> > > Ensemble Nobiles: Eine deutsche Messe: Geistliche Werke von Schubert, Cornelius u.a.
Samstag, 28. Mai 2022

Ensemble Nobiles - Eine deutsche Messe: Geistliche Werke von Schubert, Cornelius u.a.

Edle Klangästhetik


Label/Verlag: Genuin
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das fünfköpfige Ensemble Nobiles präsentiert um den Kern von Schuberts 'Deutscher Messe' eine ansprechende Zusammenstellung von Motetten aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Das Vokalensemble besticht mit einer samtig weichen und homogenen Klanggebung.

Gegenüber seinen großen Messen, etwa der As-Dur oder der Es-Dur Messe, hat Schubert seine 'Deutsche Messe' D 872 aus dem Jahr 1827 auffallend schlicht angelegt. Sie ist ein Auftragswerk gewesen. Aus einem Schreiben des Komponisten an den Textautor der in Verse gebundenen Strophen der 'Deutschen Messe' geht hervor, dass dieser selbst, der Wiener Physikprofessor Johann Philipp Neumann es war, der an Schubert den Wunsch gerichtet hatte, seine Initiative für eine verständlichere liturgische Praxis mit einem entsprechenden musikalischen Format zu unterstützen. Daher rührt Schuberts in acht einzelne Sätze aufgeteilte Komposition, die nicht im Zusammenhang aufgeführt werden sollten, sondern jeweils an der entsprechenden Stelle dem Ablauf der Messfeier zuzuordnen waren. Insofern ist es keineswegs deplatziert, wenn das Ensemble Nobiles in seiner neuen Aufnahme dieses Werks die einzelnen Abschnitte von Schuberts 'Deutscher Messe' über die gesamte Abfolge der CD verteilt.

Angefüllt haben die fünf Mitglieder des 2006 gegründeten Vokalensembles ihre Einspielung mit Motetten von Komponisten der Schubert nachfolgenden Generationen bis hin in die Moderne: mit Sätzen beispielsweise von Peter Cornelius, Camille Saint-Saens und Hugo Distler, aber auch solchen der Thomaskantoren Erhard Mauersberger und dem derzeit amtierenden Georg Christoph Biller, die sich mit ihren Textinhalten und ihrer Zuordnung – so wie Schubert in der 'Deutschen Messe' – an Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei orientieren. Musikhistorisch einen Sprung zurück in die Spätrenaissance macht das Ensemble Nobiles dabei mit der Einbindung von Michael Praetorius‘ Satz des Lutherlieds 'Aus tiefer Not schrei ich zu dir'. Das sich aus ehemaligen Mitgliedern des Leipziger Thomanerchors zusammensetzende Vokalensemble Nobiles ist nur mit Männerstimmen besetzt, mit zwei Tenören und drei Bässen. Die Auswahl der Werke auf dieser CD des Labels Genuin berücksichtigt diese gleichstimmigen Gegebenheiten, selbst in Schuberts 'Deutscher Messe', deren an sich vom Komponisten vorgesehene gemischte Chorbesetzung schon Schuberts Bruder Ferdinand für Männerchor eingerichtet haben soll.

Das Ensemble Nobiles pflegt einen ausgesprochen samtigen und weichen Vokalklang. Ihre Stimmen wissen die Sänger mit instrumentengleicher Klarheit sehr sicher zu führen und in feinfühlig ausbalancierten Akkordschichtungen in eine äußerst homogene Übereinstimmung zu bringen. Die jüngeren, aus dem 20. Jahrhundert stammenden mehr dissonanzgeprägten Sätze dieser Einspielung hört man auf Grund der vertikalen Geschlossenheit der Klanggebung, der immer genau auf den Punkt gebrachten intonatorischen Reinheit dieses Ensembles in einer faszinierenden Präsenz ihrer Textur und in einer wohl dosierten Ästhetik.

