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Dienstag, 19. Februar 2019

Mahler, Gustav - Briefe an seine Verleger

Gustav Mahler als Briefschreiber


Label/Verlag: Universal Edition
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Ausgabe von Gustav Mahlers Briefen an seine Verleger ist keineswegs nur eine spannende Lektüre für Musikwissenschaftler und Mahlerianer.

Welcher Seite Gustav Mahlers wird der Leser begegnen, der sich in die Lektüre seiner Korrespondenz mit den verschiedenen Verlegern stürzt, die sich seiner Werke auf die eine oder andere Weise als Herausgeber angenommen haben? Bislang lag keine Edition der Briefe Mahlers an Verlage und Verleger vor. Man könnte vermuten, dass diese Post weniger editionswürdig erschien, da sie ihrem Charakter nach vornehmlich geschäftsmäßig und nüchtern formuliert ist und Sachverhalte betrifft, die vermeintlich nur oder eher musikhistorische Spezialisten interessiert. Das bisherige Fehlen einer Zusammenstellung der Verlagspost Mahlers beruht aber vor allem darauf, dass die Briefe größtenteils durch Kriegsfolgen zerstört wurden. Darüber hinaus machen die Vielzahl der betroffenen Verlage, die komplizierten Sachverhalte zum Beispiel in Bezug auf Druck- und Vertriebsrechte und Mahlers ständige Neubearbeitung auch schon gedruckter Werke die Sicht auf Mahlers Korrespondenz mit seinen Verlegern nicht gerade durchsichtig; sie erfordern umfangreiche Erläuterungen.

Sicherlich sprüht Mahlers Korrespondenz mit Verlagen wie Peters, Weinberger, Kahnt oder der Universal Edition nicht im gleichen Maße vor hintergründigem Humor, intellektueller Freude an philosophischen Gedankengängen oder einem außergewöhnlich hohen literarischen Niveau im Ausdruck sowohl von glücklichen als auch depressiven Gefühlsregungen, wie dies in anderen seiner insgesamt etwa zweitausend publizierten Briefe der Fall ist. Auch geht es hier nicht um den brieflichen und völlig pragmatischen Austausch alltäglicher Dinge und deren Organisation, die heute mit Hilfe von Telefon und Internet geregelt würden. Doch – darum geht es sehr wohl in seiner Verlags-Post. Und mit dieser Schnittmenge zwischen privater und geschäftlicher Post Mahlers zeigt sich wieder einmal ein Charakteristikum des Briefschreibers Mahler: Er kann sich selbst als Person und Persönlichkeit auch in Briefen nicht verhehlen, denen ein hohes Maß an Sachlichkeit eigen ist, abgesehen von den Vertragstexten, die als juristische Dokumente aber auch nicht allein von Mahler formuliert sind.

Mahlers Briefe an seine Verleger endlich im Blickfeld der Mahler-Forschung

Dass sich Franz Willnauer, einer der großen Mahler-Spezialisten unserer Zeit, nun der Verlagskorrespondenz Mahlers angenommen hat, ist angesichts des außerordentlich vielschichtigen Gegenstands lobenswert und schließt eine empfindliche Lücke in der Mahler-Forschung, die dieses Thema bisher mehr oder weniger geschickt ausgespart hatte (S. 8). Willnauers entlastend gemeinter Hinweis, dass die Korrespondenz wegen der großen Kriegsverluste ja auch nicht besonders umfangreich sei, kann aber auch gerade umgekehrt ausgelegt werden: Geringere Quantität hätte schon früher einen Bearbeiter dazu führen können oder müssen, sich des Themas anzunehmen. Wenn nicht die Sache schlicht und einfach gerade eines nicht wäre: einfach.

Willnauer publiziert auf etwa 180 Seiten insgesamt knapp 150 Schriftstücke, nicht allein Briefe und Telegramme von Mahler an seine Verleger, sondern auch umgekehrt von den Verlegern an Mahler (elf), Vertragstexte (acht) und Briefe von Mahler an Freunde und Bekannte, die aber im Zusammenhang mit Verlagsangelegenheiten stehen (vierzehn). Die Briefe sind mit wenigen Ausnahmen chronologisch geordnet, wobei sich die Korrespondenz mit verschiedenen Verlegern gelegentlich überschneidet. Die Nachrichten an die Verleger sind mit Buchstaben- und Zahlensiglen versehen, die auf die Verlage verweisen und durch die Nummerierung eine chronologische Ordnung der einen bestimmten Verlag betreffenden Post ermöglichen. Den Editionen schließen sich Hinweise auf das Schriftstück, den Aufbewahrungsort, eine etwaige vorherige Publikation, Datierung sowie Erläuterungen zu Personen und Umständen an. Gegebenenfalls folgen im Vorgriff auf die folgenden Briefe Erläuterungen zu inhaltlichen Zusammenhängen und zu einer Komposition und/oder zu deren Veröffentlichung.Ergänzend zu einer auf einen Brief an Oskar Fried bezogenenAnmerkung, in der Willnauer auf S. 112 angibt, den Aufenthaltsort Mahlers während der Osterferien der Hofoper im Jahr 1905 nicht nachweisen zu können, ist nachzutragen (weil die Publikation sich vermutlich mit Willnauers Forschungen überschnitt), dass Mahler die freien Tage wohl in Abbazia verbracht hat (Helmut Brenner und Reinhold Kubik, Mahlers Welt. Die Orte seines Lebens. Salzburg 2011, S. 227). Willnauer hat, anders als in den ‚klassischen‘ Briefeditionen Mahlers, dessen teils oberflächlich-flüchtige, teils individuelle Rechtschreibung wiedergegeben, die ‚auch als Ausdruck der wechselnden Befindlichkeiten ihres Schreibers und der Spontaneität seiner Aussagen verstanden werden muss‘ (S. 14).

Der Wiedergabe der Briefe geht ein Kapitel über Mahlers Verlage und Verleger voraus (S. 17-64), in dem Willnauer die Verlage, mit denen Mahler zusammengearbeitet hat, chronologisch vorstellt und die Art der Geschäftsbeziehungen erläutert. Dies führt allerdings auch dazu, dass unter Umständen ein Verlag, der im Laufe der Jahre unter verschiedenen Rechtsformen oder Inhabern und unter möglicherweise unterschiedlichen Namen bestand, an verschiedenen Stellen behandelt wird, etwa Kahnt (S. 21f. und S. 47f.), Weinberger (S. 29ff. und S. 37ff.), Universal Edition (S. 49ff. und S. 61f.). Aufgrund solcher Unterbrechungen muss der Leser immer wieder hin und her blättern, um sich die Informationen, auf die es ihm ankommt, selbst zusammen zu stellen (z. B. findet man ergänzende Informationen zum Sachverhalt von S. 33f. auf den Seiten 29, 35 und 41). Oder – umgekehrt – der Herausgeber ist gezwungen, durch Wiederholungen Zusammenhänge herzustellen, die anders einfacher zu haben gewesen wären.

Die Briefausgabe wird ergänzt durch ein Verzeichnis der publizierten Werke, außerdem durch ein chronologisches Verzeichnis der Briefe Mahlers und neben Namenregister und Bildnachweis (zu immerhin 26 Abbildungen) auch durch ein Literaturverzeichnis, das allgemeinere Publikationen zu Mahler, zu seinen Verlagen und zur Edition seiner Werke getrennt auflistet. Nicht immer verweist Willnauer in seinen Erläuterungen auf andere, korrespondierende Briefe im selben Band, obwohl dies mit Hilfe der von ihm selbst vergebenen Siglen sehr einfach gewesen wäre (wie er etwa auf S. 200 zu einem Brief Mahlers an Emil Freund auf den Brief P 5 – S. 121f. – aufmerksam macht). Einige wenige kleinere Mängel seien beiläufig erwähnt, beispielsweise das etwas unübersichtliche Layout, an das man sich aber während der Lektüre gewöhnen kann, einige leicht vermeidbare Schusterjungen, uneinheitliche Rechtschreibung (Autograf neben Autograph) oder das Fehlen statistischer Angaben wie der Zahl der schon an anderer Stelle publizierten Briefe.

