> > > Kraus, Joseph Martin: Bratschenkonzerte
Donnerstag, 28. Oktober 2021

Kraus, Joseph Martin - Bratschenkonzerte

Erstaunliche Entdeckung


Label/Verlag: Ondine
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die drei Bratschenkonzerte von Joseph Martin Kraus sind eine wesentliche Bereicherung des Repertoires. Die musikalische Umsetzung zeigt sich den virtuosen Ansprüchen gewachsen.

Mit Wolfgang Amadeus Mozart verbindet den 1756 in Miltenberg am Main geborenen, später am Stockholmer Hof Gustav III. wirkenden Joseph Martin Kraus nicht nur das Geburtsjahr – was unterem dazu führte, dass im ‚Mozart-Jahr‘ 2006 hin und wieder auch an den ‚schwedischen Mozart‘ erinnert wurde, wenn man dem glorreichen Jubilaren eine weitaus weniger bekannte Komponistenfigur zur Seite stellen wollte. Und – auf gleicher Ebene – zur Seite stellen darf man Joseph Martin Kraus dem Liebling der Götter ohne Zweifel; kein geringerer als Joseph Haydn sah nur einen weiteren Komponisten mit Mozarts Genius auf Augenhöhe – und das war Kraus.

Neben einigen wunderbar aufrührerischen Sinfonien, in denen Kraus‘ Sturm-und-Drang-Gebärde höchst phantasievoll zur Geltung kommt, machen neben einigen Kammermusikwerken Bühnenmusiken und Opern sein Hauptwerk aus. An Instrumentalkonzerten war bislang nur ein Violinkonzert bekannt; andere Konzerte gingen offenbar verloren. Doch nun gelang es Bertil van Boer, einem ausgewiesenen Kraus-Spezialisten, drei weitere Konzerte ausfindig zu machen. Es handelt sich um zwei Konzerte für Bratsche und Orchester und eines für Bratsche, Cello und Orchester. Die drei Werke wurden bislang dem Benediktinermönch Romanus Hofstetter zugeschrieben, doch gelang es dem führenden Kraus-Forscher, die drei Konzerte als Kompositionen von Joseph Martin Kraus zu identifizieren. Das finnische Label Ondine hat stellt sie hier nun erstmals vor. Den Solopart übernimmt der junge amerikanische Bratschist David Aaron Carpenter, für den Orchesterpart zeichnet die Tapiola Sinfonietta verantwortlich.

Im Gegensatz zu den waghalsigen harmonischen Wendungen und gepfefferten Kontrasten, die Kraus in seinen Sinfonien aufbietet, wirken die drei vermutlich zwischen 1777 und 1781 entstandenen Konzerte weniger stürmisch in ihrem Ausdruck. Doch sind auch in ihnen die Charakteristika auszumachen, die Kraus‘ kompositorische Ausnahmestellung zeigen: lebendige, abwechslungsreiche Basslinien, harmonische Reichhaltigkeit, phantasievolle und immer wieder in unerwartete Bereiche ausweichende melodische Erfindung, geschickte Überblendungstechniken an Kadenzen, um die harmonische Tektonik weich miteinander zu verbinden, farbenreiche, delikate Instrumentierung und nicht zuletzt eine schlichtweg glänzende Verbindung von polyphonem Handwerk und dessen lockerer, allem Schulmeisterlichem entsagender Anwendung. Oder kurz: Joseph Martin Kraus bringt alle Momente des Tonsatzes sowie der Ausdrucksebenen in eine unangestrengt wirkende Balance.

Hinzu tritt in den Bratschenkonzerten allerdings eine Anlage der Solostimme, die an den Interpreten höchste technische Anforderungen stellt. Neben einigen fiesen Sprüngen und Doppelgriff-Passagen ist so allerlei Kniffliges zu meistern, um sowohl den raschen Figurationen als auch den lyrischen Kantilenen gerecht zu werden – und das oft in den höchsten Regionen des Instruments, in denen der Klang der Bratsche kaum von der Violine unterscheidbar ist.

David Aaron Carpenter meistert die technischen wie musikalischen Schwierigkeiten auf beachtliche Weise. Man hört hin und wieder, welche Virtuosität vonnöten ist, um die Intonation in den höchsten Lagen, zumal im raschen Passagenwerk, rein zu halten. Carpenter begegnet dem Solopart mit einer stilistisch angemessenen Schlichtheit, die in den hinreißenden langsamen Mittelsätzen von einer Haltung nobler Sanglichkeit ergänzt wird. Er zeichnet die Linien der Bratschenstimme mit feiner dynamischer Kontrolle nach und differenziert auch in artikulatorischer Hinsicht feinnervig, um etwa den Charakteren der finalen Rondo-Sätze klare Konturen zu geben. Man wünschte sich allerdings, dass David Aaron Carpenter mit dem Vibrato etwas feinfühliger umginge und die Dosierung nicht nur an das dynamische Niveau anpasste, sondern auch die Vibrato-Anreicherung des Tones nutzte, um Ausdruckswerte zuzuspitzen.

