> > > Klangforum Wien: Werke von Rihm, Dowland, Webern u.a.
Dienstag, 17. September 2019

Klangforum Wien - Werke von Rihm, Dowland, Webern u.a.

Einladung zur Spurensuche


Label/Verlag: col legno
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Klangforum Wien konfrontiert Werke Wolfgang Rihms mit Kompositionen aus der jüngeren und älteren Musikgeschichte und schafft so eine besonders gelungene Neuveröffentlichung.

Es sind unterschiedlich besetzte Ensemblekompositionen aus dem mehrteiligen Programmschwerpunkt ‚Kontinent Rihm‘ der Salzburger Festspielen 2010, die auf der vorliegenden Produktion von col legno vereint wurden und sogleich die Machart der gesamten Konzertreihe im Kleinen rekapitulieren: nämlich einzelne Werke Wolfgangs Rihms in einen übergeordneten Kontext zu stellen und mit der Musik anderer Komponisten zu konfrontieren. In der Tat hat man sehr gut daran getan, bei der Veröffentlichung dieser Live-Mitschnitte aus zwei Konzerten mit dem Klangforum Wien unter den Dirigenten Emilio Pomàrico und Sylvain Cambreling die Idee des Kontrasts beizubehalten und nicht etwa allein auf Rihms eigene Musik zu fokussieren, was im diesjährigen Jubiläumsjahr des Komponisten anlässlich seines 60. Geburtstags durchaus nahegelegen hätte. So ist es gerade die Kontextualisierung, durch welche die CD außerordentlich an Wirkung und diskografischer Relevanz.

Den Anfang machen – bislang eine empfindliche Lücke in der Rihm-Diskografie – die Kompositionen 'Cantus firmus' und 'Ricercare' für 14 Instrumentalisten, Rihms erster und zweiter Versuch einer 'Musik in memoriam Luigi Nono' aus dem Jahr 1990, denen noch drei weitere, musikalisch jeweils erweiterte Versuche folgten. Bereits hier zeigt sich das Klangforum Wien von seiner besten Seite, überzeugt durch eine plastische Formung der Klänge, bei der einzelne Ereignisse oder die jeweils als Klangsignatur für die Trauer dienenden Töne von vier Röhrenglocken wie herausgemeißelt wirken. Dass die beiden Kompositionen durch eine Wiedergabe von John Dowlands 'Lachrimae verae' aus den ‚Lachrimae, or Seven Tears‘ (1604) interpoliert werden, erscheint zunächst ungewöhnlich, macht die Angelegenheit aber besonders spannend, weil dadurch die allen Stücken jeweils innewohnenden Trauergesten einander gegenübergestellt werden und man als Hörer bei allen musikalischen Unterschieden auch nach Gemeinsamkeiten zu suchen beginnt. Auf jeden Fall schärft hier die alte Musik das Gehör für die Nuancen des Neuen, und unwillkürlich vermeint man – obgleich Rihm mit einem sehr eng begrenzten Vorrat an Tönen und im Grunde unter Verzicht auf melodische Komponenten arbeitet – in 'Ricercare' ähnliche Ansätze zu vernehmen.

Wie bei diesem Beispiel gewinnt Rihms Musik viel durch die Gegenüberstellung mit dem historisch Älteren, die ansonsten unterschiedliche Traditionen der Moderne einbezieht. Einerseits ist da die freie Atonalität, die sich in den zwar reduzierten, aber dennoch expressiv aufgeladenen Gesten von Anton Weberns 'Sechs Stücken für Orchester' op. 6 (1910), hier in der Kammerorchesterfassung von 1920 dargeboten, entlädt. Endlich hat man einmal auf CD gebannt, was den gelegentlich bei Live-Auftritten zu hörenden Umgang des Klangforums mit Weberns Musik auszeichnet: dass die Musikerinnen und Musiker nämlich wie kein anderes Ensemble (oder Orchester) einen Tonfall treffen, den man vielleicht etwas undifferenziert als ‚wienerisch‘ charakterisieren könnte, der die Wiedergabe aber ungemein lebendig macht. Hier spürt man, wie nah Webern zudem den Traditionen spätromantischer Sinfonik – insbesondere jener Gustav Mahlers – steht, und es macht, im Hinblick auf die nachfolgende 'Chiffre II – Silence to be beaten' für 14 Instrumentalisten (1983) zugleich auch deutlich, wo die Wurzeln der Rihm’schen Expressivität liegen, die sich in dieser Komposition mit rhythmischem Vorwärtsdrang verbindet und eine stellenweise geradezu wuchtige Wirkung an den Tag legt.

