> > > Rachmaninoff, Sergej: Rachmaninoff Edition: Sämtliche Werke
Mittwoch, 29. Januar 2020

Rachmaninoff, Sergej - Rachmaninoff Edition: Sämtliche Werke

Der (fast) komplette "Mister cis-Moll"


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Brilliants Rachmaninoff-Edition beinhaltet so manch legendäre Aufnahme, doch ist etwa die Klaviermusik in bestenfalls mediokren Einspielungen vertreten.

Aufnahmen des gesamten kompositorischen Werks eines Komponisten bringen nicht nur mit sich, dass man die Bekanntschaft mit so manch kaum gewürdigten Stück machen kann. Sie führen auch dazu, dass die unterschiedliche Gewichtung von Gattungen unmittelbar quantitativ sichtbar wird – quantitativ allerdings hier nicht verstanden als bloße Anzahl von Kompositionen einer Gattung (dass ein Komponist mehr Lieder komponiert als Sinfonien, ist kaum verwunderlich, ist doch der Umfang eines Liedes sehr viel geringer), sondern in Bezug auf die Gesamtdauer von Werken einer Gattung. Die Verteilung von Zeitdauern der Werke bedienter Gattungen deckt sich oft nicht mit der Bedeutung, die den jeweiligen Werkgruppen im geschichtlichen Rückblick beigemessen wird. Insofern helfen Gesamtaufnahmen des kompletten Werks eines Komponisten, wie sie etwa Brilliant veröffentlicht, etablierte Bilder zu korrigieren.

Dies ist etwa bei der nun erschienenen 28 CDs enthaltenden Box der Rachmaninoff-Edition von Brilliant der Fall. So nehmen etwa Rachmaninoffs kaum bekannte Lieder immerhin drei Tonträger in Anspruch, während hingegen die Klavierkonzerte auf zweien Platz finden – zumindest in dieser Zusammenstellung, die zwar den Untertitel ‚Complete Works‘ trägt, aber dann doch nicht alle Werke des Komponisten enthält, vor allem nicht alle Versionen bei Stücken, die in mehreren Fassungen vorliegen. So ist beispielsweise das Vierte Klavierkonzert g-Moll op. 40 nur in der gegenüber der Erstversion gekürzten Revision zu hören, bei den 'Morceaux de fantaisie' sind bei den später revidierten Nummern die Erstfassungen zu hören, und so interessante Stücke wie die beiden Streichquartett-Sätze (1898/90) fehlen ganz. Ganz komplett ist diese Zusammenstellung also nicht, allerdings macht sie im Bereich der Klaviermusik mit so manch unbekanntem Kleinod bekannt, das hier auf zwei CDs mit dem Titel ‚From Russia to America: Miscellany 1886–1918‘ untergebracht ist.

Doch ist die Edition allemal lohnenswert, nicht nur des niedrigen Anschaffungspreises wegen. Einige der Werke sind in exzellenten Aufnahmen vertreten, andere in klanglich äußerst dürftigen – das ist der Preis von Lizensierungen, und manchmal treffen die Kontraste hart aufeinander. So etwa auf der CD 4. Sie enthält die Zweite Sinfonie e-Moll op. 27 in einer der herausragenden Einspielungen, die die Aufnahmegeschichte überhaupt zu bieten hat: Gennady Rozhdestvenskys Einspielung mit dem London Symphony Orchestra, doch folgt ihr ein nicht nur klanglich, sondern auch musikalisch eher bescheidene Auseinandersetzung mit der sogenannten ‚Jugendsinfonie‘, einem Sinfoniesatz d-Moll, hier aufgenommen von Leonard Slatkin und dem Saint Louis Symphony Orchestra. Auch für die übrigen Sinfonien zeichnet der großartige Gennady Rozhdestvensky verantwortlich. Die äußerst scharf gespielten, aber mit delikat hervorgehobener Bläserarbeit aufwartenden Sinfonien Nr. 1 und 3 mit dem USSR Ministry of Culture Symphony Orchestra sind interpretatorisch hochspannend, doch klanglich nur schwer zu ertragen.

Erfreulicherweise liegen auch die vier Klavierkonzerte einschließlich der ‚Paganini-Variationen‘ in Aufnahmen vor, die zu den bedeutendsten der Diskographie gehören. Earl Wild und das Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Jascha Horenstein reißen den Hörer in einen Strudel höchster Spannung, vielstimmiger Verdichtung und melodischer Intensität, ohne geschmäcklerische Verbreiterungen, zu denen sich viele Pianisten unserer Tage verleiten lassen, um ‚Gefühl‘ oder Gewicht herzustellen. Hier klingen Rachmaninoffs Klavierkonzerte erstaunlich schlank, dramatisch zugespitzt, aber doch in den langsamen Sätzen mit edler, jedoch keineswegs überstrapazierter Sanglichkeit. Auch die übrigen Orchesterwerke ('Sinfonische Tänze', sinfonische Dichtungen) und chorsinfonischen Werke (etwa 'Die Glocken') liegen in brauchbaren bis gelungenen Einspielungen vor. Valery Polyanski, dessen Chandos-Aufnahmen hier lizensiert wurden, gehört zu jenen Dirigenten, die Rachmaninoffs Musik eher breit anlegen, doch führt dies meist zu sehr klangvollen Resultaten, in denen die dunkle Grundtönung des Russian State Symphony Orchestra sehr schön zum Tragen kommt. Wäre da nur nicht Polyanskis Hang zu sehr breiten Tempi, wenn es lyrisch wird ('Sinfonische Tänze'). Auch die 'Liturgie des Heiligen Chrysostomos' op. 31 mit Polyanski darf als annehmbar bezeichnet werden.

Gleiches gilt für die drei Lieder-CDs, auch dies Einspielungen, die ehemals bei Chandos erschienen waren und als Gesamteinspielung von Rachmaninoffs gesamtem Liedschaffen wenig Konkurrenz haben, zumal die vier Sänger eine beachtliche Leistung zeigen. Bei der Kammermusik ist der Eindruck schon durchwachsener und er wird es bei den Opern und Klavierwerken noch mehr. Die frühe Puschkin-Oper 'Aleko' ist hier mit einer problematischen Einspielung vertreten, beim 'Geizigen Ritter' stehen die Dinge zwar hinsichtlich der Klangqualität weitaus besser, doch sind Polyanskis Beschäftigungen mit Rachmaninoffs musikdramatischen Schaffen nicht unbedingt als sehr spannend zu bezeichnen. Etwas besser bestellt ist es um 'Francesca da Rimini' und das Fragment einer Maeterlinck-Oper namens 'Monna Vanna', das vom Dirigenten der späten Uraufführung in den 1980er Jahren, Igor Buketoff, eingespielt wurde.

Auch die Klaviermusik, die freilich bei Rachmaninoff im Zentrum seines Schaffens steht, ist mit unausgewogenen Einspielungen bedacht worden. Während Nikolai Luganskys erstaunlich eckig gespielte 'Études-tableaux'-Sammlungen opp. 33 und 39 teils ansprechend gelungen sind, ist Santiago Rodriguez‘ Zugriff auf den größten Teil von Rachmaninoffs Werke für Klavier solo wenig schattierungsreich, sowohl was den Klavierton und den Anschlag betrifft aus auch in Bezug auf Phrasierung und Charakterzeichnung.

Brilliant gewährt mit dieser Box somit einen interessanten Blick auf Rachmaninoffs (fast) komplettes Schaffen, doch ist der Blick teils getrübt: bei einigen Einspielungen durch interpretatorische Mediokrität, im Blick aufs Ganze durch klangtechnisch höchst unterschiedliche Qualitäten. (Eine Sternchenbewertung in den verschiedenen Kategorien lässt sich daher bestenfalls als Mittelwert verstehen.) Als Bonus gibt es allerdings noch eine CD-ROM mit einem ausführlichen Einführungstext in mehreren Sprachen, der nicht nur einen biographischen Abriss beinhaltet, sondern auch nach Besetzungen bzw. Gattungen getrennt in die Werke einführt.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rachmaninoff, Sergej: Rachmaninoff Edition: Sämtliche Werke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
29
10.11.2008
Medium:
EAN:

CD CDR
5029365907125


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Brilliant classics

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Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


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