> > > Christophers, Harry mit The Sixteen: The Genius of Illumination
Mittwoch, 15. Juli 2020

Christophers, Harry mit The Sixteen - The Genius of Illumination

Niveauvolle Begleitung zur Ausstellung


Label/Verlag: Coro
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Harry Christophers' The Sixteen und das Hilliard Ensemble mit einer programmatisch sehr heterogenen, interpretatorisch aber niveauvollen Platte.

Die vokalpolyphone Tradition Englands ist reich und vielgestaltig, schon sehr frühe Phasen kannten intensive Blüten. Dass nur sehr wenige Zeugnisse vorreformatorischer Satzkunst die Zeiten überdauert haben, kann man nur tief bedauern. Umso kostbarer sind jene Chorbücher, die eine kaleidoskopartigen Überblick über dieses Repertoire geben – es sind vor allem drei große Sammlungen, das Eton Choirbook, das Lambeth Choirbook und das Caius Choirbook. Sie sind neben ihrem primären musikalischen Wert auch als erstrangige Quellen der in den Manuskripten aus Mittelalter und Renaissance verbreiteten, repräsentativen Miniaturmalerei anzusehen. Diese Tatsache und den eigenen großen Bestand an entsprechenden Büchern nutzte die British Library zur Ausstellung ‚Royal Manuscripts: The Genius of Illumination’. Der Dirigent und Ensembleleiter Harry Christophers hat nun auf seinem Label Coro eine Begleit-Platte zu diesem Ausstellungsprojekt der British Library vorgelegt, die sich programmatisch wesentlich aus älteren Veröffentlichungen des zu Beginn des 16. Jahrhunderts zusammengestellten Eton Choirbook speist.

Einige nur hier mit eindeutig zuzuordnenden Arbeiten überlieferte Komponisten sind ausweislich des Klangeindrucks erstrangige Meister ihres Fachs gewesen. Als ein solches solitäres Schmuckstück lässt sich etwa die Motette 'Jesus autem transiens' von Robert Wylkynson (ca. 1450-ca. 1515) beschreiben, enigmatisch in ihrem dichten Satz und zugleich eigentümlich in ihrer gelegentlich simplen musikalischen Wirkung. Doch speist sich nicht das gesamte Programm der aktuellen Veröffentlichung aus dem Eton Choirbook. Ältere Beispiele aus Frankreich und Okzitanien sind ebenso zu hören wie Thomas Tallis’ 1571 erstaufgeführtes, freilich gleichfalls ohne Zweifel meisterliches 'Spem in alium'. Alle Beiträge sind ausnahmslos nicht neu aufgenommen worden. Dieser Umstand und die Tatsache, dass es dem Programm bei aller illustrativen Kraft der Zusammenstellung an Stringenz und Systematik mangelt, relativieren dessen diskographischen Wert spürbar.

Niveauvolles Singen – in allerdings heterogenem Programm

Doch trübt das die Einschätzung der interpretatorischen Leistung nicht, im Gegenteil: Harry Christophers’ famoses Ensemble The Sixteen bewegt sich in seinem Kernrepertoire – wenn man die alte englische Vokalpolyphonie denn so apostrophieren will – mit stilistischer Umsicht. Die kraftbegabten, individuell zugeschnittenen Register punkten auch hier üppig, alles Anämische ist dem Ensemble fremd. Und doch sind gerade die feinen, schwebenden Klangräume hier gefragt und werden kundig durchmessen, dabei manche sonst bei The Sixteen zu hörende Härte meidend. Endpunkt des Programms ist Tallis’ vierzigstimmige Motette 'Spem in alium', die in einer sehr feinen, bei aller notwendigen Dichte fast zarten Deutung geboten wird.

Auch das ebenfalls gelegentlich bei Coro veröffentlichende Hilliard Ensemble unterstreicht seine Expertise für randständiges Repertoire, überzeugt mit einem Dufay-Messseatz ebenso wie Gordon Jones, der Bariton des Ensembles, mit dem intrikaten Solovortrag einer aquitanischen Sequenz aus dem 13. Jahrhundert. Das Ensemble insgesamt beweist seine Befähigung, heikle Klanglichkeit selbstverständlich wirken zu lassen, dabei immer wieder geschmeidige Unisoni beredt durch den Raum geleitend.

Die Klangbilder – bei der Vielzahl der verschiedenen Aufnahmen muss man in der Mehrzahl sprechen – sind klar und plastisch konturiert, mit jeweils recht deutlich ausgebautem Raumanteil. Doch wechselt das Gesamtgepräge immer wieder hörbar, vermutlich auch besetzungsbedingt. Teils sind erhebliche Nebengeräusche hörbar, die nie grundsätzlich stören, eher doch ein wenig irritieren. Das Booklet bietet auf engstem Raum das Nötigste an Informationen, ist darüber hinaus aber kein Höhepunkt der Produktion.

Der Wert des auch in dieser Zusammenstellung gar nicht uninteressanten Programms liegt sicher in der interpretatorisch niveauvollen musikalischen Begleitung des Ausstellungsprojekts der British Library. Etliche schöne Einzelstücke machen eben keine in jeder Hinsicht überzeugende Platte, die Beiträge des Hilliard Ensembles wirken gar programmatisch unkonzentriert. Wer sich mit der Überlieferung des Eton Choirbooks ernsthaft befassen will, sollte zur vierteiligen Serie mit Kompositionen aus diesem Manuskript greifen, die Christophers und The Sixteen eingesungen haben. Von der Qualität dieser Aufnahmen gibt die aktuelle Platte einen knappen Eindruck. Immerhin.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Christophers, Harry mit The Sixteen: The Genius of Illumination

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coro
1
18.05.2012
Medium:
EAN:

CD
828021609824


Cover vergössern

Coro

CORO is the lively and successful record label of Harry Christophers and The Sixteen. Formed in 2001 Coro has re-mastered, re-packaged and re-issued recordings of The Sixteen that were for a short time available on Collins Classics and now releases most of the ensemble?s new recordings. The label also features artists such as The Hilliard Ensemble, Elin Manahan Thomas and Sarah Connolly as well as a ?Live? series and young artists focus. It has recently launched the Acoustic World series of discs which epitomize CORO?s values of excellence of performance, authentic instruments, brilliance of sound and world class musicians.

Celebrated releases include Allegri?s Mierere, Tallis?s Spem in Alium and the complete Eton Choirbook Collection. More recently CORO has released brand new recordings by The Sixteen of Handel?s Coronation Anthems and Fauré?s Requiem with the Academy of St Martin in the Fields. The ensemble?s recording of Handel?s celebrated oratorio, Messiah, with an all-star soloist line-up: Carolyn Sampson, Catherine Wyn-Rogers, Mark Padmore and Christopher Purves, was awarded the prestigious MIDEM Classical Award 2009.

The Sixteen is recognised as one of the world?s greatest ensembles. Comprising both choir and period instrument orchestra, The Sixteen's total commitment to the music it performs is its greatest distinction. A special reputation for performing early English polyphony, masterpieces of the Renaissance, bringing fresh insights into Baroque and early Classical music and a diversity of twentieth-century music, is drawn from the passions of conductor and founder, Harry Christophers.

At home in the UK, The Sixteen are "The Voices of Classic FM", TV Media Partner with Sky Arts, and Associate Artists of Southbank Centre, London. The group promotes an annual series at the Queen Elizabeth Hall as well as The Choral Pilgrimage, a tour of our finest cathedrals bringing music back to the buildings for which it was written. The Sixteen has recently featured in the highly successful BBC Four television series, Sacred Music, presented by actor Simon Russell Beale.

The Sixteen tours throughout Europe, Japan, Australia and the Americas and has given regular performances at major concert halls and festivals worldwide, including the Barbican Centre - London, Bridgewater Hall - Manchester, Concertgebouw - Amsterdam, Sydney Opera House, Tokyo Opera City and Vienna Musikverein and also at the BBC Proms, the festivals of Granada, Lucerne, Istanbul, Prague and Salzburg.

Bringing together live concerts and recording plans has allowed The Sixteen to develop a glittering catalogue of releases, containing music from the Renaissance and Baroque through to great works of our time.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Coro:

  • Zur Kritik... Expressive Gestaltung: Der englische Chor The Sixteen interpretiert unter der Leitung von Harry Christophers mit warmem Klang Alte Musik aus Rom, die teils in die Passionszeit passt. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Palestrina ganz frisch: So ist die Tour durch das geistliche Werk Palestrinas ein echtes Vergnügen: Harry Christophers und The Sixteen mit einer wirklich gelungenen achten Folge ihrer Reihe. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Delightful: Diese Aufnahme von 'Acis and Galatea' macht einfach Freude und lässt im Rahmen der klar lesbaren Intention keine Wünsche offen. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
blättern

Alle Kritiken von Coro...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Matthias Lange:

  • Zur Kritik... Qualität von der Seite: Das rund und komplett klingende Ensemble De Profundis singt hochattraktive Musik von Juan Esquivel, die zu hören ein Genuss ist und die zu kennen sich unbedingt lohnt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Delikate Leidenschaft: Es sind eher die subtilen denn die jäh hochfahrenden Leidenschaften, die hier ausformuliert werden – kulturvoll, edel timbriert und fein im Affekt: Dorothee Oberlinger und Dmitry Sinkovsyk mit dem Ensemble 1700. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Humane Stimme: Luciano Berios 'Coro' – ohne Zweifel Kunst von besonderer Form und erheblichem Rang. Und natürlich ein tolles Vehikel für den Norwegischen Solistenchor und das Norwegische Rundfunkorchester, ihre üppigen Fähigkeiten auszustellen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Matthias Lange...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Loreleys Klangzauber: Schöner und inniger als Julia Kleiter kann man diese Lieder kaum singen – inhaltlich ist aber noch deutlich Luft nach oben. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Rhythmisches Einerlei: Francesco Corti und Il pomo d'oro widmen sich Bachs Cembalo-Konzerten. Weiter...
    (Daniel Krause, )
  • Zur Kritik... Teamarbeit: Die Gesamtleistung der Musiker von Il gardellino überzeugt in zwei großen geistlichen Chorwerken von Niccolò Jommelli ebenso wie ihre Einzelleistungen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/8 2020) herunterladen (3000 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Carl Heinrich Graun: Polydorus

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich