> > > Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur
Sonntag, 16. Januar 2022

Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 4 Es-Dur

Blomstedts Bruckner-Zyklus - die "Romantische"


Label/Verlag: Querstand
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der Vierten Sinfonie schließt Herbert Blomstedt an die bisherigen Gipfel seines Bruckner-Zyklus mit dem Gewandhausorchester Leipzig an.

Der Dirigent Herbert Blomstedt, mit mittlerweile 85 Jahren ein Grandseigneur seiner Zunft, machte nie viel Aufhebens um seine Person. Wahrscheinlich ist er deshalb in den Kulturmedien viel weniger präsent als einige seiner Kollegen, doch geht mediale Präsenz bekanntermaßen nicht proportional mit den fachlichen Kompetenzen einher. In den letzten Jahren war der weiterhin rüstige Dirigent hierzulande häufig zu erleben: bei den Bamberger Symphonikern, beim RSO Stuttgart oder an seiner ehemaligen Wirkungsstätte in Leipzig – und mit schöner Regelmäßigkeit standen Bruckners Sinfonien auf dem Programm.

Dass Blomstedt bei Bruckner ein gewichtiges Wort mitzureden hat, machte er bereits vor Jahrzehnten deutlich. Noch während seiner Zeit als Chef der Dresdner Staatskapelle entstanden beachtenswerte Aufnahmen der Sinfonien Nr. 4 und 7, als Gewandhauskapellmeister legte er dann eine überraschend kantige, unbehauene Neunte Sinfonie vor, die manchen bis heute als eine der herausragenden Einspielungen dieses Werks gilt. Dennoch hört man den Namen Blomstedt, wenn es um ‚große‘ Bruckner-Dirigenten geht, allzu selten. Das könnte sich nun ändern. Blomstedt hat sich Zeit gelassen, viel Zeit, ehe er seine erste Gesamteinspielung der Bruckner-Sinfonien vorlegt. Sukzessive vervollständigt er den in Einzelfolgen erscheinenden Zyklus mit dem Leipziger Gewandhausorchester, der in Form von Konzertmitschnitten bei dem Label Querstand in Zusammenarbeit mit dem MDR erscheint.

Herbert Blomstedts Sichtweise auf Bruckners Sinfonien hat sich über die Jahre im wesentlichen nicht geändert; das zeigt etwa ein Vergleich der frühen Dresdener Aufnahmen mit den jüngeren aus Leipzig. Stets tritt als besonderes Merkmal die natürliche Wirkung großer Steigerungsverläufe hervor. Man gewinnt den Eindruck, Blomstedt lasse die Musik, die unweigerlich an Intensität gewinnt, kommen und führe sie zu großartigen Höhepunkten. Diese ohne jedes äußere Zutun oder Forcieren auskommende Spannungszunahmen werden dadurch ermöglicht, dass er Steigerungen dynamisch sehr zurückgenommen anfängt und die Musiker dazu anhält, nicht zu früh ihr Pulver zu verschießen; dadurch bleibt für den wirklichen Höhepunkt noch genügend Luft nach oben.

Ein weiteres Merkmal von Blomstedts Bruckner-Interpretationen ist die sorgsame Balance der Stimmen, und sie ist in den Aufnahmen mit dem Leipziger Gewandhausorchester noch differenzierter gehandhabt als in seinen älteren Bruckner-Einspielungen. Blomstedt gibt zwar dem Blech hinreichend Entfaltungsraum, doch nie auf Kosten von Streichern und Holzbläsern (von dem fein austarierten und durchaus griffigen Umgang mit der Pauke ganz zu schweigen). Der schwedisch-amerikanische Dirigent legt Bruckners kontrapunktische Kunst offen, allerdings ohne schulmeisterliche Pedanterie. Selbst unscheinbare Begleitstimmen gewinnen durch feine Ausformung manch kantable Qualität. Zugleich werden Kantilenen von Blomstedt stets gefühlvoll, meist mit weichen, dynamisch zurückgenommenem Ende phrasiert; durch derlei dynamische Feinarbeit wird Platz geschaffen für die ineinander greifende Mehrstimmigkeit von Bruckners Partituren.

Mit der Vierten Sinfonie Es-Dur, der sogenannten ‚Romantischen‘, knüpft Herbert Blomstedt an die bisherigen Gipfel seines Bruckner-Zyklus – die Fünfte, Siebte und Achte – an. Das Leipziger Gewandhausorchester pflegt hier, entgegen den jüngst erschienen Einspielungen der Ersten und Dritten Sinfonie, wiederum eine dunklere, weichere Klanggrundierung, in die die Blechbläser in Piano-Strecken eintauchen; im Forte fächern sie das Farbenspektrum aber mit einem hellen, strahlenden Ton auf, was freilich auch für die bestens disponierten Holzbläser gilt. Blomstedt schafft in der Vierten Sinfonie außerordentliche klangliche Weite, allerdings nicht durch allzu breite Tempi. Auch wenn er manchen Höhepunkt, den er sicher und mit unwiderstehlicher Zugkraft ansteuert, mit einem Ritardando effektvoll hinauszögert (Klimax des 'Andante quasi allegretto') und auch in den Ecksätzen zwischen Themenkomplexen etwas nachgibt, um weiche Übergänge zu gewährleisten, so ist seine Tempogestaltung doch insgesamt schlüssig, fließend und größere Brüche im Bewegungsgrad.

