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Mittwoch, 17. August 2022

MacMillan, James - Veni, Veni, Emmanuel

Verfügungsgewalt, Fasslichkeit, Transzendenz - MacMillan-Serie Folge 1


Label/Verlag: Challenge Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wer sich der Musik von James MacMillan nähern möchte, hat mit dieser Serie die denkbar beste Möglichkeit. Die erste Folge wartet mit einer exzellenten Wiedergabe des Percussionkonzerts 'Veni, Veni, Emmanuel' auf.

Nur wenigen zeitgenössischen Komponisten ist es vergönnt, einem größeren, über die Zuhörer von (Ur-)Aufführungen hinausgehenden Publikum die Breite ihres Œuvres im Rahmen einer Serie von CD-Einspielungen vorzustellen. Dass das holländische Label Challenge nun das Schaffen des schottischen Komponisten James MacMillan zum Gegenstand einer auf vier Produktionen angelegten Aufnahmereihe macht, hat mehrere Gründe. Erstens ist der 1959 geborene MacMillan einer der erfolgreichsten Komponisten unserer Zeit. Hierzulande ist er zwar nur wenig bekannt (auch wenn das RSO Stuttgart sein Werk in dieser Saison in besonderer Weise beleuchtet), doch in einigen Nachbarländern, vor allem aber auf der Insel ist er hochangesehen. Zweitens ist MacMillan auch ein versierter Dirigent. Im Jahr 2010 wurde er zum ständigen Gastdirigenten der Niederländischen Radio-Kammerphilharmonie ernannt; er folgte in dieser Position Peter Eötvös, ebenfalls einer komponierenden und dirigierenden Doppelbegabung. MacMillans dortiges Wirken wird allerdings nicht von langer Dauer sein: Im August 2013 wird die Niederländische Radio-Kammerphilharmonie aufgrund drastischer Einsparungsmaßnahmen abgewickelt. Mit dieser Serie setzt sie sich kurz vor ihrem Untergang ein Denkmal, das zukünftig daran erinnern wird, was für ein exzellenter, stilistisch flexibler Klangkörper da plattgewalzt wurde.

James MacMillans Musik ist so erfolgreich und beliebt, weil sie zugänglich ist. Sie verbindet Klangraffinesse und damit einigen sinnlichen Oberflächenreiz mit großer emotionaler Ausdruckskraft, wobei der Komponist vor Pathos und Drastik der Darstellungsweise nicht zurückschreckt. In seine polystilistischen, tonale und atonale Elemente miteinander verbindenden, in bestem Sinne konservativen Werke fließen immer wieder Prägungen Alter Musik ein. Zuweilen gerät die Simplizität archaisierender Momente in den Bereich des Ritus, etwa wenn der Klang auf ein Pochen im Schlagwerk reduziert wird. James MacMillan nutzt seine Verfügungsgewalt über die Musik der Vergangenheit; einige kritisieren das als eklektizistisch und postmodern-beliebig. Doch hat der schillernde Klangreiz seiner Werke, der nicht zuletzt aus vielfältig eingesetztem Schlagwerk und pulsierenden Rhythmen resultiert, eine ganz persönliche Erdung: Neben nationalhistorischen Sujets, auf die MacMillan in den Werktiteln und auch durch die Einbindung folkloristischen Materials anspielt, bildet seine römisch-katholische Identität die Grundlage seines Schaffens. Eine tiefreligiöse Grundhaltung prägt sein künstlerisches Selbstverständnis in ähnlicher Weise wie etwa bei Pēteris Vasks oder Alfred Schnittke. Über die religiöse Thematik der Werktitel hinaus holt MacMillan regelmäßig Material der Kirchenmusik früherer Jahrhunderte in seine Kompositionen hinein. Choräle oder Hymnen klingen darin an und stehen für die Unerschütterlichkeit dessen, was am Ende vieler seiner Werke wie ein Hoffnungsstrahl als Kern der inneren Erlebniswelt bestehen bleibt.

Einige Kompositionen von James MacMillan lassen sich geradezu programmatisch erleben und deuten: Die Glaubensgewissheit, musikalisch verbunden mit Choralanklängen, ist mehreren – strukturell komplexen, hochdissonanten, rhythmisch diskontinuierlichen – Anfechtungen ausgesetzt, um sich letzten Endes doch durchzusetzen. So etwa kann man den Verlauf des Konzerts für Percussion und Orchester 'Veni, Veni, Emmanuel' aus dem Jahr 1992 deuten, das im Mittelpunkt der ersten Folge der MacMillan-Serie steht. Es ist eines der beliebtesten Stücke des Komponisten und gehört mit mehreren hundert Aufführungen zu den meistgespielten Percussionkonzerten. MacMillan macht den französischen Adventshymnus aus dem 15. Jahrhundert, der dem Stück seinen Titel verleiht, zum Kern des Werks, steckt aber, parallel zur Entstehungsgeschichte, den Rahmen von Advent bis Ostern ab: Der erste Abschnitt des achtteiligen, durchgängigen Werks heißt 'Introit – Advent', der letzte 'Coda – Easter'. Entgegen der liturgischen Entwicklung von Christi Geburt bis zu seiner Auferstehung liegt der eigentliche Höhepunkt nicht am (leise ins Nichts verklingenden) Ende, sondern hat seinen Gravitationspunkt in dem von zwei 'Transitions' eingeschlossenen 'Gaude, Gaude'. Dort breitet sich der Choral mit äußerster Ruhe aus, glitzernde Chimes sorgen für eine Gloriole, und man findet auch die (an MacMillans Erfolgswerk 'The Confessions of Isobel Gowdie' erinnernden) Pianissimo-Streicherflächen, die wie aus einer anderen Welt herüberzutönen scheinen.

