern

TYXart

TYXart - the musicART label

TYXart ist es ein besonderes Anliegen, die emotionalen, geistigen und intellektuellen Anforderungen von Musikliebhabern mit hochwertigen künstlerischen Einspielungen zu erfreuen - und dass Tiefsinn, Humor, Stille, Kraft, Nachdenklichkeit, aber auch Lebensfreude, Jubel oder Trauer, also alles, was die musikalischen Befindlichkeiten des Menschen erhebt und befriedigt, in unseren Veröffentlichungen enthalten ist.

Es geht uns dabei nicht in erster Linie nur um "Berühmtheit" oder "Perfektionismus", sondern ums Humane, Originelle, Individuelle und um die begeisternden und begeisterten Interpretationen ungewöhnlicher Musiker, auch der ganz jungen. Jede CD ein Unikat! Das soll unser Motto sein. Dass sich unserem Konzept bereits mehrere außergewöhnliche und berühmte Künstler spontan anschließen, beruht auf deren Überzeugung von der Richtigkeit unseres Anspruchs.

Herausragende Musiker und Ensembles der Veröffentlichungen: Giora Feidman (Klarinette), Elena Denisova (Violine), Yojo (Klavier), Liana Issakadze (Violine), Alexander Suleiman (Violoncello), Corinne Chapelle (Violine), Carmen Piazzini (Klavier), Franz Grundheber (Bariton), Matthias Veit (Klavier), Nathalia Prishepenko (Violine), Alexandra Sostmann (Klavier), Franz Hummel (Komponist), Masako Sakai (Klavier), Ensemble del Arte (Kammerorchester), Vardan Mamikonian (Klavier), Jakob David Rattinger (Viola da Gamba), Werner Schneyder (Musik-Kabarett), TRIO ZERO, Sojka Quartett, Deutsches Saxophon Ensemble, Moscow Symphony Orchestra ...

Wir stellen zusammen mit unseren Künstlern in Serien wie z.B. "Modern Classics", "Rising Stars" oder "Crazy Edition" Aufsehen erregende Musikaufnahmen unserer Zeit ungewöhnlichen Interpretationen aus mehreren Epochen gegenüber, um ein breites Publikum auf die Lebendigkeit, Schönheit und Kühnheit neuer Kompositionen im Fokus radikaler oder besonders individueller Interpretationen traditioneller Werke aufmerksam zu machen. Lassen Sie sich auch jenseits von Mainstream-Bewegungen begeistern von den sensationellen Einspielungen der Künstler bei TYXart!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag TYXart:

  • Zur Kritik... Starkes Debüt: Anne Rieglers Debüt-Album überzeugt sowohl durch das programmatische Konzept als auch durch gelungene Interpretationen. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... In Mannheim unterm Dach: Diese Zusammenstellung macht mit bislang weitgehend vernachlässigten Cellowerken bekannt - die Bekanntschaft lohnt sich. Sie ist nicht von langer Dauer, aber möglicherweise mit bleibenden Eindrücken. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Imperialistisch-emphatisch: Martin Ostertag und Oliver Triendl sind berufene Anwälte dieser ästhetisch eher rückwärts gewandten, aber deshalb keineswegs uninteressanten Kammermusik. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von TYXart...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Uta Swora:

  • Zur Kritik... Die Kraft des Gebets: In dieser Einspielung vereint das Warsaw Philharmonic Orchestra zwei Vertonungen religiöser Texte verschiedener Religionen, die musikalisch völlig unterschiedliche Sprachen sprechen, doch jeweils von einer unglaublichen Ausdrucksintensität geprägt sind. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Exotisches für Neugierige: Das vielversprechende Debut von Sabrina Ma, der Preisträgerin des Deutschen Musikwettbewerbes von 2013, weist sie als erstklassige Perkussionistin aus und präsentiert gleichzeitig die enorme Vielfalt, die sich hinter der Bezeichnung Schlagwerk verbirgt. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
  • Zur Kritik... Der Klang der Reformation: Die vorliegende Aufnahme liefert einen umfassenden Querschnitt durch die Musik der Reformation. Bemerkenswert ist sowohl die differenzierte Klangsprache der einzelnen Werke als auch die Ausdrucksvielfalt der Stimmen und Instrumente. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Uta Swora...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Würdigung eines wichtigen Komponisten: Pünktlich zum zehnten Todestag von Günther Becker veröffentlicht das Label Cybele eine Anthologie mit drei SACDs, die sich in Klang und Ton dem 2007 verstorbenen Komponisten und seiner Klaviermusik widmet. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Frisch und gediegen: Johannes Moesus und das Süddeutsche Kammerorchester Pforzheim bereichern die Rosetti-Reihe bei cpo mit einer frischen und musikalisch-dramatischen Umsetzung der Werke. Insgesamt wirkt der Zugang jedoch ein wenig zu gediegen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Die Kraft des Gebets: In dieser Einspielung vereint das Warsaw Philharmonic Orchestra zwei Vertonungen religiöser Texte verschiedener Religionen, die musikalisch völlig unterschiedliche Sprachen sprechen, doch jeweils von einer unglaublichen Ausdrucksintensität geprägt sind. Weiter...
    (Dr. Uta Swora, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich