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Donnerstag, 29. September 2022

Sciarrino, Salvatore - Luci mie traditrici

Schlüsselwerk der jüngsten Operngeschichte


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nach zwei CD-Einspielungen ist Salvatore Sciarrinos Zweiakter 'Luci mie traditrici' auf DVD erschienen – eine Produktion, die rundum überzeugt.

Salvatore Sciarrinos zweiaktige Oper 'Luci mie traditrici' (1996-98) ist nicht nur ein Schlüsselwerk der neueren Operngeschichte, sondern stellt auch einen bedeutenden Schritt im musikdramatischen Schaffen des Komponisten in Bezug auf dessen Konzeption von Oper als Abfolge von bildhaft angelegten Szenen dar. Erstaunlich oft ist das Werk seit seiner Entstehung aufgeführt worden, und den bislang zwei CD-Einspielungen schließt sich nun mit einer DVD-Produktion von EuroArts endlich auch die mediale Fixierung einer szenischen Realisierung an, live aufgezeichnet während des ‚Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano‘ vom 29. bis 31. August 2010. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Komponisten Carlo Gesualdo, der seine untreue Ehefrau ermordete, erfolgt in 'Luci mie traditrici' auf historisch gefilterte Weise über ein Drama des Barockdichters Giacinto Andrea Cicognini (‚Il tradimento per l’onore‘, 1664), das Sciarrino radikal skelettiert und auf kurze Dialogsequenzen reduziert hat – ein Umstand, dem im Bookletbeitrag von David Patmore nicht die geringste Beachtung geschenkt wird. Glücklicherweise sind dieser wenig informative Text und das Fehlen des Librettos die einzigen Schwächen der ansonsten in jeder Hinsicht gelungenen Produktion.

Charakteristisch für Sciarrinos Komposition ist der geradezu lakonisch anmutende Gesang, der durchweg in knappe, mitunter extrem virtuose Formeln gefasst ist. Die Sänger liefern hier allesamt hervorragende Leistungen ab und färben den hochgradig artifiziellen Gesangsstil gekonnt mit emotionalen Nuancen ein: Die Mezzosopranistin Nina Tarandek verleiht der Rolle der Gräfin Malaspina je nach Gesprächspartner eine Anmutung von unterdrückter Leidenschaft oder Strenge, der Countertenor Roland Schneider wirkt als Gast und heimlicher Liebhaber der Gräfin in seiner Anschmiegsamkeit berechnend, der Bariton Christian Miedl wiederum liefert sich als Graf Malaspina mit seiner Gattin schneidend kalte, hintergründige Dialoge, und selbst die knappe Rolle des Dieners ist mit Simon Bode überzeugend besetzt. Allen Sängern gelingt es, den Gesang gerade durch seine Formelhaftigkeit wirken zu lassen, wodurch die Musik mit einem Höchstmaß an Spannung aufgeladen wird.

Unter Leitung von Marco Angius findet das Ensemble Algoritmo zu einem außergewöhnlich plastischen Umgang mit Sciarrinos knappem instrumentalen Vokabular. Die Gesten oder die Akzentuierung von Klangflächen sind deutlich artikuliert, eine leichte Übertreibung in Bezug auf die Wiedergabe von Klangfarben und Dynamik führt dazu, dass die Bedeutung der Instrumentalschicht – sie dient als kompositorische Charakterisierung des szenischen Umfelds, insbesondere der Tageszeit – deutlich hervortritt und als eigenständiges Ausdrucksmoment unter dem Gesang gezeigt wird. Auf die Körperlichkeit der Klänge, die Orientierung an Atem und Herzschlag, wird hier besonders viel Wert gelegt: Dies untermauert die Kraft der zerbrechlichen Musik, die meist über Impulse zu Klangkaskaden geformt wird und eher wie das Einfangen von Natur, denn wie Instrumentalklang wirkt. Von extremer Spannung geprägt ist der Zugriff der Musiker außerdem dort, wo der Handlungsverlauf durch die im Instrumentalklang zunehmend verfremdete Elegie 'Qu’est devenu ce bel œil' von Claude Le Jeune – von Sciarrino nach an dramaturgischen Schlüsselstellen eingesetzte Chiffre für Tod und Zerfall – zerschnitten wird.

Regisseur Christian Pades nimmt Sciarrinos Musik ernst und beweist eine glückliche Hand dafür, den durch Reduktion entstehenden Wirkungen eine adäquate Bühnengestalt zu verleihen: Er denkt den Ansatz des Komponisten weiter, überträgt das reduzierte musikalische Vokabular auf die visuelle Ebene und setzt die einzelnen Szenen als stellenweise fast ritualisiert anmutendes Aufeinandertreffen der Bühnenfiguren um. Geprägt ist dieses von einem ebenso strengen wie künstlich wirkenden gestischen Bewegungsrepertoire der einzelnen Figuren, das zusätzlich durch Farben, Schatten und die kargen Aufbauten von Alexander Lintl unterstrichen wird. Dadurch gelingt es Pade, die Umsetzung frei von psychologischen Momenten zu halten und die Bühne mit bewegten Bildern zu versehen, deren Skizzenhaftigkeit der Zuschauer automatisch weiterdenkt. Ergänzt wird diese beachtliche Opernaufzeichnung durch ein informatives, 33-minütiges ‚Making-Of‘, das die Bedingungen und Wirkungen der Produktion in Interviews u. a. mit Regisseur, Komponist, Sängern Dirigent und Komponist festhält.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Sciarrino, Salvatore: Luci mie traditrici

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
EuroArts
1
09.04.2012
Medium:
EAN:

DVD
880242590381


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

Seit 2016 werden die physischen Produkte durch Warner Music vertrieben.


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