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Freitag, 5. Juni 2020

Vivaldi, Antonio - Opernarien

Kultivierte Klangschönheit


Label/Verlag: Glossa
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Roberta Invernizzis Umgang mit ihrer flexiblen Stimme fasziniert in den hier vorgelegten Vivaldi-Arien, die von La Risonanza spritzig begleitet werden.

Antonio Vivaldi ist als Opernkomponist immer noch nicht allzu bekannt, obwohl er seinerzeit für seine Opern nahezu ebenso berühmt war wie für seine Instrumentalmusik, mit der man ihn heute vornehmlich verbindet. Im Instrumentalkonzert hatte er jedoch eine gattungsprägende WIrkung, in der Oper schloss er sich in der Form seiner Werke weitgehend der venezianischen Oper an. Aber auch hier findet sich der typische Vivaldi-Klang mit raschen Tempi, kurzgliedrigen Phrasen und einer sehr instrumental geprägten Motivik. Letzteres ist vielleicht das markanteste Kennzeichen seiner Vokalkompositionen, das gleichermaßen den besonderen klanglichen Reiz wie die herausragende Schwierigkeit für die menschliche Stimme ausmacht.

Für die vorliegende Aufnahme hat man eine breite Auswahl der Bravour-Arien aus Vivaldis Opern getroffen, darunter auch zahlreiche Kastraten-Arien und Arien mit obligaten Instrumenten, die oftmals eine besondere Atmosphäre in dem Stück unterstreichen. Roberta Invernizzi ist längst kein Geheimtipp mehr. In der italienischen Barockmusik-Szene ist die Sopranistin eine feste Größe. Ihre Stimme vereint große Klarheit und Leichtigkeit mit dramatischer Ausdruckskraft. Sie ist somit eine ideale Interpretin barocker Opern, doch freilich auch darüber hinaus. Was die Sopranistin in besonderer Weise auszeichnet, ist die konsequente Kultiviertheit im Umgang mit ihren stimmlichen Fähigkeiten. Dramatische Exzesse oder furiose stimmliche Wutausbrüche à la Cecilia Bartoli (wobei diese bei deren höchst energetischer Stimme durchaus reizvoll sind) sucht man bei Roberta Invernizzi vergebens. Sie singt ausdrucksstark, schafft die gesamte emotionale Palette musikalisch darzustellen, wird dabei aber niemals affektiert oder übertrieben. Stets bleibt ihr Timbre in allen Registern ausgeglichen und rund - der ästhetisch makellose Klang bleibt oberstes Ideal.

Umso beeindruckender ist die Vielfalt der Schattierungen, mit der ihre Stimme zwischen Zartheit und wütender Kraft changieren kann. Das Vibrato setzt Invernizzi sehr bewusst ein und wandelt damit ihren Stimmklang von dramatisch-schmetternd bis ätherisch und kühl ohne jedes Vibrato. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Arie 'Leggi almeno', in der die Interpretin durch eine vibratofrei geführte Stimme die lähmende Verzweiflung der Situation darstellt. Nur an den wenigen Stellen des Textes, inbesondere im B-Teil der Arie, der eine emotional-bewegtere Atmosphäre hat, lässt sie auch die Stimme mehr schwingen. Einen wärmeren, aber dennoch zarten Klang erzeugt sie in der Arie 'Tu dormi in tante pene', die sie überwiegend im Piano singt und das Vibrato zurückhaltend durchdringen lässt. In Kontrast dazu stehen wütende Arien wie 'Gelosia, tu già rendi': In einer rasenden Koloratur schraubt sich die Singstimme in die Höhe, um dann schrittweise, aber kraftvoll colla parte mit dem Orchester zur Kadenz hinab zu steigen.

Technisch singt Roberta Invernizzi fabelhaft und das, obwohl einige Arien wahrlich eine stimmliche Tour de force sind. Jede kleinste Note wird auch in sehr schnellem Tempo sorgfältig behandelt. Die Sängerin artikuliert klar und phrasiert musikalisch absolut stimmig, geradezu natürlich. Ein Paradebeispiel für eine Kastraten-Arie ist 'Da due venti il mar turbato'. Was die Fähigkeiten der Kastratenstimme auszeichnete, nämlich der große Umfang und der abrupte Wechsel zwischen extrem hohen und tiefen Lagen, ist für eine Sängerin die größte Herausforderung. Invernizzi meistert den ständigen Wechsel zwischen den Registern bravourös. In jener Arie, und mehr noch in 'Fra le procelle del mar turbato', zeigt sich die instrumentale Motivik Vivaldis, wenn die Singstimme Passagen aufweist, die ebenso gut in seinen Violinkonzerten zu finden sind - Arien, die man technisch überhaupt nur überzeugend interpretieren kann, wenn man sie auch musikalisch durchschaut. Ein einziger Moment, in dem die Stimme der Sopranistin auf den hohen Staccato-Tönen etwas zu viel Härte bekommt, findet sich im Da-capo der Arie 'Combatta un gentil cor'. An dieser Stelle mag dies Absicht gewesen sein; das Ergebnis klingt jedoch etwas angestrengt - im Vergleich zum Rest der Aufnahme.

Das Ensemble La Risonanza unter der Leitung des erfahrenen Cembalisten Fabio Bonizzoni musiziert spritzig und mit viel Energie, wobei man sagen muss, dass dies bei der Interpretation von Vivaldis Werken mittlerweile schon zum guten Ton gehört. Die Musik ist temperamentvoll, fast schon hitzig; und selbst in den langsamen Sätzen und Arien herrscht unter der Oberfläche eine prickelnde Spannung. Diese verleitet schnell zu einer allzu exzentrischen Interpretation. La Risonanza fängt diesen Grundcharakter gut ein, musiziert luftig und doch präzise. Aber auch hier wird die Grenze zum Übertriebenen nie überschritten. Solistin und Ensemble passen mit ihren musikalischen Ideen hervorragend zusammen. Das Ensemble ist sehr schlank besetzt - ein Opernorchester zu Vivaldis Zeiten wäre wahrscheinlich etwas umfangreicher gewesen -, was aber sehr gut mit der Stimme der Sopranistin harmoniert. Der Exot unter den eingesetzten Instrumenten ist die in Vivaldis Vokalmusik immer wieder verwendete Viola d'amore: Ihr etwas näselnder, gedämpfter Klang dient hervorragend dazu, eine ätherische, traumhafte Stimmung zu erzeugen, wozu sie auch in der Arie 'Tu dormi in tante pene' eingesetzt wird. Sie steht als obligates Instrument wie eine zweite Singstimme neben der von Roberta Invernizzi, die ihrerseits sensibel genug ist, ihre Stimme so weit zurückzunehmen und zarter klingen zu lassen, so dass sie den fragilen Klang der Viola nicht überdeckt. Es wurde in einer angenehmen Akustik aufgenommen, die, obwohl man in einer Kirche einspielte, nur über wenig Hall verfügt; die Aufnahme ist klanglich klar und gut ausbalanciert.

Das Booklet ist vergleichsweise üppig gestaltet: Man findet viele ansprechende Fotos der Sopranistin und der Aufnahmesitzungen sowie einen einleitenden Text zu den Werken und biographische Notizen der Sängerin in fünf Sprachen. Auch die Arientexte sind in vierfacher Übersetzung vorhanden, es fehlen lediglich nähere Informationen zum Instrumentalensemble. Die CD ist ein gelungenes Portrait der Sopranistin, das die Bandbreite ihrer Fähigkeiten angemessen zur Geltung bringt und eine andere Art der Vivaldi-Interpretation zeigt: überaus geschmackvoll, in allen Details stimmig und trotzdem quicklebendig. Alles in allem eine sehr gut gelungene Aufnahme, der gleichermaßen das Beste von Vivaldis Opernarien wie auch von Roberta Invernizzis Interpretationen zu präsentieren gelingt.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Silvia Bier Kritik von Silvia Bier,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vivaldi, Antonio: Opernarien

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Glossa
1
01.05.2012
Medium:
EAN:

CD
8424562229013


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Glossa

Spaniens renommiertestes Klassiklabel wurde 1992 von Carlos Céster und den Brüdern José Miguel und Emilio Moreno gegründet. Sein "Hauptquartier" hat es in San Lorenzo del Escorial in den Bergen nahe Madrid. Zahlreiche herausragende Künstler und Ensembles aus dem Bereich der Alten Musik (z.B. Frans Brüggen und das Orchestra of the 18th Century, La Venexiana, Paolo Pandolfo, Hervé Niquet und sein Concert Spirituel u.v.a.) finden sich im Katalog des Labels. Doch machte GLOSSA von Anfang an auch wegen der innovativen Gestaltung und Produktionsverfahren von sich reden. Zu nennen wären hier die Einführung des Digipacks auf dem Klassikmarkt und dessen konsequente Verwendung, der Einsatz von Multimedia Tracks oder die Platinum-Serie mit ihrem avantgardistischen Design. Innerhalb der vergangenen knapp zwei Jahrzehnte konnte GLOSSA so zu einem der interessantesten Klassiklabels auf dem Markt avancieren. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt auch dem Spiritus rector und Gesicht des Labels, Carlos Céster.


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