> > > Lindberg, Jakob spielt: Werke von Kapsperger, Castaldi u.a.
Sonntag, 16. Januar 2022

Lindberg, Jakob spielt - Werke von Kapsperger, Castaldi u.a.

Meister der Chöre


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jakob Lindberg hat eine bezaubernde und äußerst kurzweilige Einspielung mit Werken für Chitarrone italienischer Provenienz zusammengestellt.

Der Schwede Jakob Lindberg gehört zu den herausragenden Meistern der Chöre – Chöre allerdings nicht verstanden als Vokalensembles (auch wenn sein Spiel von kantablen Qualitäten bestimmt ist), sondern im Sinn von Saitenchören, wie sie Laute oder – wie hier – die Chitarrone kennzeichnen. Diese besondere Form einer Basslaute mit tiefen Resonanzsaiten, die dem Instrument zu einer Gesamtlänge von über anderthalb Meter verhelfen, wurde in Italien Ende des 16. Jahrhunderts entwickelt, um einen tragfähigen, kompakten Klang zu gewährleisten. Indes wurde Klangvolumen nicht nur durch die äußere Gestaltung des Instruments erreicht, sondern auch durch spezifische Spieltechniken, etwa das Arpeggieren von Akkorden, was zu einer rauschenden Klangfülle führt.

Jakob Lindberg hat ein hinreißendes Programm italienischer Werke für Chitarrone des frühen 17. Jahrhunderts zusammengestellt. ‚Italian Virtuosi of the Chitarrone‘ versammelt Werke von drei Komponisten: Giovanni Girolamo Kapsberger, Alessandro Piccinini und Bellerofonte Castaldi. Lindberg fügte aus Einzelsätzen zwischen drei- und fünfsätzige ‚Suiten‘ zusammen, deren Teile nicht nur tonartlich recht geschlossen sind, sondern auch hinsichtlich der Satzformen für Abwechslung sorgen: Neben freien Formen (Fantasie) stehen Tanzsätze (Gagliarda, Corrente) oder Canzonen, während Variationsformen, meist über eine Bassfolge, die Lautenisten-Komponisten dieser Zeit offenbar zu den abwechslungsreichsten Stücken inspirierten. In harmonischer Hinsicht gehören die freien Formen, die entweder auf rhythmisch gleichförmigen Modellen ('Arpeggiata' von Kapsberger) oder kontrapunktischen Verläufen ('Fantasia detta Pegasea' von Castaldi) beruhen und als Ricercar der allmählichen Einkreisung der Tonart dienen, zu den harmonisch avanciertesten Sätzen. Wohin es etwa Castaldi, aber in einigen Stücken auch Kapsberger hier von einem zum anderen Takt verschlägt, findet im Grunde erst in der gitarrengeprägten Rockmusik des 20. Jahrhunderts eine Entsprechung.

Künstlerisch avanciert ist neben der manchmal geradezu irritierenden harmonischen Färbung aber auch die Klanggestaltung. Von den italienischen Chitarrone-Meistern werden die klanglichen Möglichkeiten des Instruments effektsicher und mit vollkommener Verfügung über das Potential der Chitarrone ausgelotet – und nicht zuletzt mit dramaturgischem Geschick: Oft wird der Tonraum erst allmählich erweitert, etwa in der 'Bergamasca' von Kapsberger, deren eingängiges Grundthema erst durch melodische Verzierungen in der Oberstimme und als krönende Steigerung im sonoren Bassregister umspielt wird.

Jakob Lindberg macht seinem Ruf als exzellentem Lautenisten alle Ehre – auch auf der Chitarrone ist sein Spiel von berückender Schönheit. Sein Spiel ist von einem zarten Schwung getragen, der den Tanzformen Bewegungsenergie verleiht, doch für Ornamente nimmt sich Lindberg genügend Zeit; er hält sich nicht rigide an das eingeschlagene Tempo. Mit minimaler agogischer Feinzeichnung macht er unerwartete harmonische Wechsel zu Ereignissen. Er wechselt zwischen sanglicher Gestaltung, die er mittels gekonnter Anschlagsdifferenzierung und flüssigen Akkordwechseln erreicht, und rhythmisch zündenden Impulsen, die vor allem in den Variationen über einem Bass zu finden sind. Lindberg setzt rhythmisch klare Akzente, lässt aber immer wieder genug Freiraum, damit die Eigenheiten der Stücke klanglich voll zur Geltung kommen. Dies wird nicht zuletzt durch eine imponierende Klangtechnik ermöglicht, die den Klang der Chitarrone direkt abnimmt, aber gleichermaßen den Raumanteil des Klangs transportiert. Man hat den Eindruck, in einer der vorderen Bänke einer kleinen Kirche zu sitzen, die Chitarrone sehr deutlich von vorn zu hören, aber doch auch den ganzen Raum wahrzunehmen. Ein von Jakob Lindberg verfasster, exzellenter Bookletbeitrag ist in drei Sprachen abgedruckt, was den herausragenden Gesamteindruck bestens abrundet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Lindberg, Jakob spielt: Werke von Kapsperger, Castaldi u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
18.07.2012
Medium:
EAN:

CD
7318590018996


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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