Keinerlei Wünsche lässt die begleitende Tapiola Sinfonietta unter Konzertmeister Janne Nisonen offen, und auch die Cellistin Riitta Pesola agiert vollauf überzeugend. Das Kammerorchester folgt dem Solisten mit größter Agilität, artikuliert federleicht und setzt mit einem rhythmisch glasklaren Spiel gewandte Akzente. Die jahrelange Zusammenarbeit mit Jean-Jacques Kantorow macht sich in einer stilistisch feinfühligen Gestaltung bemerkbar, die keinen Vergleich mit sogenannten Spezialisten aus dem Lager Alter Musik zu scheuen braucht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Kraus, Joseph Martin: Bratschenkonzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ondine
1
09.04.2012
Medium:
EAN:

CD
761195119327


Cover vergössern

Ondine

The roots of Ondine date back to 1985 when founder Reijo Kiilunen released the very first Ondine album under the auspices of the renowned Finnish Kuhmo Chamber Music Festival. The label's initial mission was to produce one live album at the Festival each season. The fourth album, however, featured Einojuhani Rautavaara's opera Thomas (ODE 704-2), raising major international attention and opening the ground for overseas distribution. Kiilunen, who was running the Festival's concert agency and had begun the recording activity part-time, soon decided to devote himself fully to the development of this new business, producing and editing the first 50 releases himself. Since 2009 the company has been a part of the Naxos Group.

Today Ondine's extensive catalogue includes nearly 600 recordings of artists and ensembles such as conductor and pianist Christoph Eschenbach, conductors Vladimir Ashkenazy, Vasily Petrenko, Mikhail Pletnev, Esa-Pekka Salonen, Hannu Lintu, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Leif Segerstam and John Storgårds, orchestras such as The Philadelphia Orchestra, Orchestre de Paris, London Sinfonietta, Bavarian Radio Symphony Orchestra, BBC Symphony Orchestra, Los Angeles Philharmonic, Russian National Orchestra, Czech Philharmonic, Finnish Radio Symphony Orchestra, Helsinki Philharmonic and Tampere Philharmonic, sopranos Soile Isokoski and Karita Mattila, baritone Dmitri Hvorostovsky and Gerald Finley, violinist Christian Tetzlaff, violist David Aaron Carpenter, cellist Truls Mørk and pianist Olli Mustonen.

The label has also had a long and fruitful association with Finnish composers Einojuhani Rautavaara, Magnus Lindberg and Kaija Saariaho, having recorded the premieres of many of their works and garnering many awards along the way.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Ondine:

  • Zur Kritik... Mit absoluter Innigkeit: Lars Vogt meistert Brahms Klavierkonzert Nr. 1 D-Moll mit der Royal Northern Sinfonia. Dazu 4 Balladen op. 10 in solider Interpretation Weiter...
    (Manuel Stangorra, )
  • Zur Kritik... Test bestanden: Lars Vogt empfiehlt sich für weitere Mozart-Aufgaben. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Konsequente Stilschmelze: Erst Rockstar, dann Solist am Cello im Barockensemble: Genregrenzen überwindet der finnische Komponist Olli Virtaperko, indem er sie sich einverleibt. Weiter...
    (Christiane Franke, )
blättern

Alle Kritiken von Ondine...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Tobias Pfleger:

  • Zur Kritik... Tiefe persönliche Betroffenheit: Das Atos Trio nimmt mit einer glühend intensiven Aufnahme zweier tschechischer Klaviertrio-Meisterwerke für sich ein. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Durchdringung: Das Wiener Klaviertrio eröffnete mit gewohnter Klasse eine neue Reihe der Brahms-Klaviertrios. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
  • Zur Kritik... Geist der Vergangenheit: Masaaki Suzuki nähert sich Strawinskys Neoklassizismus im Geist der Alten Musik. Weiter...
    (Dr. Tobias Pfleger, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Tobias Pfleger...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Herbe Tänze: Marek Szlezer legt beim Label Dux eine der Musik Karol Szymanowskis gewidmete Platte vor, die vor allem Mazurken enthält. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Venedig da Camera: Roland Wilson und seine Musica Fiata mit einem anregend-lebendigen Bild mancher Stimme, die über Monteverdi hinausweist – und der Meister klingt mittendrin. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Auf der Suche nach der rechten Orgel: Jean-Jacques Kantorows Saint-Saëns-Edition mit einem weiteren fulminanten Höhepunkt. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich