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Dienstag, 28. September 2021

Boccherini, Luigi - Boccherini Edition

Großpackung gute Laune


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Boccherini Edition von Brilliant Classics zeichnet ein wunderbar vielseitiges Bild des Komponisten Luigi Boccherini (1743-1805) und versprüht jede Menge gute Laune!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Diese Boccherini Edition von Brilliant Classics ist einfach großartig. Sie ist die derzeit umfassendste Darstellung von Boccherinis Werken auf CD, gespielt von fast durchweg hervorragenden Musikern, und das zu einem Preis, bei dem man es sich leisten kann, diese Box zu kaufen, auch wenn man ein paar der CDs schon im Schrank stehen hat. Denn, wie bei Brilliant Classics üblich, besteht die Box aus Lizenzierungen älterer Aufnahmen anderer Labels, hier vor allem von Teilen der nicht ganz so umfangreichen Boccherini Edition von Capriccio und einigen CDs des kleinen italienischen Labels Tactus, jeweils aus den frühen 1990er Jahren. Dazu kommen Aufnahmen, die Brilliant mit vorwiegend italienischen Musikern seit den frühen 2000er Jahren eingespielt hat und die dort seitdem schon in kleinerer Stückelung erschienen sind.

Kommen wir zum Inhalt: Die Edition umfasst knapp 40 Stunden Musik auf 37 CDs; viel Stoff für triste Herbstabende. Und obwohl ich Boccherini-Fan bin und schon viele Aufnahmen kenne, habe ich auch noch einige ausschließlich positive Entdeckungen gemacht.

Sinfonien (2 CDs)

Die ersten zwei CDs sind Boccherinis Sinfonien gewidmet. Es sind natürlich nicht alle 27, sondern seine letzten Beiträge zur noch jungen Gattung aus den späten 1780er Jahren. Entstanden sind sie für Friedrich Wilhelm II. von Preußen, der Boccherini zu seinem Kammerkomponisten ernannt hatte und dafür jedes Jahr ungefähr ein Dutzend Kompositionen geliefert bekam, natürlich gegen eine entsprechende finanzielle Gegenleistung. Einige dieser Sinfonien bezeichnete Boccherini selbst als ‚Concerti a più stromenti obligati‘ und so sind sie ein Mittelding aus Orchester- und konzertanter Kammermusik, da immer wieder einzelne Instrumente solistisch hervortreten. Das erinnert ein wenig an Haydns frühe Sinfonien mit ihren Solopassagen. Aber von der Musik her sind die Sinfonien reiner Boccherini: melodieseelig und meist in gut gelauntem Dur. Und wenn dann ein Satz doch einmal in Moll steht, so nutzt Boccherini die erste Gelegenheit um kontrastreich in strahlendes Dur zu wechseln. Gespielt werden diese beiden CDs vom Neuen Berliner Kammerorchester unter Leitung des Geigers Michael Erxleben: Interpretationen, die nichts zu wünschen übrig lassen.

Cellokonzerte (3 CDs)

Bekannt ist Boccherini bei den meisten Musikliebhabern natürlich vor allem für seine Werke für Cello, war er doch selbst einer der herausragenden Cellisten seiner Zeit. Und so schrieb er in der Zeit vor seinen Anstellungen in Spanien für seine Konzertreisen durch ganz Europa zahlreiche dieser Virtuosenstücke für sich bzw. sein Instrument und Orchester. Eingespielt hat sie für Brilliant Classics innerhalb kürzester Zeit im Frühjahr 2005 der junge Cellist Enrico Bronzi mit einem italienischen Kammerorchester. Nur an wenigen virtuosen Stellen merkt man dem Solisten diesen Boccherini-Aufnahme-Marathon an, denn hier leidet ein wenig die Intonation und Präzision und mit ein wenig mehr Aufnahmezeit hätte man diese kleinen Schwächen sicher auch noch ausbügeln können. Denn insgesamt sind diese drei CDs ein Beleg für das brillante und vielseitige Spiel von Solist und Orchester.

