> > > Barna-Sabadus, Valer: Café: Werke von Lully, Vivaldi u.a.
Samstag, 21. September 2019

Barna-Sabadus, Valer - Café: Werke von Lully, Vivaldi u.a.

Eine interkulturelle musikalische Entdeckungsreise


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Pera Ensemble und Valer Barna-Sabadus, ein aufsteigender Stern am Counter-Himmel, haben eine bunte, spritzig musizierte Zusammenstellung osmanischer und abendländischer Musik der Barockzeit eingespielt.

Im Mittelpunkt des Programms dieser CD steht der Kaffee, den der osmanische Gesandte Soliman Aga 1669 nach Paris mitbrachte, womit er eine Welle der Begeisterung für die morgenländische Kultur in Europa auslöste. Dieses Phänomen ist bekannt unter der Bezeichnung ‚Turquerie‘ und hat nicht nur kulinarische Vorlieben der Europäer geprägt, sondern auch für gut ein Jahrhundert zahlreiche Kunstwerke inspiriert, wofür Mozarts 'Entführung aus dem Serail' sicherlich das prominenteste Beispiel ist.

Auf ‚Café‘ finden sich neben originalen Kompositionen aus dem Osmanischen Reich Stücke europäischer Barockkomponisten, in welchen stilistische Mittel der ‚türkischen Musik‘ imitiert werden, sowie Musik, die zwar keinen offensichtlichen Bezug zum Orientalischen aufweist, aber Idiom und Gefühlswelt der Barockzeit widerspiegelt. Letzteres, so wird dem Leser im Booklet erklärt, bezog seine Lebensfreude und Sinnlichkeit aus der anregenden Wirkung des Kaffees. Dass diese steile These, welche die Schlüssigkeit der programmatischen Zusammenstellung verteidigen soll, ein wenig plakativ (und eindimensional) erscheint, tut der Qualität der CD jedoch keinen Abbruch und ist im Grunde auch gar nicht notwendig, denn die Aufnahme überzeugt auf ästhetischer Ebene ohnehin. Davon abgesehen ist das Booklet vorbildlich informativ und konzise gestaltet.

Die Mitglieder des Pera Ensembles unter der Leitung von Mehmet C. Yeşilçay sind Spezialisten für europäische und osmanische Alte Musik; vor ‚Café‘ haben sie bereits mehrere Aufnahmen mit weltlicher und geistlicher Musik aus beiden Kulturen veröffentlicht. Die Interpretation des Ensembles basiert auf fundierten musikwissenschaftlichen Forschungen, was sich in einer ausgefeilten, stilgerechten Interpretation niederschlägt: Die Möglichkeiten der barocken Dynamik werden differenziert ausgenutzt und die Tempogestaltung sowie Phrasierung sind wohlbalanciert gestaltet. Das Ensemble musiziert mit Präzision und Verve.

Die Besonderheit dieser Aufnahme besteht in ihrer Instrumentalbesetzung. Yeşilçay gelingt in seinen Arrangements der eingespielten Stücke eine gut abgestimmte Kombination europäisch-barocker mit traditionellen türkischen Instrumenten, ohne dass er eine grundlegende stilistische Verfremdung vornehmen würde. Im Resultat erzielt das Ensemble damit ein exotisch-frisches Klangergebnis, auch der abendländischen Kompositionen auf der CD. Daher erweist sich ‚Café‘ durchaus als eine Bereicherung des – bereits reichlich vorhandenen – Angebots an Barockmusikeinspielungen auf dem Plattenmarkt.

Einen weiteren Pluspunkt bringt das Engagement des jungen Countertenors Valer Barna-Sabadus, der sicherlich das Potential dazu hat, einmal einen ähnlichen Status wie Philippe Jaroussky zu erlangen. Seine schlanke, ätherische Stimme strahlt eine Natürlichkeit und Leichtigkeit aus, die etlichen Countertenören fehlen. Er überzeugt weiterhin durch souveräne Atemführung und virtuose Koloraturtechnik sowie stilsicheres interpretatorisches Können. Gesangsstil und das erdige Timbre der traditionellen orientalischen Sängerin Yaprak Sayar bilden zunächst einen Kontrast zu den brillant-leuchtenden Höhen Barna-Sabadus‘, aber in den tieferen Lagen mischt dieser seinem Stimmklang einen dunkleren Einschlag bei, der nicht zuletzt dazu beiträgt, dass die Stimme ihre eindringliche Wirkung entfaltet. Das einzige Duett der CD, Händels 'No, no, ch’io non' aus 'Agrippina', gerät daher zu einer besonderen Erfahrung musikalischer Klangfarbenmischung.

Der Repertoirewert von ‚Café‘ besteht nun weniger in der Einspielung hierzulande recht unbekannter osmanischer Hofmusik – diese Stücke werden eher eingestreut zwischen Klassiker des abendländischen Barocks – als vielmehr im sinnlichen Erlebbarwerden barocker höfischer Kultur. Die CD enthält in Musik gebannte und durch Musik entfesselte Lebensfreude – am besten genießt man sie zusammen mit einer Tasse duftenden Kaffees.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Johanna Schubert,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Barna-Sabadus, Valer: Café: Werke von Lully, Vivaldi u.a.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
1
11.05.2012
Medium:
EAN:

CD
885470004006


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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