> > > Schostakowitsch, Dimitri: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2
Mittwoch, 28. Oktober 2020

Schostakowitsch, Dimitri - Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Glänzende Technik, schillernder Ausdruck


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Valentina Igoshinas Lesart der beiden Klavierkonzerte von Schostakowitsch darf sich neben die Referenzaufnahmen einreihen. Sie überzeugt mit Brillanz und feinem Gespür für die Tiefen und Untiefen dieser ambivalenten Musik.

Zufälle bringen es zuweilen mit sich, dass Aufnahmen derselben Werke in engstem zeitlichem Abstand auf dem Tonträgermarkt erscheinen. Momentan betrifft das zum Beispiel die Klavierkonzerte von Dmitrij Schostakowitsch. Dieser Umstand führt allerdings manchmal dazu, dass der Glanz einer herausragenden Einspielung, vor allem, wenn sie beim Veröffentlichungsdatum die Nase vorn hatte, die nachfolgenden Produktion überstrahlt – auch wenn letztere künstlerisch hochwertig sind. So mag die Strahlkraft der eben bei CPO erschienenen Einspielung der beiden Klavierkonzerte von Schostakowitsch sich womöglich nicht so entfalten, wie es eigentlich verdiente. Das liegt nicht an der Produktion selbst, die auch klangtechnisch in der Tat erstklassig geraten ist, sondern schlichtweg daran, dass Alexander Melnikovs grandiose Aufnahme aus dem Hause Harmonia Mundi noch in frischester Erinnerung ist.

Den Vergleich braucht Valentina Igoshina allerdings beileibe nicht zu scheuen. Gleiches gilt für die Deutsche Kammerakademie Neuss, die unter der Leitung von Lavard Skou-Larsen zu Höchstform aufläuft. Valentina Igoshinas Technik ist über alle Zweifel erhaben: Selbst rasend schnellen Läufen versteht sie, Brillanz, Richtung und Farbe zu verleihen. Von kantiger Härte, knochentrockenen Staccati über dröhnende, geharnischte Akkorde bis hin zu biegsam phrasierten Melodielinien und lyrischen, manchmal fahlen, gläsern kühlen Kantilenen reicht ihre musikalische Differenzierung, sowohl den Anschlag als auch die Charakterisierung der Themen und Motive betreffend. In der Tat scheint hier Licht, Luftdruck, Temperatur – kurz: Atmosphäre ständigen Veränderungen unterworfen: Jede melodische, harmonische, rhythmische Wendung wird in ihrem Ausdruck mit höchster Plastizität ausgestattet. Dadurch geraten die unterschiedlichen stilistischen Ebenen, die Schostakowitsch etwa im Konzert für Klavier, Trompete und Orchester c-Moll op. 35 durcheinander wirbelt, zu größter Prägnanz.

Diese höchst sensible Modellierung jedes Abschnittes, die etwa auch die Temponahme einschließt, führt zu dem Eindruck, dass insbesondere die schnellen Außensätze der beiden Konzerte kleinteiliger wirken als in manch anderen Aufnahmen. Dies ist allerdings kein Nachteil, weil die einzelnen Passagen von hoher Konturenschärfe und Ausdrucksstärke sind. Einer der größten Vorzüge vorliegender Einspielung ist die direkte Folge solch seismographischer Einfühlung der Ausdruckscharaktere: Valentina Igoshina und das äußerst präzise und impulsiv zu Werke gehende Orchester finden eine Fülle an Tonfällen, die zwischen den Extremen – messerscharfer Brillanz und traumverlorener Innigkeit, manischer Überdrehtheit und fahlen Klangflächen – liegen. Nicht selten werden konträre Ausdruckswerte von Klavier und Orchester vermittelt, manchmal sogar gegenteilige Stimmungsnuancen in linker und rechter Hand von Valentina Igoshina mit differenziertem Anschlag ausgelotet.

Die Deutsche Kammerakademie Neuss wirft sich mit höchster Energie auf die Musik, erfüllt sie mit rhythmischer Prägnanz und gestochen scharfer Artikulation. Die Musiker bleiben Schostakowitschs in den Außensätzen wirbelnder Musik nicht die nötige Wildheit schuldig. Doch auch die weiten, elegischen Bögen Mittelsätze zeichnen die Musiker mit eindringlicher Expressivität nach. Dass die Deutsche Kammerakademie Neuss veritable Solisten in ihren Reihen hat, zeigt sich nicht nur im Ersten Klavierkonzert, dessen Trompetenpart von Thomas Hammes übernommen wird. Das Orchester erfüllt seine Aufgaben mit stupender Brillanz, eine Instrumentengruppe herauszuheben wäre ungerecht gegenüber den Leistungen der anderen.

Empfehlenswert macht diese rundum gelungene Aufnahme nicht zuletzt das Werk, das zwischen den beiden Klavierkonzerten erklingt: Schostakowitschs Suite aus der Bühnenmusik zu ‚Hamlet‘ op. 32a aus dem Jahr 1931. Die kurzen Nummern werden von Lavard Skou-Larsen und dem Orchester hinreißend charakterstark geformt. Auch hier ist ein musikalischer Zugriff spürbar, der dem äußeren Anschein der Musik nicht ganz traut, sondern nach den Untertönen forscht. Wenn Forschung zu solchen Ergebnissen führt, kann’s der Hörer zufrieden sein!

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schostakowitsch, Dimitri: Klavierkonzerte Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.04.2012
Medium:
EAN:

CD
761203775026


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Schostakowitsch, Dimitri
 - Klavierkonzert Nr. 1 in C-Moll op. 35 - Allegretto
 - Klavierkonzert Nr. 1 in C-Moll op. 35 - Lento
 - Klavierkonzert Nr. 1 in C-Moll op. 35 - Moderato
 - Klavierkonzert Nr. 1 in C-Moll op. 35 - Allegro con brio
 - Suite aus "Hamlet" op. 32a - Einleitung und nächtliche Streife
 - Suite aus "Hamlet" op. 32a - Trauermarsch
 - Suite aus "Hamlet" op. 32a - Tusch und Tanzmusik
 - Suite aus "Hamlet" op. 32a - Jagd
 - Suite aus "Hamlet" op. 32a - Pantomime und Schauspieler
 - Suite aus "Hamlet" op. 32a - Umzug
 - Suite aus "Hamlet" op. 32a - Musikalische Pantomime
 - Suite aus "Hamlet" op. 32a - Gastmahl


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Dirigent(en):Skou-Larsen, Lavard
Orchester/Ensemble:Deutsche Kammerakademie Neuss
Interpret(en):Igoshina, Valentina
Hammes, Thomas


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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