Anregende Brieflektüre für jeden Mahler-Fan

Was bietet nun aber diese Briefausgabe einem Leser, der sich für die editorischen Feinheiten und urheberrechtlichen Umstände der Edition von Gustav Mahlers Werken gar nicht so sehr interessiert? Er lernt Gustav Mahler als Geschäftsmann kennen, der (auch hier) sehr genaue Vorstellungen sowohl von seinen Zielen als auch von der Wirkung seiner Werke hat. So wehrt er sich vehement gegen eine (vermeintlich geplante) Uraufführung seiner Neunten Sinfonie in seiner Abwesenheit (Brief UE 31 vom 29.12.1910, S. 233f.): ‚Ich schmeichelte mir, daß dieß wol nur eine vorübergehende Anwandlung sei; daß man das gänzlich Unpassende und Absurde eines solchen Vorhabens nach reiferer Überlegung von selbst fallen lassen werde; daß man, da ich mich derzeit noch unter den Lebenden befinde, mich nicht ganz dabei umgehen werden wolle, da doch bisher meine Anwesenheit bei solcher Gelegenheit nicht störend war. [...] Nochmals: Ich verbitte mir jedes Befaßen mit meinen neuen Werken von welcher Seite auch immer. – So lange ich lebe[,] behalte ich mir die Beschlußfaßung wegen einer Uraufführung ganz allein vor [...] Ich bin wirklich ganz entsetzt über die Denkungsart, welche solche Pläne faßen kann [...].‘

Der Leser macht die Erfahrung (wie eben angeklungen), dass Mahler je nach Anlass und Umfeld auch in der Korrespondenz mit seinen Verlegern einen ironischen bis sarkastischen, ungehaltenen, strengen, aber eben auch geradezu freundschaftlichen Umgangston pflegte, ganz wie auch in seinen eher privaten Briefen – und widerspricht damit indirekt seinem Komponistenkollegen Ernst Krenek, der Verleger als ‚natürlichen Feind‘ der Komponisten (S. 242, Nachwort) bezeichnet hatte.

Mahler hatte dezidierte Ansichten über die Bedingungen einer erfolgreichen Verbreitung seiner Werke, über die sich mancher Leser freuen dürfte (obwohl oder gerade weil die Realität dem oft genug entgegen steht): Seinem Freund Emil Freund teilt Mahler im Juni 1909 verschiedene Punkte mit, die dieser in die Vorbereitung eines Vertragstextes einfließen lassen soll (S. 201): ‚Der Preis für die zweihändigen Klavierauszüge, der im Interesse der Verbreitung meines Werkes und schließlich sogar im finanziellen Interesse des Verlags möglichst billig angesetzt werden möge.‘

Wer Mahlers Briefe rund um die Edition seiner Werke liest, fühlt sich bisweilen um hundert Jahre in die Zukunft – mithin in unsere Gegenwart – versetzt, wenn er etwa im Zusammenhang mit der geplanten Uraufführung der Sechsten Sinfonie liest (Brief P 7 vom 3.11.1903, S. 124: ‚Ich scheue die großstädtische Presse, die bei solchen Anläßen gewöhnlich ein Schlagwort ausgiebt, das dann tausendfach gedankenlos wiederholt wird.‘

So ist diese Ausgabe von Gustav Mahlers Briefen an seine Verleger keineswegs nur eine spannende Lektüre für Musikwissenschaftler und die ganz ‚harten‘ Mahler-Fans. Der Leser, der sich Mahlers Ringen um eine bestmögliche Publikation seiner Werke bewusst gemacht hat, wird womöglich die nächste Mahler-Sinfonie von einer neuen Seite her hören und anders, neu zu schätzen lernen.


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    Mahler, Gustav: Briefe an seine Verleger

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Anzahl Medien:
Universal Edition
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EAN:
9783702471194

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Universal Edition

Der 1901 in Wien gegründete Musikverlag Universal Edition entwickelte sich innerhalb weniger Jahre vom Musikverlag für klassische Unterrichtsliteratur zum zukunftsorientierten Haus für schöpferische Begabungen des zeitgenössischen Musikschaffens.

Der Katalog der Universal Edition umfasst mehr als 30.000 Nummern und ist untrennbar mit den großen Musikströmungen und Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts verbunden.

Die Unternehmensziele der Universal Edition sind:

  • die verlegerische Betreuung von Komponisten durch die Herstellung von Notenmaterial für Aufführungszwecke, bzw. die Herstellung von Verkaufsausgaben
  • die internationale Promotion von Komponisten und deren Werken
  • der Ausbau des zukunftsorientierten Kataloges an Musikwerken
  • Verwaltung und Kontrolle von Urheberrechten an musikalischen Werken
  • Die Herausgabe von musikwissenschaftlich erarbeiteten Ausgaben (Gesamtausgaben)
  • Herausgabe von Spiel- und Unterrichtsliteratur nach neuesten musikpädagogischen und spieltechnischen Erkenntnissen


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