> > > Schumann, Robert: Sinfonien Nr. 2 & 4 Vol. 1
Samstag, 28. Mai 2022

Schumann, Robert - Sinfonien Nr. 2 & 4 Vol. 1

Farbliche Auffächerung


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Christian Zacharias bietet eine Schumann-Lektüre von erlesener Klarheit und Farbigkeit. Doch bietet diese feingliedrige Interpretation keinen Raum für das Manische, den Überschuss an Ausdruck.

Schumann, das Orchestre de Chambre de Lausanne und Christian Zacharias, das war schon einmal eine zündende Verbindung: Die vor einigen Jahren bei MDG erschienene Aufnahme des Klavierkonzerts a-Moll sowie der beiden Konzertstücke für Klavier und Orchester von Robert Schumann gehört zu den sowohl pianistisch als auch orchestral differenziertesten und am feinsten ausgehörten, die der Tonträgerkatalog zu bieten hat. Ob es den Interpreten mit einer Aufnahme von Schumanns Sinfonien Nr. 2 und 4 gelingt, an diesen diskographischen Meilenstein anzuknüpfen?

Betonung der Bläserfarben

Christian Zacharias bietet eine Schumann-Lesart, die in einigen Aspekten an jene von Harnoncourt, Dausgaard, Kuhn und andere der jüngeren Vergangenheit erinnert. Manches hat sie auch mit Mario Venzagos Schumann-Interpretationen gemeinsam, die ebenfalls mit einem Schweizer Orchester erarbeitet wurden. Die kammerorchestrale Besetzung rückt die Balance der Stimmgruppen so zurecht, dass den Bläsern großes Gewicht zukommt, dass sich die Farbgebung des Orchesterklangs häufig aus der Beimischung von Streicherklängen zu den Bläsern (nicht umgekehrt) ergibt. Zacharias gelingt es besser als etwa jüngst Paavo Järvi, den orchestralen Satz aufzufächern, dabei aber nicht zu einer die Stimmen lose nebeneinander stellenden Transparenz zu kommen, sondern einen typisch Schumann’schen Mischklang hervorzurufen. Von besonderem Reiz ist die Gewichtung der tiefen Streicherstimmen (auch dies eine der wesentlichen Parallelen zu Harnoncourt), deren profunde Grundierung von der Klangtechnik der hybriden SACD optimal vermittelt wird.

Erlesene Klangkultur

Das Orchestre de Chambre de Lausanne agiert mit erlesener Klangkultur. Das im Tempo recht zügig angelegte 'Adagio espressivo' der Zweiten Sinfonie C-Dur op. 61 wird mit zartem, blühendem Ton angelegt, die Ausflüge in höchste Höhen sind bestechend rein in der Intonation. Mit straffer Rhythmik werden die Spannungen des Kopfsatzes verdichtet, dem Finale der d-Moll-Sinfonie op. 120 (letztgültige Fassung 1851/53) eignet gegen Ende hin viel Elan, um einen pulsierenden Schluss zu erreichen. Von zarter Innigkeit ist der in der Kopfsatz-Durchführung der d-Moll-Sinfonie entwickelte lyrische Gedanke, der dann in der ‚Reprise‘ einmal wirklich im Piano erklingt, nicht Mezzoforte oder Forte, wie man das fast immer zu hören bekommt. Akzente werden in ihrer Stärke dem jeweiligen musikalischen Charakter feinfühlig angepasst, gleiches gilt für differenzierte Artikulationsformen. Zacharias tut sehr gut daran, nicht grundlos artikulatorische Härten einzuführen, die besonders bei starken Akzenten derzeit stark in Mode sind.

Ohne Überschuss

Der losen Aufzählung der vom Orchester mit technischer Perfektion und musikalischer Subtilität sehr schön gestalteten Passagen – es ließen sich ohne Mühe noch weitere hinzufügen – folgt allerdings das große Aber: So ansprechend und feingliedrig in der Klangauffächerung diese Schumann-Lesarten von Christian Zacharias auch sind, so vermisst man doch den gewissen Überschuss, der den Charakter von Schumanns Musik in ihrem Kern ausmacht. Im zweiten Satz der C-Dur-Sinfonie schnurren die Sechzehntel wie am Schnürchen, aber das Manische, haltlos nach vorn stürmende teilt sich kaum mit. Im Hauptthema des Kopfsatzes werden die Akzente auf der zweiten Taktpositionen so, wie es manche Aufführungspraxis-Forscher lehren, mit rascher dynamischer Abfederung versehen, aber dadurch wird das völlig Verquere, Irrsinnige der Betonungsstruktur dieses Themas unterbetont, in der Durchführung dieses Satzes könnten die drei Ausdrucksebenen, die Schumann dort übereinander legt, reibungsvoller aufeinandertreffen: Die technische Perfektion des bündigen Ineinandergreifens aller musikalischen Aktionen, die man hier zu hören bekommt, steht der Vermittlung des Ausdrucksgehalts hier entgegen. Man hat nicht den Eindruck, als halte die Musik vor lauter Spannung den Atem an oder rase, vom Überschwang beflügelt, in Siebenmeilenstiefeln davon. Wer auf das musikalisch-interpretatorische Ringen mit diesem Überschuss nicht verzichten möchte, bleibt weiterhin auf ältere bzw. alte Aufnahmen angewiesen: Ormandy, Abendroth, Pfitzner, Furtwängler, Sinopoli und andere.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schumann, Robert: Sinfonien Nr. 2 & 4 Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
MDG
1
18.05.2012
Medium:
EAN:

SACD
760623174563


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MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


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