Cellosonaten (4 CDs)

Neben den Cellokonzerten dürfen die Cellosonaten in einer solchen Edition natürlich nicht fehlen. Hier ist die Frage der Kompletteinspielung etwas schwerer zu klären, da Boccherini die Sonaten nur für sich und seine jeweiligen Konzertpartner komponierte; sie wurden weder zu seinen Lebzeiten veröffentlicht noch von ihm in sein Werkverzeichnis aufgenommen. Der Cellist Luigi Puxeddu hat viele von ihnen erstmals als Noten herausgegeben und erweist sich nicht nur deshalb als Experte seines Fachs, dem man gerne glaubt, dass er noch mehr davon eingespielt hätte, wenn er denn an die Noten gekommen wäre. Auf jeden Fall sind diese vier CDs die bisher umfangreichste Ansammlung von Cellosonaten aus der Feder Boccherinis, exzellent gespielt von Luigi Puxeddu und seinen wechselnden Partnern, denn er besetzt die meist nur mit begleitendem Bass überlieferten Werke mal nur mit zweitem Cello, mal auch mit Kontrabass.

Streichquintette (16 CDs)

Die Streichquintette sind das Herzstück dieser Sammlung. Immerhin 51 von den ca. 125 Quintetten hat La Magnifica Comunità seit 2004 in neun Folgen für Brilliant schon eingespielt, chronologisch von op. 10 bis op. 28, dazu die mit Kontrabass besetzten Quintette op. 39. Die Quintette verdanken ihre Besetzung vor allem den lokalen Begebenheiten am Hof des Spanischen Infanten Don Luis in Arenas de San Pedro, der dort neben Boccherini ein Streichquartett beschäftigte, so dass dieser natürlich für sich und Streichquartett komponierte. Die Quintette sind beste höfische Unterhaltungsmusik. Erstaunlich ist die melodische Vielfalt und Phantasie Boccherinis. Zwar kann man Boccherini vorwerfen, dass er seinen Stil über die Jahre hinweg nicht wirklich weiter entwickelt hat, anders als z. B. Haydn auf Schloss Esterhazy. Aber es gab anscheinend auch keine Notwendigkeit dazu: Seinem Hausherrn gefiel die Musik und in Paris wurden die Quintette erfolgreich verlegt. Zu hoffen ist, dass das Engagement von Brilliant für Boccherini mit dieser Box nicht endet und La Magnifica Comunità in den nächsten Jahren auch noch die restlichen Quintette einspielt, denn an dieses Mammutprojekt hat sich bisher noch kein Ensemble gewagt. Viele von Boccherinis Quintetten wurden so noch nie aufgenommen.

Sonstige Kammermusik (11 CDs)

Boccherini komponierte aber nicht nur Streichquintette, sondern eine große Menge anderer Kammermusik. Insgesamt um die 600 Werke finden sich im offiziellen Werkverzeichnis, der größte Teil davon Kammermusik. Drei weitere CDs aus dem Archiv von Capriccio finden sich in dieser Box: Zunächst eine CD mit vier der sechs Streichsextette von Boccherini. Wahrscheinlich sind es die ersten Werke für diese Besetzung überhaupt, aber gewohnt perfekt ist die kompositorische Ausarbeitung. Es scheint fast, dass es Boccherini egal war, für welche Besetzung er schrieb; es scheint für ihn dabei keine Probleme gegeben zu haben. Wieder einmal exzellent werden sie interpretiert von einem Ensemble um die Geigerin Mayumi Seiler. Auch die Oboenquintette gehören zu den wenigen Originalkompositionen für Oboe und Streichquartett aus dieser Zeit. Wahrscheinlich entstanden sie für den Oboisten Gaspar Barli, der zu dieser Zeit in Madrid mit seinem Oboenspiel begeisterte und möglicherweise ebenfalls bei Boccherinis Arbeitgeber, dem Herzog von Benavente-Osuna, angestellt war. Alle sechs Quintette sind recht kurze, mit einer Ausnahme nur zweisätzige Werke, wundervoll gespielt von Lajos Lencsés und dem Parisii Quartett. Mit den Streichquartetten kommen wir zum ersten Mal zu einer Gattung, die in dieser Box mit nur einer CD unterrepräsentiert ist, gibt es davon doch immerhin mehr als 90 Werke von Boccherini. Aber die CD mit dem Petersen Quartett zeigt eine schöne Auswahl von vier Quartetten und macht Lust auf mehr. Vielleicht wäre das mal ein weiteres großes Aufnahmeprojekt für Brilliant Classics, denn auch von den Streichquartetten sind noch lange nicht alle eingespielt worden. Damit kommen wir zu weiteren Eigenproduktionen von Brilliant: Zwar sind die Gitarrenquintette überwiegend Arrangements von Streich- und Klavierquintetten, die Boccherini für den Herzog von Benavente-Osuna anfertigte, diese sind aber wieder einmal so brillant gesetzt, dass man die Originale nicht vermisst. Dazu würzt Boccherini die Werke mit speziellen Gitarren-Effekten wie im ‚Fandango-Quintett‘ G 448.

