> > > Scarlatti, Domenico: Sämtliche 555 Sonaten für Tasteninstrumente
Samstag, 29. Januar 2022

Scarlatti, Domenico - Sämtliche 555 Sonaten für Tasteninstrumente

Diskographischer Meilenstein


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nachdem Pieter-Jan Belder Gesamteinspielung der Claviersonaten Domenico Scarlattis über Jahre hinweg in Einzelfolgen erschien, fasst Brilliant dieses Mammutwerk nun in einer opulenten Box zusammen.

Ob es wirklich die ominösen 555 Sonaten sind, die Domenico Scarlatti hinterlassen hat, wurde in jüngerer Zeit von der historischen Musikforschung in Zweifel gezogen. Keinerlei Zweifel kann allerdings darüber herrschen, dass Pieter-Jan Belders Gesamteinspielung der Claviersonaten Domenico Scarlattis als ein diskographischer Meilenstein zu werten ist. Über Jahre hinweg erschien dieses Mammutwerk bei Brilliant Classics sukzessive ein Einzelausgaben, nun aber liegt es gebündelt in einer riesigen, 36 CDs enthaltenden Box vor. Derlei Großprojekte schüren manchmal den Verdacht, ein Interpret lege eher auf die Vollständigkeit (bzw. Quantität) Wert denn auf die gestalterische Feinarbeit am Einzelwerk. Hier aber werden solche Befürchtungen zerstreut: Pieter-Jan Belder hat sich für dieses diskographische Schwergewicht Zeit gelassen, um sich intensiv in die Klangsprache von Domenico Scarlatti einzuarbeiten und zu überlegen, wie sich die Elemente dieser höchst individuell gezeichneten Werke interpretatorisch schlüssig mit Ausdruck und Tiefenschärfe darstellen lassen. Und das Ergebnis ist – nicht nur angesichts der schieren erdrückenden Masse an Einzelstücken – höchst achtbar.

In dem knapp 20-seitigen Beiheft (nur englisch) gibt Pieter-Jan Belder darüber Auskunft, weshalb er sich für das Cembalo als hauptsächlich eingesetztes Klangmittel entschieden hat – wobei vom Cembalo im Singular nicht die Rede sein kann: Pieter-Jan Belder bringt einen ganzen instrumentalen Fuhrpark an unterschiedlichen Cembali zum Klingen. Darüber hinaus setzt er noch frühe Hammerklaviere ein, für eine einzige Sonate setzt er sich an die Orgel. Neben den Claviersonaten hat Pieter-Jan Belder auch noch Scarlattis Sonaten für Violine und Basso continuo aufgenommen. Neben Rémy Baudet (Violine) unterstützt der Cellist Frank Wakelkamp den Continuo-Part des Cembalisten.

Der Italiener Scarlatti konnte in Lissabon, ähnlich wie Haydn in Esterháza, ‚original‘ werden: Als privater Musiklehrer der Prinzessin Maria Barbara schuf er eine Reihe von Übungsstücken, in denen er allerdings eine ganz eigenes Amalgam unterschiedlicher stilistischer Ebenen entwarf. Iberisches Kolorit in Form von Flamenco und anderen Tanzidiomen verband er mit rhythmisch sprühenden melodischen Einfällen, kontrapunktischen Kunststücken, rasend schnellen, klangvoll rauschendem Passagenwerk, Akkordblöcken und allerlei kapriziösen Einfällen.

Das Potential von Scarlattis geistreichen Sonaten darzustellen, kann auf unterschiedliche Weise geschehen – je nachdem, welche Klangmittel man wählt. ‚Große‘ Pianisten der Vergangenheit, die sich einzelnen Sonaten aus dem opulenten Schaffen Domenico Scarlattis widmeten, arbeiteten mit Klangfarbendifferenzierung, dynamischen Unterschieden, Anschlagsnuancen und anderen Möglichkeiten, die der moderne Konzertflügel bereithält. Auf dem Cembalo ist aber zu anderen Mitteln zu greifen, um Scarlattis Claviersonaten mit prallem Leben zu erfüllen – und Pieter-Jan Belder nutzt sie weidlich aus. Durch agogische Feinarbeit trennt er nicht nur Satzabschnitte und markiert Scarlattis typische rasante Abbiegemanöver, sondern gestaltet damit auch Spannungsmomente; mancher Steigerung legt er ein leichtes Accelerando zugrunde. Das alles ist mit Augenmaß eingesetzt, zu keinem Zeitpunkt übertrieben, aber doch so griffig und mit Temperament gehandhabt, wie es der Spritzigkeit von Scarlattis wendungsreichen Sonaten entspricht. Zugleich bringt Pieter-Jan Belder die virtuose Geläufigkeit mit, die funkelnden und rasselnden Läufe in ihrer blitzenden Pfauenhaftigkeit wunderbar aufreizend wirken zu lassen.

Auf einzelne Sonaten einzugehen scheint aufgrund der Fülle an Einzelwerken hoffnungslos. Es sind zu viele geistreiche Momente in diesen Stücken und auch zu viele ebenso geistvolle interpretatorische Ideen von Pieter-Jan Belder, um erstere klanglich erlebbar zu machen. Sicherlich wird man die 36 CDs in dieser Box nicht am Stück hören wollen, und selbst ein einziger Tonträger bietet trotz der Fülle an kompositorischen Ideen nicht gerade viel Abwechslung, schließlich sind fast alle der 555 Sonaten in einem lebhaften Tempo gehalten (nur unter den späteren Sonaten finden sich einige in einer etwas gedämpften Gangart). Doch kehrt man stets mit froher Erwartung an einzelne Stücke zurück – und Pieter-Jan Belder erfüllt sie ein ums andere Mal mit seiner ebenso spritzigen wie redlichen klanglichen Darstellung. Ihm ist mit dieser Scarlatti-Sammlung ein Meistwerk gelungen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Scarlatti, Domenico: Sämtliche 555 Sonaten für Tasteninstrumente

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
36
01.06.2012
Medium:
EAN:

CD
5028421935461


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Brilliant classics

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Mit den Veröffentlichungen von komplettierten Gesamtwerks- Editionen und Zyklen berühmter Komponisten, hat sich das Label erfolgreich am Musikmarkt etabliert. Der Klassikmusikchef, Pieter van Winkel, ist Musikwissenschaftler und selbst Pianist. Mit seinem professionellen musikalischen Gespür für den Klassikmarkt, hat er in den letzten Jahren ein umfangreiches Klassikprogramm aufgebaut. Neben hochwertigen Lizenzprodukten fördert er mit Eigenproduktionen den musikalischen Nachwuchs und bietet renommierten Musikern eine ideale Plattform.


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