> > > Spohr, Louis: Klarinettenkonzerte Nr. 1-4
Montag, 19. August 2019

Spohr, Louis - Klarinettenkonzerte Nr. 1-4

Agilität und Klangzauber


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Paul Meyer und das Orchestre de Chambre de Lausanne beeindrucken mit einer Neueinspielung der vier Klarinettenkonzerte von Louis Spohr.

Der zarte, aus dem Nichts kommende Adagio-Beginn von Louis Spohrs Klarinettenkonzert Nr. 1 C-Dur op. 26 und das zögernde Spiel mit dem allmählichen Umschlag von Moll nach Dur nach Einsatz des Solisten wirkt wie eine Essenz, in der bereits alle positiven Aspekte dieser Doppel-CD von Alpha Productions vorweg genommen werden. Tatsächlich ist diese Gesamteinspielung der vier Klarinettenkonzerte mit dem Solisten Paul Meyer und dem Orchestre de Chambre de Lausanne musikalisch außergewöhnlich: Nicht etwa, dass Meyer – darin dem Brauch des frühen 19. Jahrhunderts folgend – das Orchester auch selbst leitet, ist Aufsehen erregend, sondern sein Zugang zu den Werken und das, was dabei im kreativen Dialog mit den übrigen Musikern aus diesen konzertanten Glanzpunkten des Repertoires entsteht. Der Klarinettist weiß nicht nur den meist lyrischen Tonfall der Werke ausgezeichnet hervorzukehren, sondern versteht auch, den Konzerten eine schlüssige Gesamterscheinung zu verleihen. Dass er dabei zu spannenden gestalterischen Ideen greift, verdeutlicht etwa der Durchführungsteil im Kopfsatz des C-Dur-Konzerts, wo er gelegentlich für eine ganze Melodiephrase das Tempo reduziert und dem Vortrag eine reflektive Komponente verleiht, ohne dass dies den Fluss der Musik stören würde.

Auch technisch ist Meyer – die Prototypen zweier von der französischen Firma Buffet-Crampon in Zusammenarbeit mit dem Solisten entwickelten Instrumente spielend – makellos: Gestochen scharf zeichnen sich seine Staccatoläufe und weit ausgreifenden gebrochenen Akkorde vor dem Hintergrund des Orchesters ab, mühelos dringt er bis in höchste Register vor, intonationssicher und agil bewältigt er die geforderten Sprünge und Registerwechsel. Und da ist vor allem der betörende instrumentale Gesang mit all seinen Färbungen – Qualitäten, die schon an der allmählich sich verändernden Erscheinungsweise lang ausgehaltener Einzeltöne und dem damit verbundenen Changieren des Ausdrucks deutlich werden –, der vor allem in den langsamen Mittelsätzen zum Zuge kommt: Das 'Adagio' aus op. 36 beispielsweise ist innerhalb der Piano-Farbwerte so nuancenreich dargeboten, dass man sofort versteht, warum vielen Komponisten und Theoretikern die Klarinette zur Entstehungszeit der Werke als ideale instrumentale Verkörperung der menschlichen Singstimme galt, und die 'Adagio'-Sätze aus den Konzerten Nr. 2 B-Dur op. 57 und Nr. 3 f-Moll WoO 19 unterstreichen diesen Eindruck noch durch ihre kompositorische Nähe zum Aufbau und Ausdrucksbereichern einer Opernarie oder ihre Wechsel zwischen redendem Gestus und dahinströmendem Gesang.

Doch nicht nur Paul Meyer, sondern auch das auf den Tonträger gebannte, perfekt ausbalancierte klangliche Verhältnis zwischen Solist und Orchester fasziniert, da es bis in die kleinsten Details hinein ausgetüftelt ist: So gibt die Aufnahme selbst in den eher konventionell gehaltenen Finalsätzen den Orchesterfarben viel Raum, etwa im fast marschartig anmutenden, von Paukenklängen unterstützten 'Rondo alla polacca' des B-Dur-Konzerts oder in den sorgfältig gesetzten Klangabstufungen aus dem 'Rondo al espagnol' des Konzerts Nr. 4 e-Moll WoO 20. In beiden Fällen wirkt die klar gezeichnete, aber dennoch in den Akzentuierungen flexibel gehandhabte Orchesterschicht nicht – wie in anderen Aufnahmen häufig zu hören – als bloße Begleitung, sondern sie scheint erst die melodische Entfaltung der Klarinette zu ermöglichen. Überhaupt vollbringen die Orchestermusiker so manches Wunder, so dass man viele Stellen der Werke ganz anders erlebt. Wunderschön ist dies etwa im Kopfsatz von op. 57 geraten, wo die Holzbläser zunächst sehr eng mit der Soloklarinette verwoben sind und danach das leicht pathetisch geratene Marschthema durch einen ungewöhnlich behutsamen, fast getupft wirkenden Zugriff eine Spannkraft entfaltet, die sich wiederum positiv auf die Darstellung des Soloparts auswirkt. Und das ist nur eine von vielen rundum überzeugenden Stellen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Spohr, Louis: Klarinettenkonzerte Nr. 1-4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
2
01.07.2012
Medium:
EAN:

CD
3760014196058


Cover vergössern

Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Alpha Classics:

  • Zur Kritik... Singende Sphinx: Auf dieser gelungenen Produktion präsentiert das Ensemble intercontemporain mit kompetenten Solisten Werke von Bartók und Ligeti. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
  • Zur Kritik... Wer die Sehnsucht kennt: Barbara Hannigan und Reinbert de Leeuw tauchen tief ins Wiener Fin de Siècle ein. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Die Oper der Oper: Ein großer musikalischer Spaß zum dreißigjährigen Jubiläum von Le Concert Spirituel. Weiter...
    (Prof. Dr. Michael Bordt, )
blättern

Alle Kritiken von Alpha Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Klare Diktion: Yu Mi Lee unternimmt auf ihrem Debüt-Album eine fesselnde Reise nach Russland. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Pianistisch durchleuchtet: Der Amerikaner Garrick Ohlsson bietet in seinem Falla-Programm etwas weniger Spanien als andere Interpreten. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Zu verbindlich: Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Christoph-Mathias Mueller und die chinesische Geigerin Tianwa Yang widmen sich Wolfgang Rihms Werken für Violine und Orchester. Weiter...
    (Dr. Dennis Roth, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte) Class aktuell (2/2019) herunterladen (4851 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich