> > > Willaert, Adriaen: Vespro Della Beata Vergine
Samstag, 25. September 2021

Willaert, Adriaen - Vespro Della Beata Vergine

Schönheiten des zweiten Blicks


Label/Verlag: Ricercar
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Doppelchörige Psalmen von Adriaen Willaert in einer lebendigen und hochkompetenten Interpretation durch Dirk Snellings und seine Capilla Flamenca.

Adriaen Williaert (ca. 1490-1562) füllt in der musikhistorischen Rückschau die Position eines formalen Neuerers und Impulsgebers von einigem Einfluss aus und ist damit in seinem kompositorischen Schaffen sicher nicht falsch beschrieben. Gleichwohl sind seine Werke bemerkenswert selten Zentrum neuer Produktionen, werden sie eher als weniger expressive ‚Vorstufe‘ der mehrchörigen Kunst der beiden Gabrielis vorgestellt – damit gleichsam auf den Ahnherrn dieser später so verbreiteten Kompositionsweise hinweisend.

Und es sind natürlich diese mehrchörigen Psalmen, die der von Dirk Snellings aus verschiedenen Drucken mit Werken Willaerts zusammengestellten, jetzt bei Ricercar vorgestellten Marienvesper das Gepräge geben. Zwei Typen werden vorgestellt: Zum einen die ‚salmi con le sue risposte‘, in denen sich zwei Chöre unmittelbar gegenüberstehen, durch eine deutliche Zäsur getrennt, oft auch durch den Wechsel einfacher und mehrfacher Besetzung kontrastiert. Drei dieser Psalmen zeigen übrigens eine hochinteressante Zusammenarbeit zweier Meister auf Augenhöhe: Willaert übernahm jeweils den zweiten Chor, während seine Kollege Jachet de Mantoue (1483-1559) seinen ersten Chor voranstellte – eine Zusammenarbeit, die sich übrigens in verschiedenen gemeinsamen Sammlungen fruchtbar niederschlug. Dazu treten als zweiter Typus die noch moderneren ‚salmi spezzati‘, in denen sich die beiden Chöre bei jedem Wechsel kurzzeitig überlappen und die Schlusskadenz des einen Chors gleichzeitig mit dem Beginn des anderen erklingt.

Doch verdeckt die Klarheit des neuen formalen Prinzips der Mehrchörigkeit keineswegs die bemerkenswerte Dichte des kontrapunktischen Satzes bei Willaert. Jean Mouton als Lehrer und Vermittler einer durchaus konservativen Satztiefe und Affektferne wird hier hörbar. Willaert muss entscheidende Inspiration aus den Raumeffekten seines langjährigen Arbeitsplatzes, des Markusdoms in Venedig bezogen haben, denn aus der Leichtigkeit seiner Setzweise gingen solche Impulse vermutlich nicht hervor. Und so sind Willaerts Psalmen – wie übrigens ganz weitgehend auch seine Madrigale älteren Typs – Schönheiten des zweiten Blicks. Das neue Stilmittel der Wechselchörigkeit ist dabei ein weiteres Element der musikalischen Entfaltung, überkommene Prinzipien arrivierten Komponierens werden bei weitem nicht abgelöst, eher um kontrastierende Impulse bereichert. Instrumental gegliedert werden die vokalen Beiträge durch kleine Orgelsätze aus den Federn Willaerts oder Annibale Padovanos (1527-1575), der zu Willaerts Zeit Organist am Markusdom war.

Stilkunde & Klangschönheit

Dirk Snellings‘ Capilla Flamenca hat sich in der Vergangenheit einige stilistische Expertise angeeignet und sich wiederholt als in älteren Bezirken geistlicher Vokalmusik besonders repertoirekundige Formation präsentiert. Auch in der aktuellen Einspielung zeigen sich die kompositionsbedingt acht Herren – normalerweise sind es nur vier – agil und klangströmend, dabei oft herrlich individuell zeichnend, wie etwa der fabelhaft lyrische Altus Marnix de Cat oder der formidable Bass Dirk Snellings. Alle Vokalisten fügen sich überzeugend in das Ensemble, kleine Veränderungen zur sonstigen Homogenität durch die Ergänzungen in den oberen Registern sind kaum zu vermeiden, bleiben aber ohne negative Auswirkungen. So können zwei tatsächlich gleichwertige Quartette gebildet werden, die der Doppelchörigkeit Willaerts einige Lebendigkeit entlocken.

Dazu tragen die erfreulich fließend gewählten, gelegentlich gar frischen Tempi ebenso bei wie die sich aus den Gegensätzen der Doppelchörigkeit speisenden Stufungen der Dynamik. Die Ensembleintonation ist trotz der Erweiterung der Formation sehr niveauvoll zu nennen, das komplett unbegleitet vorgetragene Programm zeugt in dieser Hinsicht vom hohen sängerischen Vermögen der Akteure. Artikulatorisch werden natürlich immer wieder großflächige Qualitäten entfaltet, doch kommen auch kleinteilige Momente nicht zu kurz, werden die fast durchweg linear konzipierten Sätze Willaerts durch frische Impulse wohltuend und sinnvoll gegliedert. Das Klangbild ist, natürlich möchte man sagen, deutlich raumorientiert, damit klar dem Repertoire und wesentlichen seiner Wirkungen entsprechend. Die Doppelchörigkeit führt zu sehr schönen Effekten, trotz gewünschter Überlagerungen nie Klarheit und Präzision gefährdend. Dazu sind die Register harmonisch abgebildet, allenfalls mit leichter Bevorzugung der hohen Stimmen.

Auch das Orgelspiel von Joris Verdin fügt sich niveauvoll ein: Verdin beweist einen differenzierten Zugriff auf die reichen Möglichkeiten des Instruments, zeigt sich in kraftvollem wie feingliedrigem Spiel artikulationsstark. Die Ende des 15. Und Anfang des 16. Jahrhunderts von Lorenzo de Prato und Giovanni Facchetti in San Petronio in Bologna gebaute Orgel zeigt sich in einer farbenreichen Stimmung, mit kraftvollem Plenum und charaktervollen Einzelstimmen. Leider bietet das mit einer soliden Einführung aufwartende viersprachige Booklet keinerlei Informationen zu diesem zweifellos interessanten historischen Instrument – was bei einer so prominenten Präsenz im Programm durchaus ärgerlich zu nennen ist. Auch das Ensemble wird mit keinem Wort vorgestellt: Wohl kennt der interessierte Rezipient die Akteure. Doch rechnet man von Seiten des Labels denn überhaupt nicht mehr mit Erstkontakten zu neuen Hörern?

Dirk Snellings und seine Capilla Flamenca stellen eine programmatisch interessante Produktion von interpretatorischem Gewicht vor. Adriaen Willaert wird als Meister des Aufbruchs sehr treffend charakterisiert, ohne die jederzeit präsenten kontrapunktischen Grundlagen zu kaschieren. Vermutlich ist es auch diese ästhetische Zwischenstellung, die Willaert das Überleben im Repertoire bei aller Anerkennung seiner musikhistorischen Leistung noch immer etwas erschwert. Insofern das so ist, sind solch überzeugende Plädoyers wie das der Capilla Flamenca umso erfreulicher.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Willaert, Adriaen: Vespro Della Beata Vergine

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ricercar
1
01.07.2012
Medium:
EAN:

CD
5400439003255


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Ricercar

Von Haus aus Musikwissenschaftler und Gambist (und hier immerhin Schüler von Wieland Kuijken), gründete der Belgier Jérôme Lejeune 1980 sein Label RICERCAR, das schnell zu einem der wichtigsten im Bereich der Alten Musik wurde. Das war nicht nur durch die musikwissenschaftliche Arbeit Lejeunes nahe liegend, sondern auch dem Umstand geschuldet, dass Belgien von je her zu den führenden Nationen im Bereich der historischen Aufführungspraxis gehörte. Die Künstler, die für RICERCAR aufnehmen bzw. aufgenommen haben, lesen sich ohne Übertreibung wie das Who-is-Who der Alten Musik-Szene: Hier machte zum Beispiel Philippe Herreweghe genauso seine allerersten Aufnahmen wie das Ricercar Consort, Jos van Immerseel oder Mark Minkowski (sowohl als Fagottist als auch als Dirigent). Zu den Künstlern und Ensembles, die derzeit dem Label verbunden sind, gehören so prominente Namen wie der Organist Bernard Foccroulle, die Sopranistin Sophie Karthäuser sowie die Ensemble La Fenice und Continens Paradisi. Nach wie vor bietet Lejeune dabei jungen Künstlern und Ensembles eine künstlerische Plattform und er beweist dabei stets ein besonders glückliches Händchen. Viele der nicht weniger als 250 Aufnahmen, die hier veröffentlicht wurden, waren klingende Lektionen in Musikgeschichte, die in mehrteiligen Reihen solche Themen wie Bach und seine Vorgänger, die franko-flämische Polyphonie oder Instrumentenkunde behandelten und so etwas wie zu einem Markenzeichen des Labels wurden. Das erstaunliche dabei war auch, dass nahezu alle Produktionen des Labels von Lejeune sowohl wissenschaftlich als künstlerisch und technisch betreut wurden.


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