> > > Schubert, Franz: Klaviertrios op. 99 & 100
Sonntag, 26. Juni 2022

Schubert, Franz - Klaviertrios op. 99 & 100

Hohes Reflexionsniveau


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Trio Bamberg meistert mit seiner Einspielung der beiden Klaviertrios von Franz Schubert den langen Atem der Kompositionen durch rhythmische Prägnanz und Mut zum Unvermittelten.

Als etabliertes Ensemble kann das Trio Bamberg bereits auf eine ansprechende Diskografie verweisen, die neben dem Standardrepertoire auch weniger prominente Kompositionen wie das Klaviertrio Schnittkes oder sogar dasjenige E.T.A. Hoffmanns berücksichtigt. Mit der beim Label musicaphon (in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk) erschienenen Einspielung der beiden Klaviertrios von Franz Schubert stellen sich die Interpreten zwei der gewiss anspruchsvollsten Werke der Kammermusik: Die jeweils viersätzigen, allein hinsichtlich der zeitlichen Dimensionen innerhalb ihres Genres kaum zu überbietenden Trios geben sich spröde, zerfurcht, ja sperrig, beherrscht von einer Tiefe des Ausdrucks, die die Interpretation zur Herausforderung und das Hören zur Aufgabe macht. Robert Benz (Klavier), Jewgeni Schuk (Violine) und Alexander Hülshoff (Violoncello), dessen Part im Es-Dur-Trio op. 100 von Stephan Gerlinghaus übernommen wird, meistern die epischen Ausmaße der Werke durch Prägnanz des Rhythmischen und eine Standhaftigkeit des Zeitmaßes, die dem Element des Unvermittelten, Brüchigen in Schuberts Kompositionen den notwendigen Rahmen verleiht. Generell beeindrucken die Interpreten in beiden Trios von Beginn an mit einem feinen Gespür für das Zeitliche: Wo einerseits Ruhe und Gelassenheit bei nie überzogenen Tempi der Musik genügend Raum zur Entfaltung lassen, da bewahrt andererseits die Unnachgiebigkeit in der Gestaltung rhythmischer Details die Stücke stets vor dem Zerfall in Einzelteile.

Die Fähigkeit zur Formulierung rhythmisch klarer Aussagen beweist sich beispielhaft im Kopfsatz des B-Dur-Trios op. 99, dessen motivisches Material wesentlich aus einem punktierten Motiv gewonnen wird. Wo diese Punktierung zu weich genommen wird, da geht das den Satz generierende Prinzip verloren. Die drei Interpreten des Bamberg-Trios fangen diese Problematik auf, indem sie das Motiv grundsätzlich sehr scharf, ja überdeutlich artikulieren, solcherart für den ganzen Satz trotz wechselnder Charaktere ein verbindendes Element konstituierend. Namentlich zu Beginn des 'Allegro moderato' stellt das Ensemble orchestrale klangliche Fülle der Eröffnung gegen subtile kammermusikalische Gestaltung, sobald das Hauptthema ins Klavier wandert. Alle Musiker bedienen sich dabei eines klaren, geradlinigen Tons, der das Satzgeschehen durchsichtig und verständlich macht. Das Thema des Seitensatzes entfaltet sein gesangliches Potenzial, ohne sich in unkontrolliertes Espressivo zu versteigen; hörbar bemühen sich die Interpreten darum, die Besonderheit der Schubertschen Tonsprache, das Innige und zugleich Schlichte, ihrem Spiel zu eigen zu machen. Die klare Formung der musikalischen Gedanken zeugt von hohem Reflexionsniveau: Wo die Schlussgruppe der Exposition aus dem ansonsten straff durchgehaltenen Tempo herausfällt, geschieht dies demonstrativ, ja bewusst übertrieben, um den unwillkürlichen Charakterwechsel der Musik noch zusätzlich zu unterstreichen.

In beiden Trios sind es vor allem die langsamen Sätze, die den Ausführenden anscheinend unendlichen Atem abverlangen. Das 'Andante con moto' aus op. 100, gewiss das Herzstück des Werkes, profitiert dabei in besonderer Weise von der Fähigkeit des Ensembles, prägnant formulierte rhythmische Gestalten innerhalb eines unnachgiebig geführten Zeitmaßes in den Raum zu stellen, ohne die vielen unvermittelt aneinandergefügten Abschnitte durch übergeordnete motivische Organisation verbinden zu wollen. Der Kontrast zwischen schroffen Ausbrüchen und dem gänzlich in sich selbst zurückgezogenen Grundcharakter des Satzes, der in der Tat Assoziationen zur Atmosphäre der 'Winterreise' weckt, wird als solcher wirklich kenntlich gemacht. Die Interpreten vertrauen sämtlich auf die Eigendynamik des kargen Satzes, präsentieren ihn schmucklos und ernst, aber unbelastet von der drückenden Grabesstimmung, in die der Satz für gewöhnlich eingebettet wird.

