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Sonntag, 16. Januar 2022

Mahler, Gustav - Sinfonie Nr. 9

Als wär's ein Leichtes


Label/Verlag: BR-Klassik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bernard Haitinks Gelassenheit und Erfahrung sind der Garant dafür, dass das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks als Kollektiv herausragender Solisten in Mahlers Neunter Sinfonie zu Topform auflaufen kann.

Bernard Haitink war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Mahlers Sinfonik einen regelrechten Boom erlebte, eine der wichtigsten Figuren, die sich um Mahlers Musik verdient gemacht hat. Sein in den 1970er Jahren entstandener epochaler Mahler-Zyklus mit dem Amsterdamer Concertgebouw-Orchester wurde der Status eines interpretatorischen Gegenentwurfs zu Bernsteins hochemotionaler Lesart zugeschrieben. Nicht dass Haitinks Mahler nüchtern gewesen wäre, aber er war doch gegenüber Horenstein, Bernstein, Barbirolli und anderen stärker strukturbetonend und peinlich genau in der Umsetzung der unzähligen Vorgaben in Mahlers Partituren. Seitdem sind einige Jahrzehnte vergangen, in denen Haitink durch zahlreiche Aufführungen an Erfahrung hinzugewonnen hat. Diese Sicherheit und Gelassenheit strahlte er offenbar auch aus, als er im Dezember 2011 für den erkrankten Mariss Jansons beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einsprang, um Mahlers Neunte Sinfonie zu dirigieren. Der Mitschnitt liegt nun beim hauseigenen Label des Bayerischen Rundfunks als CD vor – ein Konzertdokument, das erfahrbar werden lässt, zu welch beseeltem Spiel dieser Klangkörper fähig ist, wenn er vom Podium so unaufgeregte, klar disponierende, aber doch zahllose Freiheiten und Potentiale eröffnende Impulse erfährt.

Mit ruhiger Hand lässt Haitink die Musik, aus disparaten Motiven sich mal verdichtend, dann wieder auflösend, entfalten. Den hochindividuell geformten Satz, in dem zwei kontrastierende Elemente in einem Sonatensatz, Variation und Rondo eigentümlich überblendenden Ablauf entwickelt werden, versteht Haitink als sinfonisches Ganzes und formt ihn demgemäß. Dies überhaupt über eine solche Satzstrecke zu bewerkstelligen, verdient höchste Achtung, zumal auch den katastrophischen Höhepunkten nichts an Vehemenz fehlt. Der sinfonische Zug Bernard Haitinks weicht allerdings so manchen harten Bruch auf, der diesen Satz eben auch kennzeichnet, wenn der Dirigent von einem Tempo ins nächste flüssig wechselt, wo man eigentlich einen Ruck erwartete.

Überzeugend ist die Tempodramaturgie im zweiten Satz 'Im Tempo eines gemächlichen Ländlers'. Wo unerfahrene Dirigenten bereits aufdrehen und dann für die folgende 'Rondo-Burleske' fast alles Pulver schon verschossen haben, gestaltet Haitink den zweiten Satz zwar in recht flottem Tempo, übertreibt die charakterliche Zuspitzung des Derben allerdings nicht zu stark. Auch den letzten Satz entwickelt Haitink in einem flüssigen Tempo, das dem Orchester aber doch die Möglichkeit gibt, die ineinander gewobenen Kantilenen mit Ausdruck aufzuladen. Haitink versteht es, diesen Satz – eigentlich die gesamte Sinfonie – nicht mit Todesnähe und Lebensabschied in Verbindung zu bringen. Im ersten Satz findet sich ungeheuer viel Leben (und viel schmerzliche Dramatik), das zart singende Finale klingt, so interpretiert, nach Transzendenz und Erlösung.