Dass das Klangforum auch dem seriellen 'Kreuzspiel' für Oboe, Bassklarinette, Klavier und drei Schlagzeuger (1951) von Karlheinz Stockhausens eine ungewohnt expressive Klanggestalt verleiht, macht gerade dieses Stück zu einem Höhepunkt der Produktion. Fast schon sensationell mutet es beispielsweise an, wie die einzelnen, in anderen Einspielungen oft unverbundenen Töne sich zu irregulären Phrasen fügen und dabei um einen fast schon lässig wirkenden Schlagzeugpart herumwinden, sich im weiteren Verlauf einander umschlingen und schließlich zu einem sanften Pulsieren des ganzen Ensembles werden. Dagegen muten die Klänge, die abschließend den Beginn von Rihms Ensemblestück 'Séraphin-Sphäre' (1993-96/2006) markieren, zunächst herb und abweisend an, verändern sich dann aber unter dem artikulatorisch vielfältigen Agieren der Musiker und erscheinen allmählich wie ein irisierender Strang aus Einzelaktionen, der sich zu einem weiträumigen melodischen Muster fügt, aber auch Phasen kennt, in denen die Instrumente mit luftigen Gesten auseinanderzustreben scheinen.

Gerade in solchen Momenten wirkt die klangliche Präsenz des Ensembles Wunder, und man kann nur staunen, wie die ansonsten nicht unbedingt vorteilhafte Akustik der Salzburger Kollegienkirche, deren Nachhall hier durch eine intelligente Mikrophonierung extrem gut gebändigt ist, ihren Teil dazu beiträgt, die Lebendigkeit der Klänge zu garantieren. Und ja: Die Herstellung von Kontexten, das Einordnen der Rihm’schen Werke in die Traditionen der Wiener Moderne und des Serialismus, zumal es sich in ansatzweise vergleichbaren Instrumentalbesetzungen ereignet, bringt Spuren zum Vorschein, die man sonst nicht gewahr wird. Dass man dies alles mit einem Booklettext des Schriftstellers Mirko Bonné versehen hat, gibt der Veröffentlichung noch eine weiteren Akzent und verleiht auch der verbalen Reflexion des Klingenden eine besondere Note. Aus all diesen Zutaten resultiert letzten Endes eine Veröffentlichung, die über eine Dauer von 76 Minuten hinweg zur musikalischen Spurensuche und zum genauen Zuhören einlädt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Klangforum Wien: Werke von Rihm, Dowland, Webern u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
col legno
1
20.07.2012
Medium:
EAN:

CD
9120031340768


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col legno

Welche Produktion von col legno Sie auch vor sich haben, eines ist gewiss: bunt wird sie sein und außergewöhnlich. Wir widmen uns herausragender Musik der Gegenwart und den Visionen ihrer Protagonisten.

col legno bedeutet "mit dem Holz". Jeder Streicher weiß, was zu tun ist, wenn er diese Spielanweisung in seinen Noten liest: Er nimmt den Bogen, dreht ihn um und schlägt mit dem Holz auf die Saiten. Einst unerhört! Heute noch überraschend. Mit dieser spielerischen Offenheit dem Instrument gegenüber wurde die Klangvielfalt erweitert. Dieselbe Offenheit widmet col legno der Musik.

col legno veröffentlicht Neue Musik - umfassend und zeitgemäß. Das Label steht für die Vielseitigkeit der Gegenwart und aufregende Interpretationen von Musik der Vergangenheit. Unsere Hörer haben viel mit uns gemein: Sie heißen Neues willkommen, wechseln Perspektiven, genießen eine Prise Humor und lieben das Kribbeln beim Genuss kreativer Inspiration.

col legno nutzt die jeweils für die Produktionen optimalen Tonträger und Formate - von der CD über Multichannel Medien bis hin zu gänzlich neuen Entwicklungen. Dabei bieten wir unseren Hörern immer "state-of-the-art" Technik und beste Audioqualität.

Die künstlerische Leitung des Labels wurde 2005 von Andreas Schett und Gustav Kuhn übernommen. Unter ihrer Führung hat sich der Katalog kontinuierlich und in klaren Zügen erweitert. Seit 2015 ist Andreas Schett alleiniger Inhaber des Labels.

col legno - new colors of music

 


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