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Mittwoch, 28. September 2022

Boellmann, Leon - Kammermusik

Jagd durch den Park


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Komponist Léon Boëllmann ist vor allem in Orgelkreisen bekannt. Dabei gibt es von ihm auch eine ganze Reihe reizvoller Kammermusikwerke. Das Trio Parnassus hat einige davon aufgenommen.

Der französische Komponist Léon Boëllmann (1862–1897) ist heute vor allem Orgelkreisen bekannt mit seiner 'Suite gothique' op. 25, dessen Toccata fast jene Berühmtheit hat wie der Schlusssatz der Fünften Orgelsinfonie von Charles-Marie Widor. Dabei hat er zu nahezu allen Gattungen Beiträge beigesteuert, darunter auch eine Oper sowie eine 'Fantaisie Dialoguée' für Orgel und Orchester. Neben der Orgelmusik ist aber vor allem die Kammermusik Boëllmanns erkundet worden, allen voran jene für Violoncello und Klavier. Auch auf der vorliegenden CD finden sich zwei kurze Stücke für Violoncello und Klavier, die 'Deux Pièces' op. 31 (1896). Das erste der beiden kurzen Stücke ('Valse lente') kann man fast als kammermusikalisches Nocturne bezeichnen, mit weich fließender Melodie à la Fauré, während das zweite ein kraftvolles Menuett mit träumerischem-sehnsuchtsvollem Trio ist. Michael Groß und Chia Chou verleihen den Preziosen warme Eleganz und großen Charme – die ‚Untertitel‘ sind kaum mehr als äußerliche Beschreibung, ist doch die Musik von weit größere Tiefe als vom Titel zu erwarten wäre (Max Reger hätte vergleichbare Kompositionen mit ähnlichem Understatement als Albumblatt und Caprice bezeichnet).

Das Klaviertrio G-Dur op. 19 entstand 1895 und wurde mit einem Preis der Société des Compositeurs ausgezeichnet. Das essenziell zweisätzige sommerlich-heitere Werk weist im Kopfsatz Serenadencharakter auf und wird in der zweiten Hälfte effektvoll gesteigert. Leider scheint sich das Trio Parnassus in der Komposition nicht ganz so wohl zu fühlen wie in anderen Raritäten, für die sich das Ensemble sonst immer so erfolgreich einsetzt. Zwar sitzt musikalisch-technisch alles, doch fehlt der besondere eigene Charakter der Musik, der in der einzigen leicht greifbaren Konkurrenzeinspielung stärker zu hören ist. Vielleicht liegt das an dem Ton der Geigerin Yamei Yu, die nicht ganz die stilistische Eleganz ihrer beiden Kollegen erreicht und in der Melodiegestaltung eher etwas ‚gedrückt‘ wirkt (vielleicht hat sie ein neues Instrument, das sie noch einspielt?). Im Finale, das in Teilen einer Verfolgungsjagd durch einen Pariser Park verwandt scheint, geraten auch einige wenige Töne Michael Groß‘ nicht ganz rund (man muss allerdings nach ihnen suchen), aber das ist nicht von größerer Bedeutung – die charmante Lebhaftigkeit der Musik nimmt mehr als nur genug für sich ein.

Notizen aus seinen Reise-Skizzenbüchern inspirierten Boëllmann zu rund hundert theologisch betitelten Stücken, die er unter dem Titel 'Heures mystiques' zu den Opera 29 und 30 zusammenfasste, die 1896 im Handel erschienen. Zwei der ursprünglich vor allem für Harmonium intendierten, häufiger auch auf der Orgel zu hörenden Stücke (welche?) werden hier in einer (leider niemandem zugewiesenen) Bearbeitung für Klaviertrio dargeboten. Es sind harmonisch interessante, getragene, meditative kurze Stücke, deren zweites (ein 'Largo') aria-gleich große Serenität und Wärme ausstrahlt (auch wenn auch hier Yu nicht ganz den für das Stück ‚gedeckten‘ Ton trifft).

Schon 1890 hatte Boëllmann sein ebenfalls preisgekröntes Klavierquartett f-Moll op. 10 geschaffen, eine herbstlich-melancholische Komposition, deren Scherzo einen nicht allzu unfreundlichen Regentag beschreiben könnte, das 'Andante' einen gemütlichen Abend um den heimischen Kamin mit einer heißen Chocolade, ehe das abschließende 'Allegro' das Glitzern der Sonne auf dem ersten Schnee darstellen könnte, der schon bald zur ersten Schlittenfahrt einlädt. Hier wird das Trio Parnassus durch den renommierten Bratschisten Gérard Caussé unterstützt – im Zusammenspiel eine wahre Wonne, nur in Details auch hier nicht ganz restlos geglückt.

Das immer musikalisch gut ausbalancierte, gelegentlich geradezu beglückende Zusammenspiel der Musiker ist aufnahmetechnisch optimal, vielleicht sogar fast zu unmittelbar eingefangen. Den Booklettext hätte man sich ausführlicher gewünscht. Allemal aber haben wir hier ein gutes, einnehmendes Plädoyer für einen Komponisten, der ebenfalls allemal am Rande im Bewusstsein ist, gerade als Kammermusikkomponist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Boellmann, Leon: Kammermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
22.06.2012
Medium:
EAN:

CD
760623175522


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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