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Montag, 8. August 2022

Sciarrino, Salvatore - Macbeth

Psychologisierende Klänge


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Salvatore Sciarrinos Musiktheater 'Macbeth' feiert ein großartiges diskografisches Debüt.

'Macbeth – tre atti senza nome' nennt Salvatore Sciarrino sein 2001/02 entstandenes Musiktheater, dessen Aufzeichnung von den Salzburger Festspielen 2011 bei col legno als Doppel-CD erschienen ist. Ganz entscheidend profitiert das Werk von all den unterschiedlichen Strängen und Ansätzen, mit denen sich der Komponist in den 1990er Jahren befasst hat: Das Macbeth-Sujet, aus der Operngeschichte durch die Umsetzung von Giuseppe Verdis bekannt, ist, wie die Handlungsgerüste in früheren Bühnenwerken, auf ein Skelett reduziert, seine skizzenhaft geformten Einzelszenen sind als fast statische Bilder entworfen; der sparsame und sehr unterschiedliche vokale Elemente einbeziehende Einsatz des Chores (wunderbar und vor allem in der Schlussszene mit betörendem Klang: das Vokalensemble NOVA) – ein Element, das so in Sciarrinos Opern zuvor nicht zu vernehmen war – erweist sich als Frucht der langjährigen Auseinandersetzung mit klein besetzten Vokalwerken. Und der Umgang mit den Instrumenten knüpft nahtlos an dem an, was in der zuvor entstandenen Oper 'Luci miei traditrici' bereits ausgeprägt war, führt dabei jedoch einen ganzen Schritt weiter.

Auch hier nutzt der Komponist die Möglichkeiten des Instrumentalensembles (suggestiv mit ausgefeilter Formung der Klänge aufwartend: das Klangforum Wien unter Leitung von Evan Christ), um die häufig auf wenige Formeln reduzierten und in manieristischen Tonkaskaden formulierten Dialoge einzufärben, ihnen einen musikalischen Außenhalt zu geben und ihnen dadurch – auch im Sinn einer Psychologisierung – Tiefenwirkung zu verleihen, so dass jede einzelne Szene ihre ganz eigene, manchmal nur durch wenige Instrumente angedeutete Farbigkeit besitzt. Das Verfahren der Arbeit mit feinsten Abschattierungen von Klangfarben und Geräuschklängen gewinnt dabei durch besondere, gelegentlich auch sehr sprachnah formulierte melodische Elemente eine neue Dimension hinzu. Schon der Beginn des Werkes fasziniert daher: Geschmetterte, dynamisch wellenförmig anrollende Horntöne erklingen hier, aus deren Resonanzen heraus sich feine Klänge entfalten – eine Idee, die als mottoartige Klangsignatur auch am Ende des Werkes wieder auftritt.

Hier wirkt der Raum der Salzburger Kollegienkirche Wunder, da der lange Nachhall die Klänge fortträgt und weiterwirken lässt. Doch nicht immer kann der Aufnahmeort überzeugen: Zwar hat sich die Örtlichkeit längst als Spielort für zeitgenössische Werke im Rahmen der Festspiele etabliert, doch birgt sie auch akustische Risiken, da nicht jedes Stück die Akustik verträgt. Eine geschickte Mikrophonierung mag vieles wettmachen und zu hervorragenden Ergebnissen führen – die kürzlich gleichfalls bei col legno veröffentlichte CD mit Werken Wolfgang Rihms ist hierfür ein besonders gelungenes Beispiel –, doch insbesondere wenn es, wie in 'Macbeth', um die Erfassung des gesamten Klanggeschehens auf einer Bühne und um die Klarheit räumlich weiter entfernter Stimmen geht, gibt es Probleme, da der Klang zum Diffusen hin tendiert. Zudem verlieren die instrumentalen Texturen dort, wo sie dichter und lauter werden, ihre für Sciarrinos Musik so wichtige Transparenz.

Die hohe Qualität der Einspielung bleibt davon jedoch unberührt: Otto Kazameiers Umsetzung des Macbeth-Parts etwa geht unter die Haut. Gerade dort, wo er fast solistisch oder mit wenigen Instrumenten im kammermusikalisch gestalteten Miteinander agiert – etwa im Monolog aus der dritten Szene des ersten Aktes –, zeigt er durch seine differenzierte Wiedergabe der vokalen Figurationen seine Vertrautheit mit der Musik Sciarrinos und ihren Feinheiten. Sehr überzeugend agiert auch Richard Zook, der vor allem in der von Holzbläserklängen dominierten Notturno-Klanglichkeit in der ersten Szene des zweiten Aktes mit seiner Wiedergabe herausragt. Und Schauer jagen einem auch Anna Radziewjewskas langgezogene klagende Phrasen in der ersten Szene des dritten Aktes über den Rücken, wo sie in Kontrast mit sprachähnlichen Bruchstücken von solistischen Streicherkantilenen und den glasartig wirkenden Flageolettakkorden eine ungemein spannungsvolle Atmosphäre erzeugen.

Besonders gelungen ist zudem die harte, stellenweise metallisch dominierte Klanglichkeit in der zweiten Szene des zweiten Aktes, hinter deren Geräuschschleiern sich diverse Anspielungen an die Musik der Vergangenheit verbergen, und die im Verlauf immer wieder Fragmente aus Mozarts 'Don Giovanni' durchklingen lässt: eine Verknüpfung unterschiedlicher Idiome also, die sich zur Collage aus divergierenden Ausdrucksmitteln hin verdichtet. Gerade hier rächt sich jedoch leider auch die hallige Akustik, da an einigen Stellen die Stimmen durch die Instrumente verdeckt werden. Das dicke Booklet schließlich enthält ein informatives Interview mit dem Komponisten, und auch das von Sciarrino nach Shakespeare gefertigte Libretto ist vollständig, allerdings nur in italienischer Sprache, abgedruckt. Auf eine Zusammenfassung der bei Sciarrino nur angedeuteten Handlungsmomente hat man dagegen verzichtet, was angesichts der Reduktion des Geschehens vielleicht nicht die geschickteste Entscheidung gewesen ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sciarrino, Salvatore: Macbeth

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
2
20.07.2012
Medium:
EAN:

CD
9120031340850


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col legno

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