Der Mut zur Darstellung werkimmanenter Brüchigkeit prägt auch das 'Andante un poco mosso' des B-Dur-Trios, dessen unaufhörlicher Achtelfluss von den Ausführenden bewusst zuweilen fast zum Stehen gebracht wird. Im Mittelteil dagegen beeindruckt das Gespür des Ensembles für das unruhig Suchende, das die Außenteile jäh unterbricht - subtil und von plötzlicher Nervosität erfüllt.

Heiterer, aber den Schubertschen Duktus nie preisgebend gestalten die Interpreten jeweils die Scherzi und Schlusssätze der umfangreichen Kompositionen. Die gekonnte kammermusikalische Verwobenheit des Ensembles ebnet dem Hörer den Weg für assoziatives Hören besonders dort, wo das Geschehen dicht und polyphon wird: Prozesse können mühelos aufeinander bezogen werden, indem Identisches immer als solches identifizierbar bleibt und Satzhierarchien sich nachvollziehbar darstellen. Dabei gelingt es dem Ensemble, die beiden unterschiedlichen Klangkörper, die im Klaviertrio durch die Gegenüberstellung der Streichergruppe einerseits und dem Klavier andererseits etabliert werden, je nach musikalischer Aufgabenstellung mal als Kontrast, mal aufs Engste verbunden und aufeinander abgestimmt zum Einsatz zu bringen. Die einheitliche artikulatorische Gestaltung von Themen und Motiven versteht sich dabei ebenso von selbst wie eine stets beibehaltene dynamische Balance zwischen den drei Instrumentalisten. Wo die Streicher vor allem durch schlanken, zwar ausdrucksstarken, aber niemals ins süßlich Expressive abdriftenden Ton beeindrucken, überzeugt der Pianist mit klarem, hellem, direktem Anschlag, der besonders denjenigen Passagen der beiden Schlusssätze Reiz verleiht, die sich in auffallend entlegenen Diskantlagen abspielen. Die Synthese aus dieser pianistischen Anschlagskultur und dem geradlinigen, gleichsam entschlackten Streicherklang von Violine und Cello gestattet schroff auffahrende Ausbrüche in den Finalsätzen ebenso wie die überzeugende Darstellung zurückgezogener, fast zerbrechlicher Passagen. In den Scherzi, jeweils im tänzerischen Menuettcharakter dargeboten, dringt, wo es nötig ist, Rustikales, ja bäuerlich Anmutendes an die sonst empfindliche Oberfläche.

Wenigen Ensembles gelingt es, mit einer Einspielung der Schubertschen Klaviertrios auf ganzer Linie zu überzeugen: Wo nicht klangliche Askese in vermeintlicher Übereinstimmung mit der so ganz eigenen kargen Faktur der Kammermusikwerke Schuberts vorherrscht, da gefallen sich die Interpretationen in romantischem Pathos, das ein Nach-außen-gewandt-Sein der Musik suggeriert, wo solches nicht am Platze ist. Die Aufnahme des Trio Bamberg darf demgemäß als ein glücklicher Sonderfall gelten, in dem das charakteristisch Schubertsche auf einen Nenner gebracht wird. Das Ensemble findet die Mitte zwischen Expressivität und Introvertiertheit, vereint Gesangliches mit Unnachgiebigkeit des Zeitmaßes und verleiht den Kompositionen durch immer gewahrte rhythmische Prägnanz jenen Rahmen, der sie vor dem Auseinanderfallen bewahrt. Dabei wird freilich Brüchigkeit, wo sie den Stücken wesentlich ist, nicht ausgebügelt. Der Interpretation ist ihr hoher Grad an Informiertheit und Reflexion in jedem Augenblick anzuhören.

Überzeugend gestaltet sich insgesamt auch das Booklet dank seiner informativen Werkbeschreibungen; die Vita des Cellisten Stephan Gerlinghaus, der mittlerweile nicht mehr zum Stab des Trio Bamberg zählt, in der vorliegenden Einspielung aber den Cellopart des Es-Dur-Trios übernimmt, fehlt leider.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Klaviertrios op. 99 & 100

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Musicaphon
1
13.06.2012
Medium:
EAN:

CD
4012476569345


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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