> > > Prokofieff, Sergei: Sinfonien Nr. 5 & 6
Donnerstag, 19. September 2019

Prokofieff, Sergei - Sinfonien Nr. 5 & 6

Tiefenscharfe Prokofjew-Lektüre


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sakari Oramos Einspielung der Sinfonien Nr. 5 und 6 von Sergej Prokofjew ist eine begrüßenswerte Erweiterung der Diskographie, vor allem wegen der packenden Interpretation der Sechsten Sinfonie.

Im Februar letzten Jahres gab Sakari Oramo ein gefeiertes Debüt beim Chicago Symphony Orchestra, als er für Riccardo Muti einsprang. Besonderen Eindruck machte damals seine Aufführung von Sergej Prokofjews Sechster Sinfonie es-Moll op. 111, ein Stück, das von der Popularität der Fünften Sinfonie B-Dur op. 100 gemeinhin in den Schatten gestellt wird und daher im Konzert nur selten zu hören ist. Doch der finnische Dirigent Sakari Oramo machte in Chicago deutlich, welche expressive Tiefenschärfe die Sechste Sinfonie aufweist – da war es kaum mehr als ein halbes Jahr her, seit er ebendieses Werk mit dem Finnischen Radio-Sinfonieorchester für Ondine aufgenommen hat. Einige Monate später wurde dann die Fünfte Sinfonie aufgezeichnet, die der Sechsten in vorliegender Produktion vorangestellt ist.

Oramo ist bekannt dafür, Details der Notentexte präzise umsetzen zu lassen, dabei aber stets eher kompositorischen Sinn und Ausdruckspotentiale denn bloße Buchstabentreue in den Mittelpunkt zu stellen. Hinzu kommt die kapellmeisterliche Kompetenz, die Stimmen sorgfältig in ein ausgeglichenes Verhältnis zueinander zu bringen, so dass Hauptthemen plastisch hervortreten, Begleit- und Füllstimmen sowie Kolorit aber das Klangpanorama hörbar bereichern. Diese Tugenden zeigen sich auch hier; sie machen diese Prokofjew-Einspielung zu einer willkommenen Erweiterung der Diskographie.

Oramo trifft stets den für Prokofjews Partituren typisch ambivalenten Tonfall. Auch wenn die Fünfte Sinfonie manchem als heroisch und allzu affirmativ erscheint – diese Hymne an die Größe des menschlichen Geistes, dieses ‚Lied auf den freien und glücklichen Menschen‘ (so der Komponist über die Fünfte Sinfonie) schließt zwar in der zwingenden musikalischen Entfaltung so klar an die sinfonische Tradition an wie keine der früheren Sinfonien Sergej Prokofjews, doch wird die in großen Wellen und weiten Bögen angelegte Entwicklung immer wieder eigentümlich eingefärbt und damit brüchig: Dem in den tiefen Streichern ruhenden Hauptthema des Kopfsatzes setzt Prokofjew ein kaltes, gläsernes Pfeifen entgegen und stellt so den bekräftigenden Charakter der Musik infrage. Ähnliche Ambivalenzen finden sich auch in den anderen Sätzen, etwa wenn rhythmisch schäumenden Figuren im 'Allegro moderato' durch die Instrumentation eine beklemmendes Kolorit verliehen wird.

Sakari Oramo bringt diese Ambivalenz deutlich zum Ausdruck, indem er die charakteristischen Einfärbungen akzentuiert. Damit einher geht eine glasklare Umsetzung der orchestralen Tiefenschichten. Oramo legt auch im langsamen Satz nicht nur Wert auf die getragenen, elegischen Hauptstimmen, sondern macht auch die immer wieder fast hektisch flirrenden Mittelstimmen hörbar. Den Bässen verleiht er prägnante Kontur, und auch die Bläser sind in rechtem Maße integriert: je nach Charakter beigemischt oder als farblicher Gegenakzent.

Das insgesamt erstklassige Finnische Radio-Sinfonieorchester zeichnet den ersten Satz der herben es-Moll-Sinfonie scharfkantig im Blech, griffig in den Holzbläsern und äußerst agil in den Streichern. Es folgt Oramo in jede mehrstimmige Verästelung und setzt die rhythmischen Konturen mit akkurater Schärfe um. Oramo gelingt es nicht zuletzt deswegen so überzeugend, die Spannungsbögen der einzelnen Sätze zwingend zu entfalten, weil er durchweg auf flüssige Tempi setzt. Im Gegensatz etwa zu Marin Alsop, die vor Kurzem eine Einspielung der Fünften Sinfonie vorlegte, verliert sich Oramo nie in weit ausschwingenden Linie, entwickelt die Musik allerdings umso entschiedener zu wuchtigen, grellen Höhepunkten, etwa im ersten Satz der Sinfonie Nr. 6, an dem Oramo die gesammelte Klangenergie zu einer fesselnden Klimax verdichtet. Doch manchmal wirkt die straffe Umsetzung fast ein wenig zu leichtgewichtig. In Prokofjews Sinfonien wären zuweilen noch tiefe Abgründe zu entdecken, wenn Oramo sich ein wenig mehr Zeit ließe, in sie hinabzuschauen.

Dynamische Feinarbeit, Gewichtung der Stimmen und Farben, Tiefenschärfe – all das wird von der Klangtechnik bestens transportiert. Man fragt sich angesichts der ungewöhnlich präsenten Beiträge des Klaviers schon, ob da nicht technisch ein wenig nachgeholfen wurde. Doch auch wenn es so wäre: Dass man die perkussiven Anteile des Klaviers hört, trägt allemal zur Bereicherung des Klangeindrucks bei.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Bisherige Kommentare zu diesem Artikel

  1. Kontrastmeinung aus den USA
    Ich selbst finde die Einspielung relativ schlapp und mechanisch, keine Konkurrenz z.B. zu Järvi (Chandos) oder Previn (Philips, Nr.5).

    Nutzer_PHNBSOS, 10.10.2012, 13:15 Uhr
    Registriert seit: 10.10.2012

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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Prokofieff, Sergei: Sinfonien Nr. 5 & 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
06.08.2012
Medium:
EAN:

CD
761195118122


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Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


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