> > > Gershwin, George: Klavierkonzert in F
Sonntag, 15. September 2019

Gershwin, George - Klavierkonzert in F

Absolut stilecht


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Andrew Litton und der Pianist Freddy Kempf geben sich der Schönheit von Gershwins Musik und ihrer rhythmischen Zugkraft rückhaltlos hin. Das Philharmonische Orchester Bergen mutiert, wo nötig, zur veritablen Jazzband.

Andrew Litton, einer der interessantesten Dirigenten seiner Generation, zeigte in der Vergangenheit bereits mehrmals, dass es ihm bei der musikalischen Interpretation um eine idiomatische Wiedergabe zu tun ist. Das zeigte sich jüngst bei seinen Strawinsky-Einspielungen, in größerem Maße aber in seiner Gesamteinspielung der Klavierkonzerte von Sergej Rachmaninoff mit Stephen Hough: Rubati auf engem Raum bei flüssig genommenen Grundtempi, Streicher-Portamenti und andere Stilelemente der Interpretationspraxis aus der Zeit der Werkentstehung nimmt Litton auf, um jedem Werk seine ihm entsprechende stilistische Farbe zu geben.

So verhält es auch in der bei BIS erschienenen Einspielung der Werke für Klavier und Orchester von George Gershwin, die Litton zusammen mit ‚seinem‘ Philharmonischen Orchester Bergen und dem britischen Pianisten Freddy Kempf aufgenommen hat. Eingeleitet von dem Piano Concerto in F folgt die 'Rhapsody in Blue' in der ursprünglichen Jazzband-Orchestrierung von Ferde Grofé. Anschließend erklingt ihre Nachfolgerin, die 'Second Rhapsody', den Schluss machen die Variationen über 'I got rhythm' für Klavier und Orchester aus dem Jahr 1934. Dass Andrew Litton nicht nur im russischen Repertoire besonders zuhause ist, sondern auch für das amerikanische ein Händchen hat, zeigten nicht zuletzt einige Einspielungen bei Dorian, die Litton damals mit dem Dallas Symphony Orchestra aufgenommen hat.

Litton bringt das stilsichere und offensichtlich sehr flexible Orchester aus Bergen dazu, sich mit Haut und Haar dem jazzigen, swingenden Idiom George Gershwins zu verschreiben. Der amerikanische Dirigent fordert einen hemmungslos schwelgerischen Zugriff auf die schmachtenden Kantilenen, die von den Streichern mit süffigem Ton gespielt werden. In gleicher Weise wird er aber auch der leichtfüßigen Rhythmik gerecht, die vom sehr präsenten Schlagwerk unterstrichen wird. Littons identifikatorischer Zugriff auf diese Werke und die vom Orchester getragene absolut stilgerechte Umsetzung schließen im Kopfsatz des F-Dur-Konzerts so manches Streicher- oder Posaunenglissando ein, im zweiten Satz ein sattes, rührseliges Vibrato der Solotrompete – ganz zu schweigen von dem idiomatischen Spiel des Klarinettisten Håkon Nilsen in der 'Rhapsody in Blue'.

Andrew Litton Zugang zeigt auch hier eher Zeichen einer ‚Überinterpretation‘ denn einer zu geradlinigen Umsetzung des Notentextes. Die Kontraste innerhalb eines Satzes werden von ihm maximal ausgereizt – man höre im Kopfsatz des F-Dur-Konzerts das scharf geschnittene Nebeneinander von strengem Pauken-Motiv und locker beschwingten rhythmischen Figuren –, und auch im Orchestersatz wird so manches, was meist im Klangbild untergeht, hervor gekitzelt. Diese Momente wirken, ebenso wie manch etwas zu temperamentvoll zugespitzter Akzent, ein wenig überengagiert. Gleiches gilt für einige starke Tempoveränderungen, die sich etwas flüssiger ergeben könnten.

Freddy Kempf, der mit Litton bereits in einer beachtlichen Prokofjew-Einspielung für BIS zusammengearbeitet hat, erweist sich exzellenter Techniker, der allerdings die nötige Lust an rhythmischer Agilität mitbringt, um diese Musik zum Tanzen, aber auch zum Singen zu bringen. Kempf favorisiert hier – vor allem in den schnellen Sätzen bzw. Passagen – einen durchaus schlanken Klavierklang, der ihm die Möglichkeit bietet, rhythmisch gestochen scharf zu artikulieren, doch eignet diesem Klang nie etwas Scharfes – im Gegenteil: Der Anfang der Rhypsody in Blue“ hat fast etwas Hammerklavierartiges, genauer: Glockenartiges, als seien die Hämmer mit Leder überzogen. Dass Freddy Kempf über eine virtuose Technik verfügt, zeigt der rasend schnell genommene Finalsatz des F-Dur-Konzerts; die Kontrolle seines Anschlags selbst in dahin rasenden Passagen ist bemerkenswert.

Mit dieser von großer dynamischer und klangfarblicher Breite bestimmten Einspielung liegt eine Produktion von Gershwins Werken für Klavier und Orchester vor, die sich dem Tonfall der Musik rückhaltlos hingibt. Man wird nicht allzu oft ein zu den besten Europas gehörendes Orchester hören, das sich mit solchem Temperament dem Stil Gershwins öffnet. Für Andrew Litton ist das Philharmonische Orchester zu einer veritablen Mischung aus Salonorchester, Jazzband und Spitzenklangkörper geworden.

Interpretation:
Klangqualität:
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gershwin, George: Klavierkonzert in F

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
20.06.2012
Medium:
EAN:

SACD
7318599919409


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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