> > > Bach, Johann Sebastian: Bach Drama BWV 201-205 & 213
Montag, 14. Juni 2021

Bach, Johann Sebastian - Bach Drama BWV 201-205 & 213

Kantaten als kleine Dramen


Label/Verlag: Ambronay Editions
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Weltliche Kantaten von Johann Sebastian Bach in einer kompetenten, frischen Auffassung durch das Instrumentalensemble Les Agrémens und den Kammerchor Namur, temperamentvoll geleitet von Leonardo García-Alarcón.

Johann Sebastian Bachs weltliche Kantaten werden heute keineswegs mehr geringer geschätzt als das ohnehin ehrfurchtgebietende geistliche Werk des Thomaskantors – mit welcher Begründung sollte das auch geschehen? Die ganz sicher inhaltlich mehr und stilistisch weniger banalen Textbücher können kaum als überzeugender Grund herhalten, überwiegen doch die musikalischen Qualitäten allzu deutlich. Das wird in allen drei aktuell bei Ambronay eingespielten Kantaten deutlich: Neben dem einleitenden 'Der Streit zwischen Phöbus und Pan' BWV 201 und der folgenden 'Zufriedenheit des Äolus' BWV 205 gibt 'Die Wahl des Herkules' BWV 213 entscheidende Hinweise für die über einen konkreten Anlass hinausweisende Qualität der Bachschen Kompositionen – ist hier der von Bach durch das Parodieverfahren selbst organisierte Transfer seiner kompositorischen Perlen in die musikalische Unsterblichkeit am ohrenfälligsten, denn etliche der Sätze erkennt auch jeder nur mäßig Interessierte als integrale Teile des Weihnachtsoratoriums wieder. Qualitätsschranken zwischen weltlichem und geistlichem Schaffen zu errichten verbietet sich, wenn Bach selbst es auch nicht tat. Vielmehr verdeutlicht die aktuell von Leonardo García-Alarcón vorgelegte Produktion, dass es sich um bemerkenswerte Originalkompositionen handelt, die heute durchaus wieder in dieser Eigenschaft zu Gehör kommen können und nicht als bloße Steinbrüche für später im geistlichen Repertoire erlangte Letztgültigkeit zu sehen sind.

Expertise & Frische

Die vielfach erprobten Ensembles des jungen Argentiniers zeigen sich auf bemerkenswertem Niveau ausgeglichen: Die Instrumentalformation Les Agrémens spielt ebenso temperament- wie klangvoll, gibt sich energisch und spritzig, deutet die intrikate Textur in ihren herrlichen Details, missversteht aber auch Bachs delikatere Klangsphäre nicht als mit der Vollstimmigkeit kontrastierende Blässe und steuert zu etlichen Arien sehr feine obligate Soli bei. Mit dem Kammerchor Namur steht García-Alarcón ein respektabler Klangkörper zur Verfügung, dessen Register schlank, leicht und beweglich wirken und trotzdem die für den interpretatorischen Ansatz der Produktion notwendige Befähigung zum schärferen Profil nicht vermissen lassen. Diese Fähigkeit entfaltet sich in etlichen Beiträgen in gelungenem Zusammenspiel mit den Instrumentalisten.

Auch die solistische Ebene wird niveauvoll abgedeckt, in der Besetzung mit Céline Scheen (Sopran), Clint Van der Linde (Alt), Fabio Trümpy und Makoto Sakurada (Tenor) sowie Christian Immler und Alejandro Meerapfel (Bass). Sie sind sämtlich stilistisch versiert, mit ansprechenden expressiven Möglichkeiten ausgestattet, profilieren sich wie zum Beispiel Sakurada auch als leichtfüßige Techniker. Der etwas schmale Altus Clint Van der Lindes fällt in dieser Hinsicht minimal ab, vor allem Immler, Trümpy und Scheen setzen die entscheidenden Akzente. Die Interaktion in den Ensembles ist lebendig und mild theatralisch. Im Sog der durchaus frisch aufgefassten Rezitative scheint Alejandro Meerapfels gelegentlich unidiomatisch wirkende Aussprache des Deutschen etwas hinderlich.

Das Klangbild wirkt klar, harmonisch und ist mit einem relativ großen Raumanteil ausgestattet. In größerer Besetzung mit Pauken und Trompeten wirkt der Eindruck dann aber doch gelegentlich nicht präzis genug und scheint vom Raum überwältigt, was auch zu Lasten der eigentlich sehr gelungenen Balance geht. Das Booklet ist wie fast immer bei Ambronay sehr überzeugend – gestalterisch, mit niveauvollen Übersetzungen der substanzreichen Texte von Gilles Cantgrel und Leonardo García-Alarcón und in üppigen Fotografien der Akteure.

Also tatsächlich ‚Bach Drama’ wie im Titel der Produktion apostrophiert? Ja, wenn man den von García-Alarcón gewählten, differenzierten Zugriff goutiert, wofür manches spricht. Natürlich hätte man Bachs weltliche Kantaten gegen jeden Strich bürsten und so auf äußerliche Weise dramatisieren können. Doch gibt es bei Bach eben keine affektive Durchschnittshaltung, bleibt üppige Unterscheidung in dieser Hinsicht also immer notwendig, gewinnt sich das Dramatische nicht automatisch aus dem klanglich Vordergründigen. Und so gibt es absolut niveauvolle Kantatenkunst zu hören, die den textlichen Optionen folgend mit mild dramatischer Geste geboten wird. Es ist kein reines, vordergründiges musikdramatisches Funkensprühen, aber damit würde man diese Kantaten auf etwas trimmen, das ihnen auch, aber nicht nur innewohnt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bach, Johann Sebastian: Bach Drama BWV 201-205 & 213

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ambronay Editions
3
18.05.2012
Medium:
EAN:

CD DVD
3760135100316


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Ambronay Editions

Autour du Festival de musique ancienne créé en 1980, activité emblématique du CCR, Ambronay développe un ambitieux programme d'insertion professionnelle de jeunes artistes et créateurs, accorde une place importante à la pratique amateur et à l'action culturelle, propose une offre patrimoniale riche et variée et engage une réflexion approfondie sur les rapports entre culture, tourisme et économie avec la mise en place d'un centre de séminaires et d'un club d'entreprises. L'ensemble de ces activités bénéficie d'une diffusion internationale via le label de disques Ambronay Éditions.


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