> > > Brahms, Johannes: Klavierwerke op.24, op.76 & 118
Samstag, 23. Oktober 2021

Brahms, Johannes - Klavierwerke op.24, op.76 & 118

Brahms ohne Weichzeichnerei


Label/Verlag: TYXart
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit Strenge und Kontur zeichnet Carmen Piazzini ein eindrückliches Bild Brahmsscher Klavierwerke.

Mit der beim Label TYXart erschienenen Aufnahme mit Klavierwerken von Johannes Brahms tritt die argentinische Pianistin Carmen Piazzini als reflektierte und überlegene Künstlerpersönlichkeit auf, die sich dem großen Wurf der ‚Händel-Variationen‘ op. 24 ebenso gewachsen zeigt wie den Klavierstücken des späteren und späten Brahms (opp. 76 und 118). Dabei setzt sich Piazzini mit der Wahl ihres Repertoires durchaus einer Vielfalt von Anforderungen aus, die nicht allein in der Verschiedenheit von poetischer Klavierstück-Sammlung und ausgedehntem Variationszyklus, sondern mehr noch in den Werken selbst liegt: Fordern schon die opp. 76 uns 118 dem Interpreten durch die ständig wechselnden Charaktere der einzelnen Stücke ein breites Ausdrucksspektrum ab, so findet sich diese Schwierigkeit in den ‚Händel-Variationen‘ – hier zusätzlich gepaart mit höchstem spieltechnischen Anspruch – in gedrängter Form. Umso mehr bleibt Piazzinis Fähigkeit hervorzuheben, bei aller differenzierten musikalischen Gestaltung stets auch den Sinn für das Ganze zu wahren, die Kompositionen nicht in Segmente zerfallen zu lassen, sondern den Bogen über die Gesamtform zu spannen.

In den ‚Händel-Variationen‘ op. 24 beeindruckt Piazzini von Beginn an mit energischem pianistischen Zugriff und prägnanter Artikulation, sodass gerade dem Thema in seiner archaischen Wirkkraft die notwendige Klarheit und Festigkeit zuteil wird. Als unterstützend für den Eindruck eines kargen, selbstbewusst für sich stehenden barocken Gerüsts erweist sich das Balanceverhältnis zwischen Oberstimme und Bass, das die Pianistin erschafft, indem sie letzteren als Widerpart zur Melodielinie deutlich hervortreten lässt. Auch im Verlauf der einzelnen Variationen stellt Piazzini ein ausgeprägtes Gespür für den bewusst altertümlichen Satztypus des Werks unter Beweis: Den wuchtigen Klangmassen zum Trotz, denen Brahms das Händelsche Thema aussetzt, bleibt die Struktur der Komposition dank Piazzinis Fähigkeit zu glasklarer Artikulation immer verständlich. Obwohl die Pianistin sich dynamisch in extrovertierten Forte-Passagen nicht zurücknimmt und der Brahmsschen Klanggewalt allemal gerecht wird, gerät ihr Anschlag nie hart oder schroff. Das Satzgeschehen behält Kontur auch dort, wo virtuose Elemente den thematischen Inhalt leicht zu verzerren drohen, eine Qualität, die zum einen Piazzinis überlegenen pianistischen Fertigkeiten, zum anderen aber auch ihrer Unnachgiebigkeit im Umgang mit dem Tempo zuzuschreiben ist. Ohne angesichts der barocken Substanz in eine falsch verstandene Feindseligkeit gegenüber agogischen Gestaltungsmitteln zu verfallen, hält die Interpretin durch zügiges, immer richtungsweisendes Spiel die Musik ständig im Fluss, sodass sich letztlich eine dem Werk angemessene Mischung zwischen einer Art strengen Würde und dem nötigen Vorwärtsdrang ergibt. Deutliche dynamische Abstufungen und durchdachte hierarchische Gestaltung lassen vor allem die triumphale Fuge, in die die Variationen schließlich münden, zu ihrem Recht kommen.

Ganz anders als das extrovertierte Variationswerk aus Brahms' frühem Schaffen präsentieren sich die 'Acht Klavierstücke' op. 76 – knapp 20 Jahre später als die ‚Händel-Variationen‘ entstanden – und die 'Sechs Klavierstücke' op. 118. Trotz einiger unwillkürlicher Ausbrüche bleibt die Atmosphäre hier nach innen gekehrt, düster, auch in den lyrisch-lieblichen Intermezzi nie ganz frei von Melancholie. Diesen besonderen Ton trifft Piazzini nicht zuletzt dadurch, dass sie die Werke vor dem Abdriften ins Sentimentale, dem sie so oft preisgegeben werden, entschieden rettet. Das populäre A-Dur-Intermezzo op. 118/2 gestaltet sie farbenreich und nuanciert, dabei aber so schlicht, unaufwendig und vor allem rasch, dass die betörende Melodie wirklich als Ganzes erfahrbar wird; so erst erhält das Stück überhaupt die Chance, von sich aus zu wirken, ohne dass von außen eingegriffen wird. Einen beredten, aber doch innigen Erzählton schlägt die Pianistin in den beiden balladesken Stücken opp. 76/7 und 118/5 an, während das volkstümlich anmutende Capriccio op. 76/2 durch tänzerische Leichtigkeit und Beweglichkeit auffällt. Ebenso wie in den ‚Händel-Variationen‘ lässt Piazzini auch in den Klavierstücken deutlich die jeweilige Satzstruktur an die Oberfläche treten, indem sie zwischen den Stimmen vorbildlich trennt, klar artikuliert und Temporelationen nicht dem Zufall überlässt. Die überlegene Beherrschung dieser technischen Mittel führt schließlich auf klanglicher Ebene zu einem breiten Ausdrucksspektrum, das den Sinn fürs Lyrisch-Introvertierte ebenso bereithält wie denjenigen für das unruhige Brodeln und Drängen, das den Werken so charakteristisch anhaftet.