Gegenüber Schuberts durchweg liedhaft gehaltener Satztechnik und gegenüber den homophonen Sätzen aus neuerer Zeit tritt da überhaupt nur in den bisweilen polyphon aufgefächerten Strukturen der übrigen modernen Stücke, etwa in Kurt Thomas‘ 'Mitten wir im Leben sind', zutage, dass hier individuelle Stimmcharaktere mit den ihnen eigenen Stärken und Schwächen am Werk sind. Sind die einzelnen Stimmen in selbständiger Linienführung gefordert, so etwa auch in Hugo Distlers 'O Mensch, bewein dein Sünde groß', vermag das Ensemble Nobiles (noch) nicht jenen Perfektionsgrad zu erreichen, mit dem sie in den rein akkordischen Sätzen bestechen können. In ihrer gestalterischen Herangehensweise agieren die einstigen Thomaner mit der nötigen Empfindungstiefe, sie können, etwa in Peter Cornelius‘ 'Mitten wir im Leben sind', eine lebendige Spannungskurve schaffen, sie verstehen, etwa in Moritz Hauptmanns 'Ehre sei Gott in der Höhe', die Atmosphäre des Lobpreises stimmig aufzunehmen, sie wissen sich also auf die einzelnen Aspekte der Ausdruckszeichnung der auf der CD versammelten unterschiedlichen Kompositionen sensibel einzustellen. Sie können auch einmal, wo es gefordert ist, etwa in Erhard Mauersbergers 'Wessobrunner Gebet', mit einem textbezogen härter konturierten Duktus aufwarten, oder, wie in Georg Christoph Billers 'Verleih uns Frieden gnädiglich', mit einem großen dynamischen Ambitus und einem weiten Spannungsbogen einmal ganz aus sich und ihrer stets ein wenig in den Vordergrund gerückten Fokussierung auf eine edle Klangästhetik heraustreten und einer unmittelbarer gezeichneten Ausdrucksgebung das Wort reden. Dennoch fehlt der Darstellung an anderer Stelle wieder, da wo es ebenfalls angemessen erschiene, ein gewisses Maß an wünschenswerter Spontaneität. Die gestalterische Konzentrierung auf einen rundgeschliffenen Klang wird von der Tontechnik maßgeblich unterstützt durch eine zwar ungemein präsente, aber auch fast schon ein wenig künstlich und gekünstelt anmutende Direktheit der Stimmen in einem weiten räumlichen Umfeld.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Ensemble Nobiles: Eine deutsche Messe: Geistliche Werke von Schubert, Cornelius u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Genuin
1
18.05.2012
Medium:
EAN:

CD
4260036252422


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Genuin

Im Jahr 2002 standen die jungen Tonmeister von GENUIN vor einer wichtigen Entscheidung: Sollte man sich weiterhin lediglich auf das Aufnehmen und Produzieren konzentrieren, oder auf die zahlreichen Nachfragen und positiven Rückmeldungen von Musikern und Fachzeitschriften eingehen und ein eigenes Label ins Leben rufen? In einer Zeit, in der praktisch alle großen Klassik-Label ihre Produktion eingestellt oder zumindest stark gedrosselt hatten, fiel die Entscheidung nicht leicht – aber sie fiel einstimmig aus: zugunsten einer offiziellen Vertriebsplattform für die GENUIN-Aufnahmen. Und der Erfolg hat nicht lange auf sich warten lassen.

Das Label GENUIN hat sich in seinem zwölfjährigen Bestehen zu einem Geheimtipp unter Musikern und Musikliebhabern entwickelt. Schon vor dem Leipzig-Debüt im Oktober 2004, einem Antrittskonzert im Robert-Schumann-Haus mit Paul Badura-Skoda, wurden die CDs in den deutschlandweiten Vertrieb gebracht und von Fachpresse und Musikerwelt hochgelobt. Inzwischen werden GENUIN-CDs in den meisten Ländern Europas sowie in Japan, Süd-Korea, Hongkong und den USA vertrieben.

Das Erfolgsrezept von GENUIN: Die gesamte Produktion, also die Beratung der Künstler bei Aufnahmeraum und Repertoire, die Vorbereitung und Durchführung der Aufnahme selbst, der Schnitt mit allen notwendigen Korrekturen, generelle Entscheidungen beim Cover- und Bookletentwurf bis hin zur fertigen Veröffentlichung liegen in der Hand der Tonmeister. Nur so haben die Musiker den größtmöglichen Entfaltungsspielraum bei der Einspielung und Gestaltung ihrer CDs. Und gleichzeitig kann bis zuletzt eine gleichbleibend hohe Qualität garantiert werden.

GENUIN bietet auch abseits ausgetretener Pfade etablierten Künstlern genauso wie der Nachwuchsgeneration die Möglichkeit, Musik nach eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Das macht sich positiv bemerkbar für die Hörer der mittlerweile mehr als 300 GENUIN-CDs mit Interpreten wie Paul Badura-Skoda, Nicolas Altstaedt oder der Dresdner Philharmonie.


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