> > > Weinberg, Mieczyslaw: Sinfonie Nr. 6
Freitag, 20. April 2018

Weinberg, Mieczyslaw - Sinfonie Nr. 6

Kosmos melancholischer Melodien


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mit der Einspielung der 'Rhapsodie zu moldawischen Themen' und der Sechsten Sinfonie von Weinberg gelingt Vladimir Lande eine äußerst facettenreiche Interpretation der anspruchsvollen Melange aus moldawischen Volksmelodien, Chorälen und Tanzmusik.

Vor den Nationalsozialisten auf der Flucht und im sowjetischen Sozialismus in die Enge getrieben, erkämpfte sich der jüdisch-polnische Komponist Weinberg, Mieczyslaw (1919-1996) wie viele andere seiner Zeit ein Leben mit Kompromissen, auf menschlicher und künstlerischer Ebene. So ist es nicht verwunderlich, dass der recht unbekannte, aber von Schostakowitsch hochgeschätzte Komponist und Pianist eine große Spannweite aus humoristischer Zirkus- und Tanzmusik und tragisch-pathetischer Musik schuf, wobei besonders letztere durch den Einsatz von Lyrik eine noch größere Tiefe erreichte, die das menschliche Seelenleben sehr gelungen nachzeichnet.

Eine solche Verbindung aus Lyrik und Musik, außerhalb oft klischeehafter Opern und Musikdramen, erschuf Weinberg mit seiner Sinfonie Nr. 6 op. 79 (1963), die - wie auch die rein orchestrale 'Rhapsodie zu moldawischen Themen' op. 47 Nr. 1 (1949) auf moldawisch-russische Volksmelodien zurückgreift. Beiden umfangreichen Werke hat sich Dirigent Vladimir Lande in Zusammenarbeit mit den Sankt Petersburger Philharmonikern und dem Glinka Choral College Boys Choir gewidmet; das Ergebnis wurde beim Label Naxos dem Publikum zugänglich gemacht.

Düster und bedrohlich bohren sich die tiefen Streicherbässe im Unisono gleich zu Beginn der 'Rhapsody on Moldavian Themes' op. 47 Nr. 1 (1949) in die Gehörgänge des Hörers und arbeiten zusammen mit der wehmütigen Oboe die Schönheit moldawischer Tonskalen heraus, welche besonders durch ihre eigentümlichen Sekund-Intervalle Expressivität ausstrahlen. Fernab von den zarten Nuancen des Intros zelebrieren die gnadenlosen Violinen, unterstützt von Pauke und Blechbläsern, daraufhin ihren folkloristischen Stolz in tänzerisch-beschwingten Rhythmen, und das Orchester gestaltet dieses abwechslungsreiche Medley moldawischer Volksmelodien mit sehr viel Würde. Die Sankt Petersburger Philharmoniker unterstreichen damit die breite Gefühlspalette dieser einzigartigen Programmmusik, welche von fröhlich-ländlichen Zigeuner-Tänzen, verspielt-koketten Holzbläsermelodien und aufgeregten, unaufhaltsamen ‚Säbeltänzen‘, begleitet von Schellen, verworrenen Sechszehntel-Ketten durch alle Instrumentengruppen hindurch, bis hin zu pathetischen Hornthemen reichen. Ein bildhaft musikalisches Feuerwerk, welches sein klangliches Bühnenbild stetig erneuert, wobei das Orchester energiegeladen und auf der Hut die teils abrupten Stimmungswechsel meisterlich umsetzt.

Einzigartig erscheint besonders die Sinfonie Nr. 6 op. 79 (1963) von Weinberg, die neben der Verwendung moldawischer Melodien auch durch den Einbezug sowjet-russischer Texte der Poeten Lev Kvitko (1890-1952) im zweiten, Samuil Galkin (1897-1960) im vierten und Mikhail Lukonin (1918-1976) im fünften Satz der Sinfonie die osteuropäische Identität des Komponisten unterstreicht. In diesem sinfonischen Mammutwerk, welches durch die Besetzung für großes Orchester und Knabenchor eine gewaltige Klangfülle erreicht, arbeitet der Dirigent besonders detailreich die expressionistischen und verwobenen, sich teils polyphon überlagernden Melodiestränge heraus, welche für Weinberg genreübergreifend typisch sind.

Das 'Adagio sostenuto', welches vom verhaltenen Horngesang in einen galanten Streichersatz auf dunklem Pizzicato-Grund übersattelt, lässt den Hörer gleich zu Beginn der Sinfonie jegliches Zeitgefühl verlieren. Endlose, vorantreibende Melodienketten laden sich zu einem spannenden, aber zugleich unberechenbaren musikalischen Sog aus Fugetten auf, welchen das Orchester mit sehr viel Dynamikdifferenzierung ausbalanciert. Hin und wieder wird das beklemmende Gefühl von innerer Stagnation, das Warten auf Veränderung durch die virtuosen Soli, z.B. der Piccolo-Flöte und des anmutigen Horns, aufgebrochen, welche fast improvisatorisch und rhythmisch frei mit den moldawischen Skalen hantieren und mit frischen Klangnuancen neue Lichtblicke in den dunklen Abgrund werfen.

