> > > Rachmaninoff, Sergei: Morceaux de Fantaisie op. 3
Mittwoch, 17. August 2022

Rachmaninoff, Sergei - Morceaux de Fantaisie op. 3

Vielversprechendes Debüt


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nareh Arghamanyan erweist sich hier als eine vielversprechende Pianistin, deren hohes technisches Vermögen außer Frage steht. Man wird von ihr noch einiges erwarten dürfen.

Sie war mit 15 Jahren jüngste Studentin an der Universität Wien, durfte sich zu dem Schülerkreis von Heinz Medjimorec und Arie Vardi zählen und konnte ihr musikalisches Talent und technisches Vermögen bei einer beachtlichen Reihe an Wettbewerben unter Beweis stellen, darunter der Internationale Musikwettbewerb Montreal, den sie 2008 mit einem ersten Preis verließ. – Die Rede ist von der 1989 in Armenien geborenen, seit einiger Zeit in Wien lebenden Pianistin Nareh Arghamanyan. Das holländische Label Pentatone beweist ein glückliches Händchen, die aufstrebende, vielversprechende Pianistin unter Vertrag zu nehmen.

Ihr Debüt bei Pentatone steht nun ganz im Zeichen der Klaviermusik Sergej Rachmaninoffs. Dass sie zu diesem Komponisten eine Affinität hat, zeigte sich bereits in einer Einspielung, die seinerzeit bei Analekta erschien. Nun erweist sie sich als Interpretin noch ein wenig gereifter. Wie Nareh Arghamanyan im Booklet (das sie mit einem eigenen Beitrag ausstattet) deutlich macht, geht es ihr darum, ein möglichst breites Spektrum der kompositorischen Persönlichkeit und der Schaffenszeit Rachmaninoffs abzudecken. Folglich finden sich hier drei Werke unterschiedlicher Perioden: Den Anfang machen die fünf 'Morceaux de Fantaisie' op. 3, gefolgt von den 'Études-tableaux' op. 33, den Schlusshöhepunkt bilden die 'Corelli-Variationen' op. 42, Rachmaninoffs letztes Werk für Klavier solo. Beigegeben ist der hybriden SACD eine DVD, in der Ausschnitte des Programms zu sehen sind sowie ein Interview mit der Künstlerin, in dem man bis auf Arghamanyans Sicht auf die spirituelle Dimension des Musizierens und die ihrer Meinung nach seelentröstende Funktion von Musik sowie Stationen ihrer bisherigen Karriere nicht viel Tiefergehendes erfährt.

Durchaus tiefergehend ist allerdings die Umsetzung der hier aufgenommenen Werke. Nareh Arghamanyan spürt der Mehrstimmigkeit in Rachmaninoffs Klaviersatz sensibel nach und legt die Schichtungen für den Hörer plausibel und feinfühlig offen. Aus dem virtuosen, klangvollen Rankenwerk löst sie, etwa in den Nummern 1 und 3 der 'Morceaux de Fantaisie' oder dem Mittelteil der Nr. 1 aus op. 33, mit Übersicht und differenziertem Anschlag Melodielinien heraus. Auch das Gegeneinander verschiedener Charaktere – in dem ersten Stück der 'Études-tableaux' der Kontrast von unerbittlich marschmäßig pochendem Bass und für Rachmaninoff typisch engschrittigen Melodiebewegungen in der rechten Hand – gelingt ihr überzeugend. Ihr Klavierklang hat Fülle und eine angenehme Rundung, die scherzosen Momente ('Polichinelle' op. 3 Nr. 4 oder Scherzoso-Abschnitt der 'Sérénade' op. 3 Nr. 5) sind durch Leichtigkeit und leichte Würze gekennzeichnet. Mit Klangvolumen und -farbe weiß die junge Pianistin sinnfällig umzugehen, etwa in dem berühmt-berüchtigten cis-Moll-Prélude op. 3 Nr. 2. Den Mittelteil packt sie mit fiebriger Unruhe an, im entscheidenden Moment aber setzt sie zu einer großen Steigerung an, die sich in einem kraftvollen, klanggewaltigen, aber nicht brutalen Fortissimo entlädt.

Nareh Arghamanyan besitzt die Fähigkeit, unterschiedliche Stimmungen durch differenzierten Umgang mit Dynamik, Artikulation und Klangfarbe auf engstem Raum zu evozieren. Um dies zu unterstützen greift sie allerdings nicht selten auf Tempoänderungen zurück, die den zwingenden Fortgang ein wenig hemmen. Man wünschte sich, die Pianistin würde gerade in den Unterstimmen dem flexibel gehandhabten Tempo der Melodie nicht immer nachgeben. Das führt sowohl in einigen Stücken aus opp. 3 und 33 dazu, dass der größere Zusammenhang in kleinere Segmente unterteilt wird. Doch am auffälligsten ist diese Tendenz in den 'Corelli-Variationen' op. 42. Der gemeinsame Impuls, der mehrere Variationen unter einen Bogen spannt, wird durch die äußerst scharfe Zeichnung jeder einzelnen Variation, tendenziell lange Pausen zwischen ihnen und leichte Temposchwankungen unterbrochen. Ihr klanglich stets nobler Zugriff könnte in op. 42 – vor allem im Bass – zudem ein wenig trockener und prägnanter sein.

Nareh Arghamanyan erweist sich hier als eine vielversprechende Pianistin, deren hohes technisches Vermögen außer Frage steht. Wenn ihr interpretatorischer Zugang, der momentan noch ein wenig zu wettbewerbskompatibel erscheint, im Laufe der Zeit durch deutlichere individuelle Ausdruckskraft angereichert wird, wird man von ihr noch einiges erwarten dürfen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rachmaninoff, Sergei: Morceaux de Fantaisie op. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
2
20.04.2012
Medium:
EAN:

SACD
827949039966


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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