> > > Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 5: Claudio Abbado, Lucerne Festival Orchestra
Sonntag, 15. September 2019

Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 5 - Claudio Abbado, Lucerne Festival Orchestra

Eine wahre Freude


Label/Verlag: ACCENTUS Music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bruckners Fünfte mit Claudio Abbado und seinem Orchester der Superlative ist nun auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Als im Eröffnungskonzert zum Lucerne Festival 2005 Bruckners Siebte erklang, dürfte man überrascht aufgehorcht haben. Claudio Abbado, der ausgewiesene Mahler-Interpret, widmet sich auch Bruckner? Gewiss: Mit den Wiener Philharmonikern nahm der mittlerweile 78jährige Italiener schon vor Jahrzehnten immerhin fünf Bruckner-Sinfonien auf. Auch die hochtalentierten Musiker des eigens von Abbado gegründeten Gustav Mahler Jugendorchesters durften Bruckners Neunte unter dem antiautoritären Maestro, der sich gerne ‚Claudio‘ rufen lässt, in den europäischen Auditorien wiederholt darbieten. Generell aber hat man Abbado nicht unbedingt mit der oft als quaderhaft brockig empfundenen Musik des Linzer Meisters assoziiert. Das sollte sich allerspätestens im vergangenen Jahr ändern. Abbado und sein hochkarätig besetztes Lucerne Festival Orchestra brachten Bruckners Fünfte derart zum Klingen, wie es sich nicht besser erträumen lässt: ganz und gar nicht ‚sperrig‘, sondern wunderschön lebendig, vorwärtsstrebend, transparent und dabei nie pathetisch auftrumpfend. Der lang ersehnte Mittschnitt der unvergesslichen Konzerte vom 19. und 20. August 2011 am Vierwaldstätter See wurde nun vom Leipziger Label ACCENTUS Music in Koproduktion mit der japanischen Rundfunkgesellschaft NHK und in Zusammenarbeit mit ZDF/ARTE sowie dem Lucerne Festival herausgebracht.

Das große Ganze nach dem Wortlaut der Partitur

Abbados Tempi sind passend gewählt. So entsprechen im Kopfsatz die 'Adagio'-Viertel genau den halben Noten des 'Allegro'-Hauptthemas. Nirgends erfährt der Fluss der Musik störende Stauungen. Fast grelle Kontraste gelingen dem Dirigenten und seinem Orchester bereits zu Beginn der Einleitung eindrucksvoll: Jäh werden schwebende Pizzicato-Linien in der Haupttonart B-Dur von auffahrenden Ges-Dur-Signalen im Unisono unterbrochen, doch nie forciert oder gar brutal. Mit sparsamen und äußerst klaren Gesten reißt Abbado Klangräume auf, die wie verschiedene Welten nebeneinanderstehen. Die Coda bleibt in seiner Interpretation schlank und beredt, so dass der erste Satz, obwohl dessen Ende den Schlusstakten der Sinfonie entspricht, keineswegs auftrumpfend ausklingt.

Wunderbar weich und schwelgerisch ist der Streicherklang im 'Adagio'. Mit der Bezeichnung ‚sehr kräftig, markig‘ (zweite Themengruppe) verlangt Bruckner denn auch kein kantiges Spiel, zumal er die dunkel-weich timbrierte G-Saite für die Geigen vorschreibt. Abbado nimmt diesen Satz tatsächlich alla breve. Die Musik atmet dadurch wunderbar. Auch hier spürt Abbado den tieferen Sinn der Partitur auf, nicht aus Gründen (gar sklavischer) Werktreue, sondern schlichtweg zugunsten musikalischer Sinnhaftigkeit. Und das Orchester geht voller Enthusiasmus mit ihm. Es ist erstaunlich, wie sehr Abbado die Musiker zu inspirieren vermag. Allein schon wegen des durchweg sichtbaren wie hörbaren Musizier-Enthusiasmus ist dieser Filmmitschnitt eine wahre Freude!

Herzenswärme und Noblesse

Ländlerisch-gemütvoll und mit schwungvoller Eleganz erklingt das Scherzo unter Abbados fein gestikulierenden Händen. Der Dirigent verfügt über eine der ästhetischsten Schlagtechniken, die es heutzutage zu bestaunen gibt. Auch die Spielfreude der Musiker ist dank der zahlreichen Naheinstellungen der Kameras gut zu beobachten – und man kann kaum anders, als sich mit ihnen zu freuen. Dem Dirigenten selbst huscht hin und wieder ein Lächeln übers Gesicht.

Die feierlichen Bläserchoräle des Finalsatzes sind voll Schönheit und Kraft, glücklicherweise ohne die oft üblichen Tempoverbreiterungen. Hin und wieder führt Abbado Stille gebietend den linken Zeigefinger zum Mund. Auch der Doppelfuge bleibt jegliches Pompöse verwehrt; die überaus vielschichtige Musik ist hier durchweg transparent. Einmal mehr wird man sich der unglaublich hochkarätigen Bläserbesetzung bewusst: etwa Reinhold Friedrich als erster Trompeter, Alessio Allegrini als Solohornist, Jörgen van Rijen als Stimmführer des Posaunensatzes. Am Ende ist das Podium von Blütenblättern übersät. Das Publikum – darunter sind Maurizio Pollini mit seiner Frau, Pierre Boulez und viele weitere berühmte Persönlichkeiten zu sehen – ist hellauf begeistert. Das Orchester hat die Bühne längst verlassen. Dann aber kommt er, der doch immer im Mittelpunkt ist, wenn auch als primus inter pares, noch einmal auf die Bühne, um mit einer anrührenden Abschiedsgeste den nicht enden wollenden Jubel des Publikums zu empfangen.