Weite wird vielmehr dadurch erreicht, dass Blomstedt Themen zu geschlossenen Gestalten zusammenfasst, die wie auf einen Atem gesungen werden. So erscheint unter Blomstedt das absteigende Tutti-Thema des ersten Themenkomplexes im Kopfsatz ('Bewegt, nicht zu schnell') wie eine fein geformte, zusammenhänge melodische Gestalt, während das Gegeneinander von geraden und triolischen Rhythmen in anderen klanglichen Darstellungen oftmals als stampfende Figur in Erscheinung tritt. Eine andere Art der Weite zeigt sich im dritten Thema des Kopfsatzes. Blomstedt lässt die metrischen Schwerpunkte ganzer Taktgruppen in einem ‚Großmetrum‘ weit ausschwingen.

Blomstedts weihrauchschwadenfreie Bruckner-Lesart zeigt sich in einem wunderbaren Hornsolo zu Beginn des Kopfsatzes, das vor allem durch sehr kurze Sechzehntelauftakte auffällt. Das Hornmotiv ist, so artikuliert, in der Tat ein Weckruf, wie Bruckner es umschrieben hat. Auch das Finale gelingt dem hoch engagierten Leipziger Gewandhausorchester straff und stringent, die Coda ist von großer inneren Ruhe und expansiver Kraft bestimmt. Und doch sind es oft die Passagen im Piano und Pianissimo, die bei Blomstedt besonders eindringlich ausfallen. Er schafft es, musikalische Spannung zu intensivieren, ohne dabei vornehmlich auf die Dynamik zu setzen.

Diese Folge ist einer der Höhepunkte in Blomstedts Bruckner-Zyklus, nicht zuletzt wegen des schattierungsreichen Orchesterklangs, der vollauf überzeugend in seiner dynamischen und farblichen Tiefe vor dem Hörer ausbreitet wird. Man wird, wenn die Rede auf empfehlenswerte Gesamteinspielungen der Bruckner-Sinfonien kommt, Blomstedt künftig wohl nicht verschweigen. Vorausgesetzt die noch ausstehenden Editionen der Zweiten und Neunten Sinfonie knüpfen an bislang Geleistetes an.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 4 Es-Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Querstand
1
18.05.2012
Medium:
EAN:

SACD
4025796010183


Cover vergössern

Querstand

Mit viel Liebe zum Detail bringt das querstand-Label dem interessierten Hörer die Vielfalt und Schönheit der klassischen Musik auf wenig ausgetretenen Pfaden näher. Das Label hat sich seit 1994 durch die Produktion hochwertiger klassischer CDs einen ausgezeichneten Ruf erworben. Über 500 Produktionen werden weltweit vertrieben, wobei ein Augenmerk auf Orgelmusik liegt. Die Gesamteinspielung der Orgelwerke von Johann Ludwig Krebs (bisher 11 CDs) und des Kantaten- und Orchesterwerkes des berühmten Bachschülers bilden ein Glanzlicht des Labels, dem mit der Serie ?Die Orgeln von Gottfried Silbermann? (8 CDs) ein weiteres zur Seite gestellt wurde (Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik 2003). Auch im kammermusikalischen und sinfonischen Bereich wurden zahlreiche CDs veröffentlicht, etwa mit dem Gewandhausorchester Leipzig. Mit der Aufnahme des Passionsoratoriums ?Der Tod Jesu? von Carl Heinrich Graun mit dem MDR Rundfunkchor und dem MDR Sinfonieorchester unter Howard Arman gewann das Label 2005 einen ECHO Klassik-Award. Im Jahre 2013 erhielt die 9-CD-Box mit allen Sinfonien Anton Bruckners, eingespielt von Herbert Blomstedt mit dem Gewandhausorchester Leipzig, den ICMA (International Classical Music Award). Mit Verlagssitz im Thüringischen Altenburg kann querstand von der einzigartigen Vielfalt der mitteldeutschen Musiklandschaft profitieren, die sich auch im Verlagsprogramm niederschlägt. Neben den vielseitigen Einflüssen der fantastischen Orgellandschaft der Region, ist es auch die Nähe zur Musikstadt Leipzig mit ihrer wunderbaren Tradition und facettenreichen Szene, auf die das Label besonderes Augenmerk richtet.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Von Dr. Tobias Pfleger zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

  • Zur Kritik... Blomstedts Bruckner-Zyklus - die Erstfassung der Dritten: Blomstedts frühere Aufnahme von Bruckners Dritter Sinfonie ist diesem Mitschnitt vorzuziehen, nicht zuletzt aus klanglicher Sicht, auch wenn diese Produktion durch präzise Räumlichkeit punkten kann. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 28.10.2012)
  • Zur Kritik... Blomstedts Bruckner-Zyklus - das "kecke Beserl": Herbert Blomstedts Einspielung der Sinfonie Nr. 1 von Anton Bruckner lässt kaum Wünsche offen. Der Dirigent betont die Feingliedrigkeit mehrstimmiger Verstrebungen und setzt auf einen eher schlanken, hellen Klang. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, 27.10.2012)

Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Querstand:

  • Zur Kritik... Zu Bachs und Händels Schaden: Eine etwas betuliche Hercules-Doppelkantate aus Halle. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Wider das Verstummen : Jan Michael Horstmann setzt sich mit der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck für Orchesterwerke verfemter Komponistinnen und Komponisten ein. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Letzter der Romantiker: Der Sänger Clemens Morgenthaler widmet sich einem Unzeitgemäßen: Von dem Pianisten Bernhard Renzikowski am Flügel begleitet, interpretiert er frühe Lieder des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle Kritiken von Querstand...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich