> > > Spohr, Louis: Klarinettenkonzerte Nr. 1-4
Freitag, 6. Dezember 2019

Spohr, Louis - Klarinettenkonzerte Nr. 1-4

Agilität und Klangzauber


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Paul Meyer und das Orchestre de Chambre de Lausanne beeindrucken mit einer Neueinspielung der vier Klarinettenkonzerte von Louis Spohr.

Der zarte, aus dem Nichts kommende Adagio-Beginn von Louis Spohrs Klarinettenkonzert Nr. 1 C-Dur op. 26 und das zögernde Spiel mit dem allmählichen Umschlag von Moll nach Dur nach Einsatz des Solisten wirkt wie eine Essenz, in der bereits alle positiven Aspekte dieser Doppel-CD von Alpha Productions vorweg genommen werden. Tatsächlich ist diese Gesamteinspielung der vier Klarinettenkonzerte mit dem Solisten Paul Meyer und dem Orchestre de Chambre de Lausanne musikalisch außergewöhnlich: Nicht etwa, dass Meyer – darin dem Brauch des frühen 19. Jahrhunderts folgend – das Orchester auch selbst leitet, ist Aufsehen erregend, sondern sein Zugang zu den Werken und das, was dabei im kreativen Dialog mit den übrigen Musikern aus diesen konzertanten Glanzpunkten des Repertoires entsteht. Der Klarinettist weiß nicht nur den meist lyrischen Tonfall der Werke ausgezeichnet hervorzukehren, sondern versteht auch, den Konzerten eine schlüssige Gesamterscheinung zu verleihen. Dass er dabei zu spannenden gestalterischen Ideen greift, verdeutlicht etwa der Durchführungsteil im Kopfsatz des C-Dur-Konzerts, wo er gelegentlich für eine ganze Melodiephrase das Tempo reduziert und dem Vortrag eine reflektive Komponente verleiht, ohne dass dies den Fluss der Musik stören würde.

Auch technisch ist Meyer – die Prototypen zweier von der französischen Firma Buffet-Crampon in Zusammenarbeit mit dem Solisten entwickelten Instrumente spielend – makellos: Gestochen scharf zeichnen sich seine Staccatoläufe und weit ausgreifenden gebrochenen Akkorde vor dem Hintergrund des Orchesters ab, mühelos dringt er bis in höchste Register vor, intonationssicher und agil bewältigt er die geforderten Sprünge und Registerwechsel. Und da ist vor allem der betörende instrumentale Gesang mit all seinen Färbungen – Qualitäten, die schon an der allmählich sich verändernden Erscheinungsweise lang ausgehaltener Einzeltöne und dem damit verbundenen Changieren des Ausdrucks deutlich werden –, der vor allem in den langsamen Mittelsätzen zum Zuge kommt: Das 'Adagio' aus op. 36 beispielsweise ist innerhalb der Piano-Farbwerte so nuancenreich dargeboten, dass man sofort versteht, warum vielen Komponisten und Theoretikern die Klarinette zur Entstehungszeit der Werke als ideale instrumentale Verkörperung der menschlichen Singstimme galt, und die 'Adagio'-Sätze aus den Konzerten Nr. 2 B-Dur op. 57 und Nr. 3 f-Moll WoO 19 unterstreichen diesen Eindruck noch durch ihre kompositorische Nähe zum Aufbau und Ausdrucksbereichern einer Opernarie oder ihre Wechsel zwischen redendem Gestus und dahinströmendem Gesang.

Doch nicht nur Paul Meyer, sondern auch das auf den Tonträger gebannte, perfekt ausbalancierte klangliche Verhältnis zwischen Solist und Orchester fasziniert, da es bis in die kleinsten Details hinein ausgetüftelt ist: So gibt die Aufnahme selbst in den eher konventionell gehaltenen Finalsätzen den Orchesterfarben viel Raum, etwa im fast marschartig anmutenden, von Paukenklängen unterstützten 'Rondo alla polacca' des B-Dur-Konzerts oder in den sorgfältig gesetzten Klangabstufungen aus dem 'Rondo al espagnol' des Konzerts Nr. 4 e-Moll WoO 20. In beiden Fällen wirkt die klar gezeichnete, aber dennoch in den Akzentuierungen flexibel gehandhabte Orchesterschicht nicht – wie in anderen Aufnahmen häufig zu hören – als bloße Begleitung, sondern sie scheint erst die melodische Entfaltung der Klarinette zu ermöglichen. Überhaupt vollbringen die Orchestermusiker so manches Wunder, so dass man viele Stellen der Werke ganz anders erlebt. Wunderschön ist dies etwa im Kopfsatz von op. 57 geraten, wo die Holzbläser zunächst sehr eng mit der Soloklarinette verwoben sind und danach das leicht pathetisch geratene Marschthema durch einen ungewöhnlich behutsamen, fast getupft wirkenden Zugriff eine Spannkraft entfaltet, die sich wiederum positiv auf die Darstellung des Soloparts auswirkt. Und das ist nur eine von vielen rundum überzeugenden Stellen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Spohr, Louis: Klarinettenkonzerte Nr. 1-4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
2
01.07.2012
Medium:
EAN:

CD
3760014196058


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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