Viel lebendiger, mit einem rhythmisch interessanten Dialog zwischen Oboe und Fagott, startet der zweite Satz im 'Allegretto' mit seinem Sekund-Thema, wobei das schmachtende Violinsolo alsbald in den ersten Knabengesang überleitet. Die jungen Sänger artikulieren die russische Sprache sehr scharf und selbstbewusst und zeigen eine erstaunliche interpretatorische Reife bezüglich der doch recht schwierigen modern-avantgardistischen melodischen und harmonischen Sprache Weinbergs. Über kleine Intonationsschwierigkeiten kann der Hörer getrost hinweghören, da sie zum expressionistischen Satz dazugehörig empfunden werden (können). Plötzliche Tempo- oder Taktartenwechsel, Synkopen, weiche melodische Fragmente der Solovioline über nicht anpassungswilligen Kontrabässen und glorreiche Trompeten geben dem Satz einen fast schizophrenen Charakter. Doch unter der Leitung von Lande bleibt die musikalische Einheit trotz zerpflückter Struktur gewahrt.

Eingeleitet vom Fanfarenklang der Trompete kommt der Hörer beim dritten, rein instrumentalen Satz im 'Allegro molto' in den Genuss eines tänzerisch-galoppierenden Marsches im Zirkusstil, welcher nach den etlichen ausgedehnten Streicherpassagen befreiend wirkt. Fragmentarisch umspielen sich nun Holz-und Blechbläser und veranstalten gemeinsam mit dem Schlagwerk aus Pauke, Schellen und Klanghölzer ein musikalisch-scherzhaftes Spektakel aus frechen Rhythmen und festlichen Nachschlägen, bevor die Musik mit einem Kirchenglockenton in der Stille verendet, als würde die Obrigkeit ihren Finger erheben und zu Zucht und Ordnung auffordern.

Wie ein wildgewordener Schwarm Bienen beginnt der vierte Satz ('Largo') mit aufgeregten hohen Streichertremolo und verschwindet mit einem kräftigen Paukenschlag im dunklen Register, wo Bässe und Klarinette den Piano-Teppich für den hellen Knabenchor ausrollen. Mit sehr viel Demut und russischer Melancholie gestalten die Sänger den (vermutlich) traurigen Text von Samuil Galkin, wobei der ruhige Atem der Musik zunehmend von der Flöte, welche vereinzelt musikalische Themen aus den vorangegangen Sätzen aufgreift, ins Stocken gerät. Die endlosen Melodien scheinen sich wieder erschleichen zu wollen, diesmal jedoch in viel hoffnungsvolleren Klangfarben. Aus einem dunklen Nebeldunst erklommen und getragen von den wankenden Wechselnoten des Themas im Bass-Fagott, treten im fünften Satz, dem 'Andantino', noch einmal die reichhaltigen moldawischen Volksliederthemen in voller Blüte hervor und ein Streicherhauch erfüllt die Klanglandschaft. Schließlich werden die dissonant anmutenden moldawischen Skalen im anschließenden einstimmigen Knabengesang erneut hervorgehoben, wobei sich Dur und Moll oft zu überlappen scheinen und die vermeintliche Bi-Tonalität provoziert ein letztes Mal die Hörgewohnheiten westeuropäischer Hörer.

Weinbergs Musik lässt sich nur schwer in Worte fassen, so vielschichtig, widersprüchlich und detailreich gräbt sich der Hörer durch einen musikalischen Dschungel aus subtilen Gemütsänderungen, welche durch Klangfarbendifferenzierung, Orchestrationstechniken, lautmalerische Darstellungen (Naturklänge) und letztlich die Textegrundlage dargestellt werden. Das Wechselspiel aus vorsichtig epischen und eleganten Melodien unterschiedlichster Instrumentengruppen und glühenden-fetzigen Themen, aber auch die etwas trockenen, nüchternen Passagen werden auf dieser Platte sehr ernst genommen und so überzeugen sowohl die technische Professionalität als auch die musikalische Interpretation dieser gigantischen Werke.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Weinberg, Mieczyslaw: Sinfonie Nr. 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Naxos
1
02.04.2012
61:02
EAN:
BestellNr.:

747313277971
8.572779


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"Mieczysłav Weinberg, der von der Forschung lange unbeachtet blieb, gewinnt zunehmend Anerkennung. Seine „Rhapsody on Moldavian Themes“ zeichnet sich durch eine prägnante Melodie aus, die Einflüsse der Folklore mit melancholischem und spirituellem Charakter zu einem freudestrahlenden Tanz vereint. Die Symphonie No. 6, die Weinberg für ein sehr großes Orchester und Kinderchor konzipierte, ist äußerst ausdrucksstark: ängstlich und qualvoll, energetisch und dynamisch, trauernd und klagend, verstärkt durch unheilvolle und herzzerreißende, langsame Bewegung. Doch manchmal auch karikierend und witzig. Weinbergs Freund Schostakowitsch war so beeindruckt von diesem Werk, dass er es als Lehrmaterial für seine Schüler verwendete."


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Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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