Mit ihrer Brahms-Einspielung liefert Carmen Piazzini einen spannungsvollen, abwechslungsreichen und damit hörenswerten Beitrag zur gewiss nicht gerade schmalen Sammlung von Aufnahmen Brahmsscher Klaviermusik. Speziell Piazzinis Interpretation jedoch zeichnet sich durch eine erfrischende Geradlinigkeit und Zugkraft aus, ohne dabei das Moment lyrischer Versunkenheit oder klanglicher Zartheit auszuschließen. Der Mut zu forschem Zugriff, wie er in den ‚Händel-Variationen‘ vorherrscht, und eine unnachgiebige Tempobehandlung, die sich auch auf die Interpretation der Klavierstücke erstreckt, verleihen den Kompositionen die nötige Geschlossenheit und zeichnen Piazzinis Darbietung aus vor solchen, die sich im Detail verlieren und darüber die übergeordnete Form vergessen. Piazzini gewährleistet beides: Sinn für das Ganze und Gespür für – insbesondere klangliche – Einzelheiten. In ihrer Eigenschaft, pianistische Virtuosität nicht exhibitionistisch, sondern im Dienste des Werks geltend zu machen, verdient sie gerade als Brahms-Interpretin einige Beachtung.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Brahms, Johannes: Klavierwerke op.24, op.76 & 118

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
TYXart
1
01.07.2012
77:14
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4250702800118
TXA12011


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"Johannes Brahms - Klavierwerke:
Händel-Variationen op.24 B-Dur,
Klavierstücke op.76 und op.118

Carmen Piazzini, Klavier

TYXart-Serie "Classics"

In der vorliegenden CD spielt Carmen Piazzini neben Brahms‘ berühmten Händel-Variationen auch die Klavierstücke aus op. 76 und op. 118 mit einer leuchtenden Klangsinnlichkeit, die insbesondere dem Spätwerk des Komponisten Lyrik und Glanz verleiht.
Carmen Piazzini zählt heute zu den großen, fantasievollsten und überzeugendsten Pianistinnen unserer Zeit. Nicht nur ihre sensationelle Einspielung aller Mozart- und Beethovenkonzerte so wie sämtlicher Haydn-Sonaten haben ihren pianistischen Ruf begründet, sondern vor allem auch ihr universeller Musiziergeist und ihre sprichwörtliche Sensibilität für die Romantik und den geheimnisvoll schwärmerischen Grundton, der ganz besonders Brahms‘ Klavierwerk bis heute so rätselhaft schön macht, und den nur ganz wenige Interpreten treffen."


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TYXart

TYXart - the musicART label

TYXart ist es ein besonderes Anliegen, die emotionalen, geistigen und intellektuellen Anforderungen von Musikliebhabern mit hochwertigen künstlerischen Einspielungen zu erfreuen - und dass Tiefsinn, Humor, Stille, Kraft, Nachdenklichkeit, aber auch Lebensfreude, Jubel oder Trauer, also alles, was die musikalischen Befindlichkeiten des Menschen erhebt und befriedigt, in unseren Veröffentlichungen enthalten ist.

Es geht uns dabei nicht in erster Linie nur um "Berühmtheit" oder "Perfektionismus", sondern ums Humane, Originelle, Individuelle und um die begeisternden und begeisterten Interpretationen ungewöhnlicher Musiker, auch der ganz jungen. Jede CD ein Unikat! Das soll unser Motto sein. Dass sich unserem Konzept bereits mehrere außergewöhnliche und berühmte Künstler spontan anschließen, beruht auf deren Überzeugung von der Richtigkeit unseres Anspruchs.

Herausragende Musiker und Ensembles der Veröffentlichungen: Giora Feidman (Klarinette), Elena Denisova (Violine), Yojo (Klavier), Liana Issakadze (Violine), Alexander Suleiman (Violoncello), Corinne Chapelle (Violine), Carmen Piazzini (Klavier), Franz Grundheber (Bariton), Matthias Veit (Klavier), Nathalia Prishepenko (Violine), Alexandra Sostmann (Klavier), Franz Hummel (Komponist), Masako Sakai (Klavier), Ensemble del Arte (Kammerorchester), Vardan Mamikonian (Klavier), Jakob David Rattinger (Viola da Gamba), Werner Schneyder (Musik-Kabarett), TRIO ZERO, Sojka Quartett, Deutsches Saxophon Ensemble, Moscow Symphony Orchestra ...

Wir stellen zusammen mit unseren Künstlern in Serien wie z.B. "Modern Classics", "Rising Stars" oder "Crazy Edition" Aufsehen erregende Musikaufnahmen unserer Zeit ungewöhnlichen Interpretationen aus mehreren Epochen gegenüber, um ein breites Publikum auf die Lebendigkeit, Schönheit und Kühnheit neuer Kompositionen im Fokus radikaler oder besonders individueller Interpretationen traditioneller Werke aufmerksam zu machen. Lassen Sie sich auch jenseits von Mainstream-Bewegungen begeistern von den sensationellen Einspielungen der Künstler bei TYXart!


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