> > > Neukomm, Sigismund von: Grande Sinfonie heroique op. 19
Freitag, 23. August 2019

Neukomm, Sigismund von - Grande Sinfonie heroique op. 19

Traditionalist und Vordenker


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


CPO übernimmt die weitere Erschließung des Werks von Sigismund von Neukomm, diesmal mit mal mehr, mal weniger gelungenen Orchesterwerken.

Wieder einmal macht das Label cpo seinem Ruf alle Ehre und kümmert sich mit Hingabe um die Vergessenen und Übersehenen der Musikgeschichte. Im vorliegenden Fall gilt das Interesse dem Schüler der Gebrüder Haydn: Sigismund von Neukomm (1778-1858), zu seiner Zeit ein hochgeachteter Komponist, der gegen Ende seines Lebens wie ein lebendes Relikt einer vergangenen Zeit verehrt wurde. Durch Kontakte zum französischen Hochadel, allen voran zum äußerst einflussreichen Staatsmann Talleyrand, war es ihm möglich, in ganz Europa von Paris bis St. Petersburg und sogar in Rio de Janeiro tätig zu sein. Sein gewaltiges Oeuvre ist bis heute kaum erschlossen, doch gab es in den letzten Jahren zaghafte Versuche, die Bedeutung Neukomms durch vereinzelte Einspielungen seiner Werke wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen. Hierbei hat sich die Kölner Akademie unter Michael Alexander Willens bereits hervorgetan; nun wurde mit großen Orchesterwerken des gebürtigen Salzburgers nachgelegt. Das Ergebnis fällt unterschiedlich aus.

Bei den Werken handelt es sich um drei Orchesterfantasien und die 'Grande Sinfonie heroïque' op. 19. Mit den Orchesterfantasien versuchte Neukomm eine Art neuer Gattung zu etablieren, indem er Elemente und Bausteine der Sinfonie innerhalb eines geschlossenen Satzes zu einem möglichst sinnvollen und stimmigen Ganzen zusammenfügte. Bei diesem Verfahren ergaben sich mannigfaltige Vorgehensweisen und Neukomm zeigte sich hier auch durchaus experimentierfreudig. So folgt nach einer langsamen Einleitung in der Fantasie op. 9 ein mehrmaliger Wechsel von schnellen und langsamen Formteilen, die teils thematisch selbstständig sind, teils auf den Anfang Bezug nehmen und im Ganzen Elemente der Sonatenhauptsatzform aufgreift und kunstvoll verarbeitet. In der zweiten hier eingespielten Fantasie folgt auf die langsame Einleitung lediglich ein schneller Satz, der thematisches Material des Beginns in ständigen Veränderungen des Tempos, der Instrumentation, der Harmonik und der Phrasierung zu einem zusammenhängenden Werk formt.

Die Kölner Akademie unter Willens spürt dem Innovativen in der Musik Neukomms mit einem bewährt transparenten Klangbild nach, das in Bezug auf Tiefenschärfe und klare Konturen keine Kompromisse macht. Obwohl der Komponist hier in der Form als Vordenker gelten kann, so erscheinen die Werke beim Hören doch bei aller festzustellenden Instrumentierungskunst zu unschlüssig und etwas ziellos. In der Tonsprache schimmert der Haydn-Schüler beständig durch; viele Wendungen und melodische Bausteine meint man in anderen Zusammenhängen schon gehört zu haben. Man mag das dem Stadium der Frühwerke Neukomms zuschreiben, die beiden Fantasien entstanden in den Jahren 1806/08.

Größere Aufmerksamkeit zieht die Fantasie über Motive aus Miltons ‚Paradise lost‘ auf sich. Das Auftragswerk der Philharmonic Society in London entstand 1832/33 und zeigt deutlich die kompositorische Entwicklung seit den reinen Orchesterfantasien. Eine Fülle an fein differenzierten Klangfarben, sicheres Gespür für die musikalische Umsetzung der literarischen Vorlage sowie die insgesamt befreiter wirkende Stillage erfahren durch Willens die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Die 'Grande Sinfonie heroïque' schließlich komponierte Neukomm 1817 in Rio de Janeiro. Ähnlich wie Beethoven in seiner Schlachtensinfonie 'Wellingtons Sieg' nimmt er hier Bezug auf die siegreichen Engländer und Preußen in Waterloo 1815, wenn auch ohne Kanonendonner. Stattdessen verwob er im dritten Satz als besonderen Kunstgriff und recht eindeutiges Tribut das Thema von 'See the conqu’ring hero comes' aus Händels 'Judas Maccabaeus' mit der schlichten Eingangsmelodie des Satzes. Vom heroischen Duktus abgesehen ist die Sinfonie in ihrer Viersätzigkeit aber recht konventionell gehalten, klassische Formmodelle bestimmen den Ablauf. Ein Mangel an Inspiration ist deshalb allerdings nicht festzustellen, was nicht zuletzt wiederum an der spielfreudigen Wiedergabe der Kölner Akademie liegt. Ein rundum informatives Booklet rundet diese willkommene Erweiterung des Repertoires abseits von Beethoven ab.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Neukomm, Sigismund von: Grande Sinfonie heroique op. 19

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.07.2012
Medium:
EAN:

CD
761203757329


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Neukomm, Sigismund,
 - Fantaisie à grand Orchestre op. 9 -
 - Dramatic Fantasia on some passages of Milton's Paradise Lost -
 - Fantaisie à grand Orchestre -
 - Grande Sinfonie heroique op. 19 - Andante sostenuto - Allegro con spritio
 - Grande Sinfonie heroique op. 19 - Menuetto. Allegro molo - Trio
 - Grande Sinfonie heroique op. 19 - Andante con poco di moto
 - Grande Sinfonie heroique op. 19 - Allegro molto


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Orchester/Ensemble:Kölner Akademie
Interpret(en):Willens, Michael Alexander


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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