Neben den ‚Gefahren‘, denen der Choral im Laufe des halbstündigen Werks ausgesetzt wird, und seiner beharrenden Kraft ist das Verhältnis zwischen Percussionsolist und Orchester die zweite strukturell bestimmende und expressiv ausgestaltete Ebene des Werks. Ausgestattet mit einer äußerst üppigen Batterie grenzt sich der Solist mal konflikthaft, mal einvernehmlich vom Orchester ab. Vom Solisten werden virtuose Fähigkeiten verlangt, und Colin Currie, einer der weltweit hochgeschätzten Schlagwerker, erfüllt die Aufgabe nicht nur technisch exzellent, sondern verleiht dem Solopart einen umwerfenden Impetus. Auch das Orchester unter der Leitung von James MacMillan agiert brillant. Der tänzerische Drive des dritten Abschnitts 'Dance – Hocket' entfaltet sich mit treibender Energie, doch gibt der Komponist in den ruhigen, den Choral entfaltenden Passagen der Musik viel Raum. Das führt dazu, dass 'Veni, Veni, Emmanuel' unter seiner Leitung ganze vier Minuten länger dauert als bei Jukka-Pekka Saraste und Uraufführungssolistin Evelyn Glennie.

Es war eine gute Entscheidung, das zündende Percussionkonzert ans Ende des Programms zu stellen. Vorher erklingt 'A Deep but Dazzling Darkness' für Violine, Ensemble und Tonband (2001/02) und 'Í (A Meditation on Iona) ' für Streicher und Percussion aus dem Jahr 1996. Gelegentlich wirkt MacMillans Drastik des Ausdrucks und die auf Emotionen zielende musikalische Ansprache geradezu plakativ. 'A Deep but Dazzling Darkness' (der Titel ist einer Verszeile aus Henry Vaughans Gedicht ‚The Night‘ entnommen) beginnt mit wispernden, durcheinander gesprochenen, wie Gebete gestammelten Wortfetzen vom Band, zu denen nach unten ziehenden Klagelaute hinzutreten; die Verbindung zum chromatischen Lamento in der Alten Musik ist eng, dunkle Klangfarben im Ensemble grummeln im Untergrund. Es schält sich eine Solovioline hervor, geräuschhaft knarzend und von Gordan Nikolic mit geballtem Ausdruck aufgeladen. Mit Spielfiguren, in denen sich nahöstliche Elemente finden, gewinnt die Musik an Zugkraft, um sodann das Tanzidiom einer Jazzband aufzunehmen. Der frivole Tanz steigert sich zum Höhepunkt, auf dem die Musik abbricht und vom Band Klageschreie zu hören sind – eine Schockwirkung, die Ausgelassenheit und Leid allzu holzschnitthaft gegeneinander stellt. Das etwas mehr als viertelstündige 'Í (A Meditation on Iona) ' wirkt dagegen geschlossener. Strukturiert wird es durch eine wie ein Choralfragment erscheinende melodische Prägung, die gegen Ende mit Röhrenglocken zu sakraler Opulenz gesteigert wird.

Im Gegensatz zu zahlreichen Aufnahmen zeitgenössischer Werke, die bei Aufführungen mitgeschnitten werden, wurden die Einspielungen der MacMillan-Serie 2010 mit aller Sorgfalt im Studio aufgenommen. Das garantiert einen herausragenden Klang, der nicht nur in dem Percussionkonzert den ganzen Farbenreichtum wunderbar zur Geltung kommen lässt, sondern auch die Instrumentengruppen in ein optimales Verhältnis bringt.

Wer sich der Musik von James MacMillan nähern möchte, hat mit dieser Serie die denkbar beste Möglichkeit: Die Niederländische Radio-Kammerphilharmonie widmet sich der Musik mit größtem Elan und klanglichem Schattierungsreichtum, der von der herausragenden Klangtechnik detailgetreu abgebildet wird. Abgerundet wird die rundum gelungene erste Folge der MacMillan-Serie von einem informativen Beihefttext (nur auf Englisch), der bildkräftig in die Werke einführt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    MacMillan, James: Veni, Veni, Emmanuel

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Challenge Classics
1
02.07.2012
Medium:
EAN:

CD
608917254020


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Challenge Classics

CHALLENGE RECORDS ist eine unabhängige Schallplattenfirma, die ihren Sitz in den Niederlanden hat. Sie setzt sich aus einer Gruppe von Musikenthusiasten zusammen, die mit großer Leidenschaft für den Jazz und die Klassische Musik internationale Produktionen kreieren.
Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Ton Koopman, dem Combattimento Amsterdam, dem Altenberg Trio Wien, Musica Antiqua Köln u.v.a., gibt CHALLENGE CLASSICS ein eindeutiges Profil.
Neben den inhaltlichen Schwerpunkten im Bereich der Barockmusik und der Kammermusik, finden sich auch herausragende Aufnahmen im Liedgesang, in frühklassischer Sinfonik sowie Opern und Oratorien auf DVD-Video.


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