> > > Cartellieri, Antonio: Sinfonien Nr. 1-4
Sonntag, 16. Januar 2022

Cartellieri, Antonio - Sinfonien Nr. 1-4

Sinfonische Repertoirebereicherung


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Cartellieris Sinfonien sind eine willkommene Bereicherung des sinfonischen Repertoires um 1800.

Gibt es zu Unrecht vergessene Komponisten? Manche meinen nein, denn ästhetisch Herausragendes könne über kurz oder lang stets einen festen Platz für sich behaupten. Ohne Zweifel haben bei Rezeptions- und Überlieferungsprozessen aber auch Zufall und Schicksal ihre Finger im Spiel, und so kann es durchaus vorkommen, dass Komponisten und ihre Werke – ganz gleich, wie sehr sie von ihrer Mitwelt hochgehalten wurden – schnell in Vergessenheit gerieten. Wenn sie dann durch die Bemühungen einzelner wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden und sich die künstlerische Qualität ihrer Werke als solide erweist, ist das umso erfreulicher. Um genau so einen Fall handelt es sich bei den Sinfonien von Antonio Cartellieri, die CPO nun erstmals vorstellt.

Antonio Casimir Cartellieri wurde 1772 als Sohn eines Mailänder Sängers in Danzig geboren. Er erhielt in Berlin offensichtlich eine gründliche Ausbildung, denn ab 1791 war Cartellieri Musikdirektor beim Grafen Oborsky, ging zwei Jahre später aber nach Wien, um bei Salieri und Albrechtsberger seine Kompetenzen zu vervollkommnen. In den frühen 1790er Jahren machte der die Bekanntschaft mit Ludwig van Beethoven und erarbeitete sich einen so ausgezeichneten Ruf, dass Fürst Lobkowitz ihn 1796 als Kapellmeister verpflichtete. Diese Stellung hatte er bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1807 inne. Cartellieris Werke fanden weithin Beachtung – auch von Kollegen wie Beethoven –, insbesondere das Oratorium 'Gioas, Rè di Giuda' wurde sehr positiv aufgenommen. Cartellieris Instrumentalwerke waren weitgehend vergessen, bis sich Dieter Klöcker mit dem Consortium Classicum für CPO den Bläser-Divertimenti von Antonio Cartellieri gewidmet hat. Einem Werkverzeichnis zufolge umfasste Cartellieris sinfonisches Schaffen vier Werke, von denen bislang nur zwei zugänglich waren. Gernot Schmalfuß, Oboist des Consortium Classicum und Dirigent, wurde glücklicherweise fündig und kann nun alle vier Sinfonien präsentieren.

Cartellieris sinfonischer Stil reicht von einem dreisätzigen Werk, das in seiner lockeren Reihung in sich abgeschlossener Abschnitte noch deutlich das Erbe der italienischen Opern-Sinfonia aufweist bis hin zu den größer dimensionierten viersätzigen Sinfonien mit langsamer Kopfsatz-Einleitung. Die thematische Erfindung ist in den Sinfonien Nr. 1 und 3 ebenso interessant wie bei zeitgenössischen Sinfonien von Danzi, Eberl, Kozeluch, Wranitzky, Romberg, Beck oder Weyse, die Verarbeitung nicht zuletzt durch harmonisch überraschende Sequenzmodelle und geschickt instrumentierte Steigerungspartien sehr ansprechend gestaltet. Manche harmonische Wendung hat einiges mit den in Richtung Frühromantik weisenden Sinfonien von Ferdinand Ries gemeinsam. Von besonderer Phantasie zeugt der Umgang mit den Holzbläsern; vor allem der Klarinette vertraut Cartellieri solistisch glänzende Auftritte an – nicht umsonst sind von Cartellieri auch Klarinettenkonzerte überliefert. Im langsamen Satz der Sinfonie Nr. 1 ragen daneben sehr schön gestaltete Hörner-Auftritte heraus.

