> > > Chopin, Frederik: Nocturnes
Sonntag, 26. Januar 2020

Chopin, Frederik - Nocturnes

Weit(er)hin leuchtender Stern


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ivan Moravec gewann Chopins Nocturnes 1965 so viele Ausdrucksfacetten ab, wie diese Stücke seither wohl kaum je wieder erlangten. Supraphon bringt diese diskographische Sternstunde nun in einer Neuauflage heraus.

In den Jahren des Kalten Kriegs bemühten sich die Gründer des Labels Connoisseur Society, Künstlern des Ostblocks Auftritte im Westen zu verschaffen. Unter jenen Künstlern befand sich auch der tschechische Pianist Ivan Moravec, dessen Ruf bis dato kaum durch den Eisernen Vorhang gedrungen war. 1965 führte er Frédéric Chopins Nocturnes in der Columbia University und im Wiener Konzerthaus auf, E. Alan Silver produzierte die Aufnahmen, die zweifellos das Epitheton audiophil verdienen, und veröffentlichte sie bei seinem Label Connoisseur Society – der Beginn von Ivan Moravecs internationaler Karriere und zugleich eine Chopin-Sternstunde. Denn viele halten diese Einspielung der Nocturnes für die beste jemals produzierte, und dies nur zu einem geringen Anteil wegen der erstaunlichen Klangqualität, die einen plastisch-direkten Klavierklang mit einem ganz natürlichen Raumeindruck auf kongeniale Weise verbinet. Viel bedeutender ist Ivan Moravecs interpretatorischer Zugriff, der schlichtweg umwerfend ist. Seit ihrem ersten Erscheinen war Moravecs Nocturne-Einspielung immer erhältlich, ab 1991 in einer Wiederauflage von Nonesuch. Nun hat sich das tschechische Label Supraphon der legendären Einspielung angenommen und schickt sie unter eigener Flagge auf Kurs, auf dass dieser Stern der Chopin-Diskographie weiterhin leuchte.

Es ist in der Tat eine musikalische Sternstunde, die Ivan Moravec mit Chopins Nocturnes bietet. Dies ist auch auf die für damalige Zeiten brillante Aufnahmequalität zurückzuführen. Der reiche, warme und runde Klavierklang, für den Ivan Moravec, stets ausgestattet mit einer berühmt-berüchtigten schwarzen Tasche mit Werkzeug, vor Ort selbst Sorge trägt und zusammen mit den Klaviertechnikern eine optimale Disposition des Instruments herstellt, wird auf ungemein natürlich wirkende Weise transportiert. Neben der überwältigenden Farbenvielfalt ist es auch die dynamische Kontrolle, die Ivan Moravecs Klavierspiel so außergewöhnlich macht – auch sie kann sich dank der audiophilen Aufnahmequalität uneingeschränkt vermitteln.

Moravec nutzt die dynamische Feinabstimmung sowie seine schier unglaubliche Anschlagsdifferenzierung, um den Klaviersatz mit äußerstem Feingefühl zu gewichten. Die Kantilenen der Oberstimme zart hervorhebend und die Begleitung nach weich betontem Bass und auffüllenden Mittelstimmen balancierend entwirft Ivan Moravec ein reichhaltig schattiertes Bild von Chopins graziöser Kunst. Um Phrasen plastische Gestalt zu verleihen oder Kadenzprozesse zu unterstreichen betont er subtil die Bassbewegung oder nutzt die Möglichkeiten eines schmiegsamen Tempo rubato. Die Oberstimmen-Melodik kommt bei Moravec zu einer ganz natürlich wirkenden Entfaltung, die Nähe zum Belcanto ist einer geschmackvollen, etwas zurückgenommenen Semplice-Haltung stets greifbar. All diese Differenzierung und sorgsam modellierte pianistische Kunstfertigkeit ist geistvoll, ohne vergeistigt zu sein und gefühlvoll, ohne je in den Nähe falscher Sentimentalität zu geraten. Man könnte den Eindruck gewinnen, Chopins Credo ‚Souplesse avant tout!‘ sei in Ivan Moravecs Nocturne-Einspielung mustergültig umgesetzt – und bei aller Kunstfertigkeit doch so unprätentiös: Ivan Moravec war nie ein Mann der Posen, und diese ganz in der Einfühlung in das Werk aufgehende pianistische Meisterschaft wirkt dadurch umso verbindlicher und künstlerisch souveräner. (Auf diesen Aspekt von Moravecs künstlerischer Haltung wird im insgesamt etwas arg kulturpessimistischen Bookletbeitrag dezidiert hingewiesen.)

Die schier unendlichen Kostbarkeiten von Moravecs Nocturnes-Einspielung lassen sich im Detail gar nicht angemessen würdigen. Man müsste über jeden Takt schreiben – wenn sich die pianistische Kunst denn mit Worten greifen ließe. Es soll hier genügen, beispielhaft zu nennen, wie sanglich Moravec die Oberstimmen gestaltet, dabei stets den Atem eines Sängers mitfühlt und daran die Phrasierung ausrichtet. Das hat eine Sanglichkeit zur Folge, die von gockelhafter Künstlichkeit Lichtjahre entfernt ist. Das Kantable unterstreicht er mit einem Anschlag, der in seiner Breite der menschlichen Stimme kaum nachsteht: Sie reicht vom mehr gehauchten als gesungenen Ton bis hin zum strahlenden Forte, das mit einem festen, sehr hellen Kern aufwarten kann. Doch lässt Moravec diese Feinheit im Anschlag auch den unteren Stimmen zukommen. In der fis-Moll-Nocturne op. 15 Nr. 2 gibt er dem Bass eine so weiche Färbung, dass man den Eindruck gewinnt, hier spiele ein Kontrabass. Vielleicht ist das die größte Kunst von Ivan Moravec: aus dem Tasteninstrument menschliche Stimme, Streicher oder Bläser zu machen – und dies alles, um Chopins großartigen Nocturnes so viele Ausdrucksfacetten abzugewinnen, wie sie seitdem wohl kaum je wieder erlangten, vor allem nicht mit der umwerfenden Natürlichkeit und dem außergewöhnlichen Geschmack, den Ivan Moravec beweist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Chopin, Frederik: Nocturnes

Label:
Anzahl Medien:
Supraphon
2
Medium:
EAN:

CD
099925409722


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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