> > > Monteverdi, Claudio: Il Ritorno d'Ulisse in Patria
Samstag, 25. September 2021

Monteverdi, Claudio - Il Ritorno d'Ulisse in Patria

Lebendige Opernaufnahme


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Claudio Cavina und sein Ensemble La Venexiana interpretieren Claudio Monteverdis 'Il ritorno d'Ulisse in patria' aus dem Geist der Sprache.

'Il ritorno d’Ulisse in patria', 1640 in Venedig uraufgeführt, ist das Stiefkind unter den drei erhaltenen Opern Claudio Monteverdis. Dies mag einerseits damit zusammenhängen, dass sie sich weder mit den prachtvollen Klangwirkungen des 'Orfeo' (ohnehin eine Ausnahmeerscheinung in dieser Zeit) messen kann, noch die dramatische Wirksamkeit der 'Incoronazione di Poppea' erreicht; es hat aber sicherlich auch mit der Überlieferung zu tun, da die Musik, die wahrscheinlich nicht ausschließlich von Monteverdi selbst stammt, lediglich in einer einzigen, anonymen handschriftlichen Quelle erhalten ist, die allein Gesangsstimmen und Basso continuo anführt, während konzertierende Instrumentalstimmen darin fast vollständig fehlen. Jede Interpretation des Werkes – ob für die Bühne oder für eine Tonträgerproduktion – muss sich mit dieser schwierigen Ausgangssituation auseinandersetzen und kommt dabei naturgemäß zu jeweils anderen Lösungen.

Claudio Cavina geht in der Realisierung mit seinem Ensemble La Venexiana beim Label Glossa einen genau durchdachten Weg: Seine Vorentscheidung, anknüpfend an die venezianische Opernpraxis in der Mitte des 17. Jahrhunderts die Umsetzung lediglich auf eine reine Streicherbesetzung mit Basso continuo zu gründen und damit auf alle Möglichkeiten der klanglichen Charakterisierung von Bühnenfiguren durch bestimmte Instrumentenfamilien zu verzichten, hat erhebliche Auswirkungen auf die Gesamtwirkung des Werkes. Eine Konsequenz ist die Vergrößerung der Continuogruppe, die mit zwei Theorben, Erzlaute, Harfe und Cembalo relativ groß und farbenreich besetzt ist, so dass ihr eine große Bedeutung bei der Differenzierung der Musik zukommt. Die zweite Konsequenz ist der ungemein lebendige Ansatz in der vokalen Umsetzung, der vor allem in Cavinas exzellenter Einspielung der späten Madrigalbücher Monteverdis vorgeprägt ist und hier weiter verfeinert wird. Dabei kommt den Sängern und Musikern die Anlage der Oper, ihre Aufteilung in relativ kurze und übersichtliche Szenen, zugute.

Exemplarisch hierfür ist die auf den 'Prologo' folgende große Lamentoszene der Penelope zu Beginn des ersten Aktes, deren Wirkung ganz aus der Reduktion heraus erzeugt wird. Stimmlich von José Maria Lo Monaco tief ausgelotet und sehr plastisch bis hin zur Verzweiflung gesteigert, wird die ausgedehnte Klage durch Continuo- und Streichereinsatz fein ausgeleuchtet, wodurch bestimmte Erzählsituationen und Ausdruckshaltungen in den Vordergrund rücken oder eine besondere klangliche Einbettung erfahren. Ein ähnlicher Ansatz ist in der Monologszene des Ulisse zu beobachten, in der man förmlich die von Anicio Zorzi Giustiniani mit seinem Gesang eingefangene Situation des überraschten Erwachens zu sehen glaubt. Demgegenüber leben die dialogischen Passagen, so beispielsweise das einleitende Gespräch zwischen der Umana Fragilità (Claudio Cavina) und Fortuna (Giorgia Milanesi) oder die Wechselrede zwischen Giove (Vincenzo Di Donato) und Nettuno (Salvo Vitale) in der sechsten Szene des ersten Aktes, von der stimmlichen Agilität der Mitwirkenden.

Das Ergebnis ist eine höchst unterhaltsame Opernaufnahme, bei der man – unterstützt durch eine sehr klares, Stimmen und Instrumente hervorragend gegeneinander ausbalancierendes Klangbild – die beschränkte Besetzungswahl sehr rasch als Bereicherung und nicht etwa als Reduktion empfindet, da sie auch dem Vorrang des vokalen Vortrag durch eine meist außerordentlich differenzierte Zugangsweise der Sänger gerecht wird. Erwähnung verdient außerdem das schöne Booklet, das neben einer ausgedehnten Einführung von Stefano Russomanno und einigen Bemerkungen zur Interpretation von Claudio Cavina sowie dem Libretto in italienischer und englischer Sprache mehrere Reproduktionen aus der Abschrift des 'Ulisse' enthält.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Monteverdi, Claudio: Il Ritorno d'Ulisse in Patria

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
3
01.05.2012
Medium:
EAN:

CD
8424562209206


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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