> > > Beethoven, Ludwig van: Sämtliche Werke für Klavier Vol. 12
Sonntag, 15. September 2019

Beethoven, Ludwig van - Sämtliche Werke für Klavier Vol. 12

Von Bonn nach Wien


Label/Verlag: BIS Records
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die zwölfte Folge von Ronald Brautigams Einspielung von Beethovens Klaviermusik auf historischen Instrumenten enthält ausschließlich frühe Variationen ohne Opuszahl, zum Teil noch aus Bonner Zeit.

Ronald Brautigams Gesamteinspielung der Klavierwerke Beethovens auf Instrumenten aus der Entstehungszeit (bzw. deren Kopien) beim Label BIS nähert sich der Vollendung. Die aktuelle zwölfte Folge ist zugleich die zweite, welche den Variationen gewidmet ist. Neben den bekannten ‚Eroica‘- und ‚Diabelli-Variationen‘ hat Beethoven in jungen Jahren noch eine ganze Reihe kleinerer bis mittelgroßer Zyklen komponiert, die ohne Opuszahl geblieben sind, einige wenige noch in Bonn, manch weiteres dann schon in Wien. Einige dieser Stücke waren auf Folge 11 den ‚Eroica-Variationen‘ gegenübergestellt worden; hier nun wurde eine ganze SACD mit solchen Frühwerken gefüllt. Klangtechnisch steht diese 2011 eingespielte den früheren Folgen in nichts nach und bietet einmal mehr besten Stereo- und Mehrkanalklang, so wie man ihn vom schwedischen Label auch nicht anders gewohnt ist.

Ohne Zugpferd

Man könnte annehmen, dass diese Platte nun unattraktiv ist, da unter all den unbekannten Frühwerken ein Zugpferd fehlt. Auf der anderen Seite besteht nun nicht die Gefahr, dass die Stücke als bloße Ergänzung zu diesem angesehen werden könnten. Der Hörer wird dazu animiert, sich mit den vorliegenden Kompositionen zu beschäftigen, und da lassen sich durchaus stilistische und qualitative Unterschiede ausmachen. So wird das Programm mit den Variationen über einen Marsch von Dressler WoO 63 des elfjährigen Neefe-Schülers Beethoven eröffnet, die doch ziemlich weit entfernt sind von den 24 Variationen über Righinis ‚Venni Amore’ WoO 65 von 1791/92, die als sein erstes Meisterwerk angesehen werden können, zeigen sie doch bereits eine erstaunliche Fülle derjenigen Stilelemente, die den späten Beethoven auszeichnen. Auch die 13 Variationen über Dittersdorfs ‚Es war einmal ein alter Mann’ WoO 66 von 1792 sind interessant und hörenswert. Die (zudem sehr kurzen) Variationen über ein Schweizer Lied WoO 64 sind hingegen eine vergleichsweise blasse Gelegenheits- bzw. Auftragsarbeit. Als biographischer Einschnitt ist an dieser Stelle die Übersiedelung nach Wien zu beachten; von den dort komponierten Zyklen werden hier noch drei zu Gehör gebracht. Die an sich interessanten und virtuosen Variationen über das ‚Menuett à la Vigano’ WoO 68 (1795) können über das eher belanglose Thema Jakob Haibels nicht hinwegtäuschen. Hinter WoO 69 und 70 verbergen sich schließlich zwei kleinere Variationszyklen aus demselben Jahr über Themen aus Paisiellos Oper ‚La molinara’: den ersten hat Beethoven für eine damalige ‚Flamme’ geschrieben, den zweiten für seinen Gönner, den Fürsten Lichnowsky.

Passendes Instrument

Die vorliegenden Variationen ‚passen’ alle auf ein Instrument nach Walter und Sohn (ca. 1805; Kopie: Paul McNulty), von denen Mozart eines besessen hat, so dass Ronald Brautigam dieses Mal das Instrument nicht wechseln muss, wie im Fall der ‚Eroica-Variationen‘. Gerade für die kleineren Zyklen ist das Instrument ein Gewinn, profitiert die Musik doch von einem Mehr an Farben und gewinnt auch noch an Authentizität, sind diese Stücke doch zum Teil für das private Musizieren, nicht für die Wiedergabe auf einem Konzertflügel konzipiert worden. Interessant ist nun, wie deutlich es hörbar wird, dass der Komponist die Möglichkeiten dieses Instruments im Laufe seiner Entwicklung immer weiter ausgereizt hat; den größer angelegten Zyklen, insbesondere zu ‚Venni Amore’, die dann ja auch nicht mehr so eindeutig in die private Sphäre gehören, scheint das Instrument fast zu eng zu werden. Die sonoren Bässe und der in den verschiedenen Registern abwechslungsreiche Klang lassen auch die vermeintlich unbedeutenden Werke zum Ohrenschmaus werden; eine besondere Freude ist der glockenklare und präzise Klang im Bassregister. Ronald Brautigam spielt auch diese Zyklen mit begeisternder handwerklicher Präzsion und Gestaltungskraft. Er versteht es nicht nur, sich auf die historischen Instrumente einzulassen, sondern hat auch diese weniger bekannten Werke mit voller Konzentration und höchstem Engagement erarbeitet. Selbiges gilt auch für Ronald Hazendonk, dessen wertvoller Einführungstext viele Informationen und eine gute Einschätzung der verschiedenen Werke bietet. Auch wenn diese Platte in der Reihe ‚Beethovens Klaviermusik’ auf den ersten Blick uninteressant erscheint: es finden sich hier Stücke, die man gehört haben sollte, will man von sich behaupten, Beethovens Klaviermusik zu kennen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Sämtliche Werke für Klavier Vol. 12

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
BIS Records
1
18.04.2012
Medium:
EAN:

SACD
7318599918839


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BIS Records

Most record labels begin with a need to fill a niche. When Robert von Bahr founded BIS in 1973, he seems to have found any number of musical niches to fill. The first year's releases included music from the renaissance, Telemann on period instruments, Birgit Nilsson singing Sibelius and works by 29 living composers - Ligeti and Britten as well as Rautavaara and Sallinen - next to Purcell, Mussorgsky and Richard Strauss. A musical chameleon was born, a label that meant different things to different - and usually passionate - devotees.


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Von Christian Vitalis zu dieser Rezension empfohlene Kritiken:

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    (Christian Vitalis, 10.04.2012)

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