Das taiwanesische Evergreen Symphony Orchestra, ein junges Ensemble, das talentierten Musikstudenten die Möglichkeit gibt, Ensembleerfahrung zu sammeln, geht unter der Leitung von Gernot Schmalfuß mit großem Engagement zu Werke. Dynamische Kontraste werden mit Spannung aufgeladen, rasche Bewegungen der Außensätze mit kraftvoller Rasanz ausgeführt, was gerade der Sinfonie Nr. 1 c-Moll, dem Höhepunkt von Cartellieris sinfonischem Schaffen, eine spannungsgeladene Dramatik verleiht. Die langsamen Sätze stattet das Orchester mit lyrischen, aber doch stets in flüssigem Tempo gehaltenen melodischen Wendungen aus. Gernot Schmalfuß bringt die Orchestergruppen in ein gut austariertes Verhältnis; auch die auffallend agilen Streicherbässe sind bestens integriert. Am besten allerdings gefällt der Umgang mit den Holzbläsern, die mit fein artikulierter Wendigkeit jedes Detail sorgsam modellieren.

Dies führt allerdings auch schon zu jenen Punkten, die sich ein wenig überzeugender vorstellen ließen. Denn merkt auf Schritt und Tritt, dass der Dirigent Bläser ist. Die weiche Kantilene ist denn auch das, worauf Schmalfuß größten Wert legt. Ein wenig erinnert das zwar druckvolle, aber doch ebenmäßige Spiel an die London Mozart Players unter Matthias Bamert. Man vermisst eine deutlichere Gewichtung metrischer Schwerpunkte, die Betonung harmonischer Schärfungen oder dynamische Spannungsmomente auf engem Raum. So könnten etwa die etwas ermüdenden Tonrepetitionen des Finalsatzes in der Sinfonie Nr. 4 mit einem Crescendo zum nächsten Schwerpunkt hin spannender gestaltet werden als in dieser eher geradlinigen Lesart. Und auch die das Alternieren von Tutti-Schlägen und zarter Melodik in der langsamen Einleitung zum Kopfsatz der Sinfonie Nr. 3 C-Dur könnte durch einen stärker an rhetorischen Modellen ausgerichteten Vortragsstil an Plastizität gewinnen. Dies alles ist nicht primär eine Frage des Instrumentariums (man braucht dafür nicht unbedingt historische Instrumente) und nicht einmal der Orchestergröße: Wie man mit einem ‚traditionellen‘ Sinfonieorchester Musik dieser Zeit mit vibrierender Spannung aufladen kann, zeigte etwa Howard Griffiths in der CPO-Produktion der Danzi-Sinfonien. Man wünschte sich nur, dass der musikalische Zugang ein wenig stärker an der Vortragsästhetik der Werkentstehungszeit orientiert wäre, etwa im dynamischen Abfedern längerer Noten, die gerade von Bläsern ebenmäßig durchgehalten werden. Doch schmälert diese musikalische Gestaltung den äußerst positiven Gesamteindruck nur wenig, denn der interpretatorische Zugriff ist konsistent und höchst spannend allzumal.

Cartellieris Sinfonien sind eine willkommene Bereicherung des sinfonischen Repertoires um 1800. Leider lässt aber das Booklet einige Wünsche offen. In der Tracklist erfährt man leider nicht einmal die Tonarten der Sinfonien und im Haupttext wird Cartellieris Wirken nicht nur ein Mal ins späte 19. Jahrhundert verlegt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cartellieri, Antonio: Sinfonien Nr. 1-4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.06.2012
Medium:
EAN:

CD
761203766727


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Cartellieri, Antonio
 - Sinfonie Nr. 1 - Allegro
 - Sinfonie Nr. 1 - Andante espressivo
 - Sinfonie Nr. 1 - Menuetto. Moderato
 - Sinfonie Nr. 1 - Finale. Allegro
 - Sinfonie Nr. 2 - Allegro
 - Sinfonie Nr. 2 - Andante con variazioni
 - Sinfonie Nr. 2 - Allegro
 - Sinfonie Nr. 3 - Adagio maestoso - Allegro presto
 - Sinfonie Nr. 3 - Andante poco Adagio
 - Sinfonie Nr. 3 - Menuetto. Allegro
 - Sinfonie Nr. 3 - Finale. Allegro
 - Sinfonie Nr. 4 - Adagio


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Dirigent(en):Schmalfuss, Gernot
Orchester/Ensemble:Evergreen Symphony Orchestra
Interpret(en):Schmalfuss, Gernot


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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