Zu den großen Entdeckungen dieser Box gehören für mich die zwölf Klavierquintette opp. 56 und 57. Komponiert wurden die Quintette wahrscheinlich im Auftrag seines Komponistenkollegen Pleyel, der zahlreiche Werke Boccherinis in seinem Verlag veröffentlichte und hier ein gutes Näschen bewies. Denn vor allem die erste Serie von sechs Quintetten wurde ein großer Modeerfolg für Boccherini, begann doch gerade der große Aufstieg des Pianoforte in den musikalischen Salons. Und es sind einfach wunderschöne, beeindruckende Werke, die Boccherini da Ende der 1790er Jahre komponierte und die Ilario Gregoletto mit seinem Ensemble bereits 2005 für Brilliant eingespielt hat. Aber wir sind mit unserem Kammermusiküberblick noch nicht am Ende. Für seine Konzertreisen zusammen mit dem Geiger Filippo Manfredi komponierte Boccherini in jungen Jahren sechs Violinsonaten, die heute auch sehr selten gespielt werden, dabei sind sie von ganz besonderem melodischem Reiz. Und eine noch größere Überraschung sind die sechs Sonaten für Klavier, Geige und Cello, also quasi für Klaviertrio. Anders als z. B. die Werke Haydns, mit dem Boccherini so oft verglichen wird, sind die Partien von Cello und Geige hier nahezu gleichberechtigt – erfrischende Werke, die auch öfters in die Konzertsäle gebracht werden sollten.

Stabat Mater (1 CD)

Nach diesem riesigen Kammermusikblock kommen wir am Ende nochmals zu größer besetzter Musik zurück. Das 'Stabat Mater' ist eine der wenigen geistlichen Kompositionen Boccherinis, da seine Arbeitgeber in der Regel keinen Bedarf daran hatten. 1781 schrieb er eine erste Fassung davon für Sopran und Streichorchester. Und wenn man diese Version hier auf CD mit der wunderbaren Sopranistin Barbara Vignudelli hört, fragt man sich, warum er einige der Arien später für Männerstimmen umarbeitete. Dieses 'Stabat Mater' ist der perfekte Abschluss für eine spektakuläre Boccherini-Edition, der zwar auch noch einige wichtige Werke fehlen, wie die zahlreichen Streichtrios und -duos und ein Großteil der -quartette, die aber einen großartigen Überblick über die Vielfältigkeit der Musik Boccherinis vermittelt, die vor allem durch ihren fast durchweg positiven Charakter für viel gute Laune beim Hörer sorgt, was sicher damals auch ihre Aufgabe an den Höfen seiner Auftraggeber war. Boccherini äußerste sich über seine Musik so: ‚Ich bin davon überzeugt, dass Musik existiert um zu den Herzen der Menschen zu sprechen; und genau das habe ich versucht zu tun, wo immer ich konnte; Musik ohne Gefühl und Leidenschaft ist belanglos!‘ Für uns ist diese Edition heute einfach eine Großpackung gute Laune.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Boccherini, Luigi: Boccherini Edition

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
37
15.08.2012
Medium:
EAN:

CD
5028421943862


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