Diese spezifische Färbung erreicht Haitink vor allem dadurch, dass er den Orchesterklang durchlässig macht. Statt Dauer-Espressivo nimmt Haitink viele Stimmen dynamisch zurück, und so öffnen sich die vielen Räume, um den ächzenden Tönen des gestopften Horns, grollenden Fagottlinien oder sehrenden Cellomotiven ihre wesentliche Rolle an der Einfärbung der reichhaltigen, vielstimmigen orchestralen Texturen zuzugestehen. Haitink gibt den Musikern die Möglichkeit, die intrikate Polyphonie gerade des ersten Satzes ungeheuer dicht, manchmal geradezu knirschend im Zusammenprall der Stimmen Klang werden zu lassen. Das Orchester belohnt diese Freiheit, den eigenen Stimmen Kontur verleihen zu dürfen, mit einer erstklassigen Leistung. (Einzelne Gruppen herauszuheben wäre gegenüber den nicht genannten unfair.) Jede Einzelstimme scheint mit Ausdruck aufgeladen, doch gewährleistet Haitinks ruhiger Überblick, dass zu keinem Zeitpunkt Überdruck entsteht. Vielleicht ist dies das Geheimnis seelenvoll-schlüssiger Mahler-Interpretation: die Musiker nicht mit Ausdruckswillen zu konfrontieren, sondern vielmehr zu ermöglichen, dass sich das Ausdruckspotential jeder einzelnen Musikerin zu einer pulsierenden Kollektivexpressivität entwickelt. Haitink ist das mit Mahlers Neunter gelungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 9

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BR-Klassik
1
04.06.2012
Medium:
EAN:

CD
4035719001136


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BR-Klassik

Herausragende Musikaufnahmen der drei Klangkörper des Bayerischen Rundfunks werden unter einer gemeinsamen Marke den Musikfreunden angeboten. Das Label heißt BR-KLASSIK. Zum Start sind acht Tonträger sowie eine DVD am 18. September 2009 veröffentlicht worden. Mittlerweile umfasst der gesamte Katalog über 150 Aufnahmen.

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Münchner Rundfunkorchester und der Chor des Bayerischen Rundfunks genießen sowohl in der Region als auch international einen außergewöhnlichen Ruf in Bezug auf Qualität, künstlerische Kreativität und die Vermittlung von klassischer Musik. Im Konzertsaal und in Hörfunk- und Fernsehübertragungen sind die drei Klangkörper regelmäßig zu hören. Herausragende Konzerte, besonders gelungene Interpretationen und selten zu hörende Werke werden nun unter der gemeinsamen Marke BR-KLASSIK auf dem hauseigenen Label dokumentiert.

Das CD-Label BR-KLASSIK ist organisatorisch bei der BRmedia Service GmbH angesiedelt, dem für die Zweitverwertungen zuständigen Tochterunternehmen des Bayerischen Rundfunks, und wird von Stefan Piendl als Label-Manager geleitet. Mit ihm konnte der Bayerische Rundfunk einen erfolgreichen, externen Experten mit umfassender, internationaler Erfahrung für die Mitwirkung an seinem neuen Label BR-KLASSIK gewinnen.

In der Reihe BR-KLASSIK ARCHIVE bringt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks historische Aufnahmen des Labels zu Gehör. Z.B. war an zwei denkwürdigen Konzertabenden die Pianistin Martha Argerich zu Gast, 1973 unter Leitung von Eugen Jochum mit Mozarts Klavierkonzert KV 456 sowie zehn Jahre später mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 unter Seiji Ozawa.

Im Vertrieb werden die Neuerscheinungen von BR-KLASSIK weltweit durch NAXOS betreut. Damit ist eine bestmögliche Präsenz auf allen wichtigen internationalen Märkten gewährleistet. Zu einer modernen Vertriebsstruktur gehört selbstverständlich auch die Möglichkeit des digitalen Downloads über Musikportale wie iTunes, Spotify u.a.. Auch dieser Vertriebsweg wird über die Firma NAXOS erschlossen. Die Naxos Music Library präsentiert zudem für Universitäten und öffentliche Bibliotheken via Internet einen ständig wachsenden Katalog mit Tausenden von Titeln weltweit führender Labels. Studenten, Lehrpersonal und andere Benutzer können sich jederzeit einloggen und in der Bibliothek, im Hörsaal, im Studentenwohnheim, im Büro oder zu Hause das komplette Repertoire abrufen - auch die Aufnahmen von BR-KLASSIK.


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