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Samstag, 15. Dezember 2018

Graun, Carl Heinrich - Montezuma

Sprachverwirrung im preußischen Mexiko


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Dieser 'Montezuma' schließt eine klaffende Lücke in der winzigen Diskographie diese Oper.

Als man 1981 in Berlin anlässlich einer Ausstellung zum Thema ‚Preußen – Versuch einer Bilanz‘ Carl Heinrich Grauns 'Montezuma' auf den Spielplan der Deutschen Oper setzte, kam das einem enormen Risiko gleich. Kaum jemand kannte das Werk, die entdeckungsfreudige Barockopern-Welle der späten 1990er Jahre stand erst noch bevor und Grauns Oper, auf ein Libretto von Friedrich II. von Preußen, lag zwar in einer editierten Version vor, aber niemand spielte 'Montezuma'. Es war also eine wahre Pionierarbeit, die der Musikwissenschaftler Hellmut Kühn, der Dramaturg Georg Quander und der Dirigent Hans Hilsdorf in Angriff nahmen, um eine spielbare Fassung des 'Montezuma' herzustellen. Da um 1981 herum auch das Fach der Countertenöre oder gar Sopranisten mehr als rar gesät war, griff man, wie auch bei anderen Opern jener Epoche, auf die Besetzung mit weiblichen Protagonisten und wenigen tiefen Männerstimmen zurück. All diese Umstände sind zu bedenken, um den Mitschnitt jener 'Montezuma'-Produktion würdigen zu können, der beim Label Arthaus auf DVD erschienen ist. Denn gerade aus heutiger Sicht fehlt zum Beispiel auch im Orchester der mittlerweile vertraute Originalklang, weil eben nicht auf historischen Instrumenten gespielt wird, und so manche Besetzungsvariante kann leicht als unidiomatisch empfunden werden.

Doch so irritierend manche Besetzung auch sein mag, das gesamte Solistenensemble ist mit Feuer und Flamme bei der Sache. Selbst Barbara Vogel, die als General Pilpatoè mit einem peinlichem Schnurrbart und pseudomännlicher Attitüde über die Bühne stolzieren muss, lässt durch ihre kompromisslose Gestaltung und ihre musikalische Versiertheit die unangenehme Travestie vergessen. Ihre Koloraturen lodern mit dramatischer Wahrhaftigkeit, Platz für eitles Gezwitscher kommt nie auf. Gleiches gilt im Übrigen auch für alle anderen Solisten.

Früher Wernicke

Das ist vermutlich das Verdienst von Regisseur Herbert Wernicke. Er schafft es, im Korsett strenger Formen klare Charaktere zu entwickeln und deren Motivationen sichtbar zu machen. So ist es besonders spannend zu beobachten, wie oft bei Wernickes Inszenierung aus dem Off gesungen wird, die singenden Personen auf sehr uneitle Art und Weise mitten im Rezitativ oder auch in den Arien abgehen und der stumme Gesprächspartner auf der Bühne verbleibt. Das Zuhören wird über diese zurückbleibende Figur somit zum aktiven Vorgang, den es zu betrachten gilt.

Ganz im Sinne des literarisch beteiligten Preußenkönigs ist der pazifistische Herrscher Montezuma mit Friedrich II. gleichgesetzt und der Ort der Handlung ist Sanssouci. Wichtig ist aber, dass nicht Wernicke diese Gleichsetzung erfindet, sondern Friedrich II. sich selbst in Montezuma gespiegelt sah. Alle Mexikaner, oder eben Preußen, sind mit Frauen besetzt, die spanischen Eroberer werden von Männern dargestellt. Das ist zwar plakativ, aber aus den Umständen der Produktion nachvollziehbar und konsequent. Dass allerdings beständig zwischen den Sprachen gesprungen wird, ist auf Dauer ermüdend und entpuppt sich schnell als typische Dramaturgenzutat. Die Spanier sprechen spanisch miteinander, nämlich immer dann, wenn sie ihre Eroberung vorantreiben, die übliche Konversationssprache ist aber Deutsch, wobei es gerade in den Rezitativen vor falschen Betonungen geradezu wimmelt. Eupaforice verfällt immer wieder in die Originalsprache Italienisch, auch gerne mal mitten im Satz. Wenn bei solchen Eskapaden dann auch noch die Untertitel ausbleiben, wie in Eupaforices erster Arie, ist man als Zuschauer recht hilflos.

Namhafte Sänger und erstklassige Ensemblekräfte

Jene Eupaforice wird von der jungen Sophie Boulin mit glockenhellem Timbre stilsicher gesungen. Bei ihr klingen schon die aufkeimenden Bemühungen um historische Aufführungspraxis durch. Mit verführerischen Trillern und perlenden Koloraturen umgarnt sie nicht nur ihren Gatten Montezuma. Ihre Darstellung ist von Wernicke in die Form der großen Barock-Primadonna gegossen. Großen Gesten und überzogene Affekte geben ihr einen komischen Beigeschmack, der an manchen Stellen fehl am Platz wirkt, weil er eine Identifikation mit der leidenden Kaiserin verhindert. Erst im dritten Akt entwickelt sie in ihrer Selbstopferung dramatisches Profil, und da ist es fast schon zu spät.

Den Montezuma stattet die griechische Mezzosopranistin Alexandra Papadjiakou mit markantem Timbre und einem charmanten Akzent aus. Ihre Stimme verfügt über die notwendigen Farben, um dem geschlagenen Herrscher die verschiedenen Facetten seiner Gefühlswelt abzugewinnen, und sie erwärmt das ansonsten recht sopranlastige Ensemble mit der Natürlichkeit ihres Vortrags. Ihre Kerkerarie im dritten Akt ist von berückender Schönheit, die Zeit scheint stillzustehen.

In der Partie der Erissena lässt Gudrun Sieber mit blitzblanker Artikulation und zugegeben preußischer Klarheit aufhorchen. Ihre solide Mittellage ist nahtlos mit den extremen Höhen verbunden und man ist sofort an die großen deutschen Soubretten wie Rita Streich oder die junge Erika Köth erinnert. Die in Kostüm und Maske auf Voltaire getrimmte Catherine Gayer beweist als Tezeuco ihre ungebrochene Koloraturgewandtheit und Karl-Ernst Mercker gibt einen überzeugend plumpen Narvès. Als Eroberer Cortes gibt es ein Wiedersehen und -hören mit dem Kavaliersbariton Walton Grönroos, der im Namen des Christentums eine unnachgiebige Eiseskälte verströmt und dabei mit balsamischem Klang und vokaler Agilität aufwartet. Hans Hilsdorf führt die Musiker des Orchesters der Deutschen Oper Berlin zu vorklassischer Eleganz und Transparenz und gibt den Darstellern genügend Raum zur Entfaltung der dramatischen Situation.

Dieser 'Montezuma' schließt eine klaffende Lücke in der winzigen Diskographie dieser Oper. Bisher konnte man entweder auf den kurzen, momentan nicht erhältlichen, Querschnitt mit Joan Sutherland oder die Gesamtaufnahme von 1992 mit bis heute unbekannten Solisten unter Johannes Goritzki zurückgreifen. Nun kann man 'Montezuma' auch visuell kennenlernen, mit namhaften Sänger und erstklassigen Ensemblekräften und in einer schlüssigen Regie, die mit einem überraschend aktuellen Finale aufwartet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Regie:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Graun, Carl Heinrich: Montezuma

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
18.06.2012
EAN:

807280162998


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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