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Mittwoch, 30. November 2022

Rachmaninoff, Sergej - Sinfonische Tänze

Düsterer Horizont


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Gergievs einseitiger Deutungsansatz trägt nicht allzu weit. Die Breite der Ausdrucksmöglichkeiten dieser Werke von Rachmaninoff und Strawinsky wird dadurch leider eingeschränkt.

Die jüngste Folge von Konzertmitschnitten, die das London Symphony Orchester unter eigener Flagge als hybride SACD herausgibt, kombiniert Werke zweier Komponisten, die man kaum Seit an Seit erwarten würde: Rachmaninoff und Strawinsky. In der Tat scheinen die stilistischen Differenzen riesig, doch gibt es, über die simple Tatsache, dass sie beide in Russland gebürtig waren, einiges, was die beiden verbindet – nicht nur die Komponisten, sondern auch die hier nebeneinandergestellten Werke: Rachmaninoffs 'Sinfonische Tänze' op. 45 und Strawinskys 'Sinfonie in drei Sätzen'. Beide entstanden in den USA, beide sind dreisätzige sinfonische Werke, in denen tänzerischer Schwung eine zentrale Rolle spielt; bei Rachmaninoff ist das bereits im Titel angedeutet, im ersten Satz von Strawinskys Sinfonie klingen Rumba-Rhythmen an. Und nicht zuletzt sind es zwei Werke, in denen ein groß besetztes Orchester um ein Klavier verstärkt wird. (Dass das Klavier gerade in den 'Sinfonischen Tänzen' in dieser Aufnahme nicht richtig durchkommt, ist schade.)

In der Lesart von Valery Gergiev verbindet die beiden Werke über diese Äußerlichkeiten hinaus jedoch viel Bedeutsameres: Für Gergiev sind es düstere Stücke, deren dunkle Wolken nur momentweise einen Blick auf Freundlicheres freigeben. Gergievs Deutungsansatz ist nicht ohne Grundlage: Rachmaninoffs letztes Orchesterwerk ist ein Stück wehmütiger Rückschau fern der russischen Heimat. Die 'Sinfonie in drei Sätzen' von Strawinsky, ein Auftragswerk der Philharmonic Symphony Society of New York, wurde vom Komponisten später stets als ‚Kriegssinfonie‘ bezeichnet: Sie ist von den Kriegsereignissen der 1940er Jahre entscheidend geprägt.

Beide Stücke geben, so interpretiert, Seiten zu erkennen, die man in solcher Zuspitzung selten hören konnte. Doch so spannend diese Perspektive auf die beiden sinfonischen Werke ist – der Einsatz musikalischer Mittel, die Gergiev zur Eröffnung dieser Perspektive nutzt, will im interpretatorischen Gesamtbild nicht durchweg überzeugen. Gergiev betont in Rachmaninoffs 'Sinfonischen Tänzen' vor allem die dunklen Farben und malt mit ihnen ein düsteres Klangbild. Entscheidender ist aber, dass der russische Dirigent die Negation ('Non allegro') in der Überschrift des ersten Satzes allzu sehr unterstreicht. In bedächtigem Tempo, vor allem aber schwer lastenden Schritts, kann sich der tänzerische Schwung, der den 'Sinfonischen Tänzen' innewohnt, kaum entfalten. Er wird vielmehr unter bedrohlichem Schlagwerk und bleischwer artikulierendem Blech erdrückt. Weitaus flüssiger legt Gergiev den Mittelsatz an, in dem sich sein gekonnter Umgang mit spannungsvoll eingesetzten flexiblen Tempi auszahlt, auch wenn die allzu melancholische Grundstimmung solch lebendiger Phrasierung des Walzers entgegensteht. Sehniger wirkt der Anfang des dritten Satzes. Doch gerade das metrisch so spannend verschobene Thema im ersten Teil des Satzes hat überhaupt keine Intensität. Dass aber gerade das Finsterste an diesem Satz, der bis zum Ersterben ausklingende Tam-tam-Schlag am Schluss, klanglich abgeschnitten wird, nimmt nicht nur dem ganzen Satz einiges an Wirkung, sondern ist vor dem Hintergrund von Gergievs Ansatz unverständlich.

Auch in Strawinskys 'Sinfonie in drei Sätzen' führt die einseitige Deutung zu einem nicht ganz überzeugenden Ergebnis. Gergiev baut in den Ecksätzen auf den Kontrast von recht breit artikulierendem, schwerem Blech und eher rabiat gehandhabtem Schlagwerk; stellenweise erinnert das eher an Schostakowitsch. Was aber eindeutig zu kurz kommt, sind konzise, straff und schlank präsentierte rhythmische Impulse, die etwa Michael Gielen bei diesem Stück auf höchst überzeugende Weise setzte. Sein Gespür für Klangfarben und Stimmungen kann Gergiev mit dem engagiert, in den lyrischen Anteilen durchaus mit Feinsinn spielenden London Symphony Orchestra dann im langsamen Mittelsatz mit Gewinn einbringen. Es ist aber doch – das gilt für beide Werke, wenn auch stärker für das von Rachmaninoff – ein interpretatorischer Zugang, der insgesamt zu einseitig ist, um alle Tiefen des Ausdrucks ausloten zu können.

Interpretation:
Klangqualität:
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Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rachmaninoff, Sergej: Sinfonische Tänze

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
LSO Live
1
01.04.2012
Medium:
EAN:

SACD
822231168829


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

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Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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