Unbedingt empfehlenswert

Diese Produktion ist wärmsten Herzens zu empfehlen. Auch die Klangqualität lässt nichts zu wünschen übrig. Das reich bebilderte Booklet enthält einen einfühlsamen Essay (engl./dt./frz.), der das Singuläre des Eliteklangkörpers herausstreicht und in Beziehung zu den bewunderungswürdigen Fähigkeiten seines Leiters bringt. Das Cover ist liebevoll gestaltet mit einer Mutter-Kind-Ikonographie des Leipziger Malers Michael Triegel. Auch er kommt im Booklet ausführlich zu Wort. Mit überaus klugen, ganz persönlichen Gedanken vermag er die Brucknersche Musik in weit gefasstem Kontext zu sehen. Und über den Dirigenten lässt er verlauten: ‚Für mich scheint sich dieser Dienst an der Idee, diese Freiheit aus einem Übermaß an Können und Wissen bei kaum einem Künstler so zu verkörpern wie bei Claudio Abbado. Er zeigt, dass gründliches Quellenstudium nicht zu einem toten Buchstabenglauben führen muss, wenn es einer aus brennendem Herzen strömenden Idee dient, dass sich Intellektualität und Gefühl, Klarheit und Geheimnis nicht ausschließen müssen.‘ Dem bleibt nichts hinzuzufügen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







Kritik von Johannes Knapp,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 5: Claudio Abbado, Lucerne Festival Orchestra

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
ACCENTUS Music
1
15.05.2013
80:33
2011
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
4260234830255
ACC 20243 (DVD)


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Töne und Bilder aus anderen Welten: Michael Triegel-Gemälde als Cover für Neuveröffentlichung

Claudio Abbado und das LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA sorgten mit ihrer Interpretation von Bruckners 5. Sinfonie 2011 für Furore auf Europas Konzertbühnen. Publikum und Kritiker quittierten die einzigartige Verbindung zwischen diesem Weltklasse-Klangkörper und seinem Maestro mit ausnahmsloser Begeisterung. In seinem 2003 gegründeten Orchester vereint der italienische Dirigent alljährlich renommierte Instrumentalisten der besten Symphonieorchester, Hochschulprofessoren, namhafte Solisten und Kammermusiker. Er schwört sie ein auf sein Ideal des kammermusikalischen Geistes, des aufeinander Hörens und sensiblen Miteinanders und führt sie so zu musikalischen Höchstleistungen.

Bruckners „kontrapunktisches Meisterwerk“, wie der Komponist seine Fünfte selbst bezeichnete, ist das Werk eines verzweifelten, doch tief im christlichen Glauben verwurzelten Menschen. Durchzogen von Kontrasten und Brüchen, weist sie jedoch zugleich eine monumentale Geschlossenheit auf. Die Aufzeichnung vom 19./20. August 2011 aus dem Konzertsaal des Kultur- und Kongresszentrums Luzern ist eine Produktion von ACCENTUS Music in Koproduktion mit der japanischen Rundfunkgesellschaft NHK und in Zusammenarbeit mit ZDF/ARTE sowie dem LUCERNE FESTIVAL. Sie dokumentiert eindrucksvoll, wie Claudio Abbado und seine Spitzenmusiker diese komplexe Partitur in unvergleichlicher Homogenität zum Klingen brachten.

Außergewöhnliche Konzertaufzeichnungen bedürfen einer ebensolchen visuellen Gestaltung: Aus diesem Grund setzt ACCENTUS Music bei seiner aktuellen Veröffentlichung die Zusammenarbeit mit großen Malern der Neuen Leipziger Schule fort, welche 2011 mit Neo Rauch ihren Anfang nahm: Das Cover der DVD- und Blu-ray-Edition von Anton Bruckners 5. Sinfonie schmückt ein Ausschnitt aus dem Bild „Anthropisches Prinzip“ von Michael Triegel.
Mit seinen subtilen Neuinterpretationen der christlichen und antiken Bilderwelt, gemalt im altmeisterlichen Stil der Renaissance, machte Michael Triegel sich einen Namen. Weltberühmt wurde er 2010 als Porträtist von Papst Benedikt XVI. Im Booklet der DVD- und Blu-ray-Edition erläutert der Leipziger Maler seine Beziehung zur Musik Anton Bruckners sowie seine Verehrung für den Künstler Claudio Abbado. „Für mich scheint sich dieser Dienst an der Idee, diese Freiheit aus einem Übermaß an Können und Wissen bei kaum einem Künstler so zu verkörpern wie bei Claudio Abbado. Er zeigt, dass gründliches Quellenstudium nicht zu einem toten Buchstabenglauben führen muss, wenn es einer aus brennendem Herzen strömenden Idee dient, dass sich Intellektualität und Gefühl, Klarheit und Geheimnis nicht ausschließen müssen.“ "


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ACCENTUS Music

ACCENTUS Music wurde 2010 als Produktionsfirma mit einem sehr erfahrenen Team aus Produzenten, Regisseuren, Kameraleuten, Tonmeistern und Cuttern und als gleichnamiges DVD Label auf dem Klassikmarkt gegründet. Die Firma mit Sitz in der Musikstadt Leipzig, unweit der Thomaskirche, produziert weltweit erstklassige Konzertereignisse, Opern sowie Künstlerportraits und Dokumentarfilme. Auf den DVD- und Blu-ray Veröffentlichungen finden sich herausragende Künstler wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim, Evgeny Kissin, Martha Argerich, Riccardo Chailly, Pierre Boulez, Joshua Bell, Lucerne Festival Orchestra, New York Philharmonic und das Simón Bolívar Jugendorchester. ACCENTUS Music erfüllt sowohl künstlerisch wie auch technisch höchste Ansprüche von Klassik-Liebhabern rund um den Globus.


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