> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: David, König von Jerusalem
Samstag, 4. Dezember 2021

Mozart, Wolfgang Amadeus - David, König von Jerusalem

Mozart, König in Jerusalem


Label/Verlag: ORFEO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im 18. Jahrhundert war das eine weitverbreitete Praxis: Aus alten, bekannten Werken wurde neue zusammengestellt, bereits vorhandene Musik mit neuen Texten unterlegt. Dieses Verfahren – italienisch ‘Pasticcio’ (Pastete) genannt – war gang und gäbe und zu dieser Zeit alles andere als anstößig. Angewandt wurde es sowohl bei der Oper als auch bei Oratorien. Aber – so lautet angesichts der nun vorgelegten Einspielung ‘David, König in Jerusalem’ die entscheidende Frage – kann ein solches Verfahren auch heute noch angewandt werden? Ergibt dies musikalisch und ästhetisch einen Sinn?

‘David, König in Jerusalem’ ist laut Textheft ein Stück, das aus verschiedenen Werken Mozarts zusammengestellt worden ist: dem Oratorium ‘Davidde penitente’, der Schauspielmusik ‘Thamos, König in Aegypten’ sowie aus vier Konzertarien und zwei Orchesterwerken. Ergänzt wird das Oratorium durch gesprochene Texte, die der Heiligen Schrift entnommen sind. Kompilator dieses alt-neuen Werkes ist Richard Bletschacher, der sich auf die Tradition des 18. Jahrhunderts beruft. Schon das Oratorium ‘Davidde penitente’ (1785) basiert bekanntlich auf einem anderen Werk von Mozart, nämlich der c-moll Messe KV 427. ‘Bei der lang geplanten Realisierung dieses gewagten Unternehmens hat mich die Hoffnung geleitet, einige der schönsten Werke, die Mozart je komponiert hat, ins Bewusstsein eines größeren Publikums zu rücken’, erklärt Bletschacher. Aber bedarf es dazu eines neuen Oratoriums? Und was sind die ‘schönsten Werke’ Mozarts? Zeigt sich hier nicht die ganze ästhetische Problematik? Was will zu Beginn des Dritten Jahrtausends ein künstlich hergestelltes Oratorium seinen Hörern sagen? Dass die Musik Mozarts schön ist? – Bletschacher versteht sein Opus als ein ‘szenisches Oratorium’, das sich sowohl für die Theaterbühne als auch für eine konzertante Aufführung eigne. Er schlägt sogar eine Kirche als Aufführungsort vor. Aber, so kann man weiter fragen, was soll so ein Werk in der Kirche? Allenfalls könnte es beweisen, dass sich die kirchliche Ästhetik lieber in die Vergangenheit zurückzieht als sich mit modernen künstlerischen Formen auseinanderzusetzen. Damit wäre das Werk aber eine höchst ungeistliche und nicht-inspirierte Musik. Und auf neuübersetzte Texte wie ‘Der Knabe David erschlug den Philister; / So gab er den Männern Mut! / Und betend halfen Frauen und Priester. / Alle kämpften für Israels Blut.’ kann man getrost verzichten – in der Kirche und im Theater.

Kehren wir nach diesen grundsätzlichen Erwägungen zur Einspielung zurück. Aufgenommen wurde sie unter der Leitung von Leopold Hager vom Münchner Rundfunkorchester. Leider verschenken Dirigent und Orchester viele Möglichkeiten der dramatischen Gestaltung. Leidenschaftlich oder gar aufregend wird fast nie musiziert, so dass sich die gutgemeinte, aber fatale Ästhetik in der Aufführung widerspiegelt. Über weite Strecken gepflegte Langeweile. Und das, obwohl die Aufnahme mit bekannten Namen und verdienten Solisten aufwarten kann. Erwähnt seien Sibylla Rubens (überzeugend im Finale I) oder Franz-Josef Selig, der seine ‘Auftrittsarie’ ‘Also habt ihr dem Vater’ klangschön und ohne falsches Pathos vorträgt. Hier tritt auch das Orchester mit den Holzbläsern angenehm in Erscheinung. Einen sängerischen Höhepunkt stellt das kurze, aber höchst virtuose Terzett aus ‘Davidde penitente’ kurz vor Ende des Werkes dar: Sibylla Rubens (Sopran), Alison Browner (Alt) und Johannes Chum (Tenor) können ihre Kunst unter Beweis stellen. Bemerkenswert gestaltet Chum auch die Rache- und Kampf-Arie ‘Laßt uns vom Zorn beflügelt’. Der Chor des Bayerischen Rundfunks, laut Bernstein den ‘besten der Welt’, überzeugt leider nicht. Wie viele Opernchöre wartet er zwar mit vollem, sattem Klang auf, der jedoch auf Kosten der Präzision und Intonation geht. Leider klingt der Chor auch stets forciert.

