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Sonntag, 20. Oktober 2019

Vinci, Leonardo - Fileno: Kantaten für Sopran

Schäferidyllen


Label/Verlag: Pan Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der junge Dirigent Stefano Aresi und die beiden Sopranistinnen Emanuela Galli und Francesca Cassinari bilden ein perfektes Team, um Vincis Musik mit Geschmack und Sachverstand aufzuführen.

Die neapolitanische Kammerkantate diente als kleiner Opernersatz im häuslichen Rahmen. Hier konnten die berühmten Absolventen der Konservatorien vor adeligem Publikum im Salon zeigen, was sie in ihrer Gesangsausbildung gelernt hatten. Entsprechend vielschichtig sind die Kompositionen, die zu diesem Zweck entstanden. Die Sänger sollten eine große Bandbreite von Affekten zeigen können und mit virtuosem Können unterhalten. Touristen aus ganz Europa strömten nach Neapel, um vor Ort die Wunder der Oper zu erleben. Entsprechend einflussreich waren die Komponisten der Stadt, deren Stil bald europaweit prägend sein sollte. Die weltliche Kammerkantate spielte dabei eine zentrale Rolle, denn mit ihr konnte man ohne großes finanzielles Risiko – wie es beispielsweise eine Opernproduktion mit Kostümen und Bühnenbild darstellte – neue Effekte und neue Sänger ausprobieren.

Einer der bedeutendsten Vertreter dieser musikalischen Gattung ist Leonardo Vinci, von dem etwa 20 Kammerkantaten überliefert sind. Seine Werke entstanden häufig in Zusammenarbeit mit dem Textdichter Metastasio, der zu seinen engen Freunden zählte. Daneben komponierte er für die berühmtesten Sopranistinnen der damaligen Zeit, Vittoria Tesi und Faustina Bordoni, der späteren Ehefrau Hasses, mit der ihn ebenfalls eine langjährige Freundschaft verband. Vincis Leben kreiste um Neapel, die dortige Oper, die königliche Hofkapelle sowie die Kirchenmusik der Stadt. Mit 38 Jahren trat er der Rosenkranzbruderschaft bei, die zwei Jahre später sein Begräbnis bezahlte, als er wahrscheinlich auf Grund einer Liebesaffäre vergiftet aus dem Leben schied.

Die Zeitgenossen schätzten an Vincis Musik ihre Melodienseligkeit, die Kollegen wie Händel zu kopieren versuchten. Die von ihm praktizierte Opernform mit ausladenden Da-capo-Arien und großer Streicherbegleitung machte in ganz Europa Schule. Im Gegensatz zu Alessandro Scarlatti, seinem direkten Vorgänger an der neapolitanischen Hofkapelle, schränkte er die Formenvielfalt der Arien stark zugunsten klarer Schemata mit gesanglichen Melodien ein. Wie seine Opern handeln seine Kammerkantaten meist von pastoralen Idyllen mit Schäfern und verlassenen Liebhabern und spiegeln damit den damaligen Zeitgeschmack. Das Booklet vorliegender Produktion zeigt ein passendes Gemälde, auf dem eine typische Aufführungssituation einer italienischen Kammerkantate dargestellt ist: Musiker und Publikum sind eng um ein Cembalo gruppiert und können auf diese Weise ganz unmittelbar miteinander interagieren. Leider spart das Booklet hingegen mit biografischen Hinweisen zu den Interpreten; zudem fehlen Informationen zu den verwendeten Instrumenten. Auch die Webseite des Ensembles hilft da nicht weiter.

Der junge Dirigent Stefano Aresi und die beiden Sopranistinnen Emanuela Galli und Francesca Cassinari bilden ein perfektes Team, um Vincis Musik mit Geschmack und Sachverstand aufzuführen. Die Sängerinnen wechseln sich in der Interpretation der fünf eingespielten Kantaten ab, wodurch jedes Werk seinen eigenen Klang bekommt, da sich die Stimmen der beiden deutlich voneinander unterscheiden.

Francesca Cassinaris Timbre ist geprägt von wunderbarem Schmelz und jungendlicher Frische. Ihr Gesang ist anrührend und direkt, wie im Rezitativ 'Ma vanne, vanne pur' aus der Kantate 'Fille, tu parti? Oh Dio! ' von Alessandro Scarlatti. In der Höhe hat ihre Stimme eine leicht metallische Schärfe, die bei lauteren Passagen etwas hart klingen kann. Emanuela Gallis Stimme ist hingegen etwas kehliger und wirkt etwas dunkler. Die vielen Triller und Koloraturen singt sie mit stupender Technik und feinfühlig ausgestalteter Phrasierung, wodurch die Virtuosität der Kantaten mit Sinn gefüllt wird. Claudia Combs und Eva Saladin bilden dazu ein perfekt aufeinander eingestelltes Violinduo, während das Basso continuo von Andrea Friggi (Cembalo), Giovanni Valdimigli (Gambe) und Gabriele Palomba (Theorbe) ausdrucksstark und sensibel gestaltet wird. Besonders Palombas solistische Begleitung der Arie 'Chi m‘ascolta, chi mi vede' aus der Kantate 'Parto. Ma con qual core' ist von großer Schönheit und tiefem Ausdruck, da sie Emanuela Galli sehr viel Raum für die sängerische Ausgestaltung des Textes und der ausladenden Melodie gibt, während sie die Basslinie quasi improvisatorisch zu entwickeln scheint. Ein weiteres Highlight der CD ist die Blockflötensonate in a-Moll, die die Flötistin Anna Stegmann mit wunderbar kultiviertem Ton und schöner Phrasierung spielt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vinci, Leonardo: Fileno: Kantaten für Sopran

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pan Classics
1
01.04.2012
Medium:
EAN:

CD
7619990102668


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Pan Classics

Gegründet 1992 vom Musikhaus Pan in Zürich, wurde das Label 1997 von den Tonmeistern Clement Spiess und Koichiro Hattori übernommen. 2011 entschloss man sich zu einem radikalen Neuanfang: Der umfangreiche Katalog wurde gelichtet und die verbliebenen Aufnahmen erhielten ein neues, attraktives Erscheinungsbild. Den CDs wird so ein unverwechselbares Äußeres mit einem hohen Wiedererkennungswert verliehen. Geblieben sind dagegen die Vorliebe für außergewöhnliches Repertoire und der Anspruch, mit renommierten Musikern und Ensembles einen künstlerisch hochwertigen Katalog zu schaffen. Zu diesen Künstlern zählen Namen wie die Hammerklavier-Spezialisten Edoardo Torbianelli und Arthur Schoonderwoerd, der Tenor Jan Kobow u.v.a.


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