Geradezu peinlich wirken die als ‘Melodram’ gekennzeichneten Teile des Oratoriums. Zu Hintergrundmusik darf der Sänger mit erhobener Stimme seinen Text deklamieren. Noch ein Wort zu den Bibeltexten – angenehm gesprochen von Bruno Ganz: Dass hierbei auf die Lutherübersetzung zurückgegriffen wurde, ist in sprachlicher und religiöser Hinsicht sicherlich eine kluge Entscheidung. Freilich zeigt sich auch hier, wie beliebig in diesem neugeschaffenen Oratorium – soll man sagen: ‘postmodern’ – mit der jüdisch-christlichen Tradition umgegangen wird. Wenn man sich schon bei der Herstellung eines Pasticcio auf die Praxis des 18. Jahrhunderts beruft, hätte man auch eine katholische (aufklärerische) Bibelübersetzung aus dieser Zeit nehmen müssen – nicht eine protestantische Textfassung, die zudem aus dem frühen 16. Jahrhundert stammt.

Die Aufnahme ‘David, König in Jerusalem’ stellt einen Mitschnitt eines Konzertes dar, das am 15. November 1998 in der Münchener Residenz erklang. Die Aufnahmequalität ist – trotz einiger Nebengeräusche, die aber nicht stören – gut. Das Booklet enthält neben dem Libretto und den Künstlerbiographien eine instruktive Einführung, welche die Idee Bletschachers anschaulich machen will.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 




Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mozart, Wolfgang Amadeus: David, König von Jerusalem

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
ORFEO
2
23.09.2002
2:21:20
1998
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
4011790173221
C 173 022 H

Cover vergössern

Mozart, Wolfgang Amadeus


Cover vergössern

Dirigent(en):Hager, Leopold
Orchester/Ensemble:Münchner Rundfunkorchester
Interpret(en):Chor des Bayerischen Rundfunks,


Cover vergössern

ORFEO

Erschienen die ersten Aufnahmen des 1979 in München gegründeten Labels noch in Lizenz bei RCA und EMI, produziert und vertreibt ORFEO seit 1982 unter eigenem Namen. Durch konsequente Repertoire- und Künstlerpolitik konnte sich das Label seit seinem aufsehenerregenden Auftritt am Anfang der Digital-Ära dauerhafte Präsenz auf dem Markt verschaffen. Nicht nur bekannte Werke, sondern auch weniger gängige Musikliteratur und interessante Raritäten - davon viele in Ersteinspielungen - wurden dem Publikum in herausragenden Interpretationen zugänglich gemacht. Dabei ist es unser Bestreben, auch mit Überraschungen Treue zu klassischer Qualität zu beweisen.
Der Musik der Moderne wird mit den gleichen Qualitätsstandards Beachtung geschenkt - in exemplarischen Neuaufnahmen wie in Mitschnitten bedeutender Uraufführungen. Wichtige Akzente setzen dabei die Serien Edition zeitgenössisches Lied, die bis in die unmittelbare Gegenwart vorstößt, und Musica Rediviva mit Werken verbotener oder zu Unrecht vergessener Komponisten.
Zu den Künstlern zählen die besten Sängerinnen und Sänger, Instrumentalisten, Orchester und Dirigenten der letzten drei Jahrzehnte. Die Förderung aufstrebender Künstler der jüngeren Generation war und ist ORFEO stets ein Anliegen. Viele, die heute zu den Großen der Musikszene zählen, errangen bei uns ihre ersten Schallplattenerfolge.
Mit der Serie ORFEO D'OR wird auf die große interpretatorische Vergangenheit zurückgegriffen; legendäre Aufführungen u.a. aus Bayreuth, München, Wien und Salzburg werden dokumentiert. Hierbei wurde von Anfang an besonderer Wert auf sorgfältige Edition gelegt; durch - das dürfte auf dem Markt für historische Aufnahmen heute sehr selten sein - offizielle Zusammenarbeit mit den Künstlern, Erben und Institutionen hat ORFEO D'OR jeweils exklusiven Zugriff auf die besten erhaltenen Originalquellen.
Unser Ziel: Die Faszination, die klassische Musik ausüben kann, über die Generationen lebendig nahe zubringen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag ORFEO:

blättern

Alle Kritiken von ORFEO...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Michael Fischer:

blättern

Alle Kritiken von Dr. Michael Fischer...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Brahms ohne Schrei – aber als Trost im Lockdown: Emmanuel Despax realisiert mit engen Vertrauten seinen Jugendtraum, Brahms' 1. Klavierkonzert aufzunehmen. Und liefert eine im Lockdown entstandene Interpretation von 16 vierhändigen Walzern mit Ehefrau Miho Kawashima hinterher. Weiter...
    (Dr. Kevin Clarke, )
  • Zur Kritik... Very British: Die Ballette von Lord Berners sind in der Einspielung durch David Lloyd-Jones ein Vergnügen. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Verbeugung vor den Damen: Ein vergessenes Werk von Ethel Smyth und ein Geschenk zum hundertsten Geburtstag. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

IMMA

Anzeige

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2021) herunterladen (3500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich