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Mittwoch, 1. Dezember 2021

Aria di Camera - A Choice Collection of Scotch & Irish Songs

Schottische Volksmusik im Barockkleid


Label/Verlag: VDE-Gallo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Platte des französischen Ensembles Le banquet d'Apollon ist ein klangsinnlicher bikultureller Drahtseilakt.

Durch die Vereinigung von Schottland und England im Jahr 1707 verlor die ehemals schottische Hauptstadt Edinburgh einen Großteil ihres politischen Einflusses, jedoch nicht ihren kulturellen Glanz. Der politische Machtverlust sollte möglichst schnell durch die kulturelle Ausstrahlung der Stadt kompensiert und damit das heimatliche Nationalgefühl bewahrt werden. Mit der Übersetzung noch unbekannter gälischer Literatur ins Englische schuf der Poet Allan Ramsay die Grundlage der Verbreitung schottischer Liedtexte in Großbritannien, was zu zahlreichen Veröffentlichungen von Liedersammlungen führte. In einem 1721 verfassten Schreiben an die englische Musikgesellschaft sprach sich der begnadete Visionär zudem für einen neuen Musikstil "Scots drawing room style" aus, welcher auf eine Verschmelzung schottischer Volkslieder mit italienischen Stilelementen hinauslief und bald darauf bei vielen schottischen und italienischen Komponisten gleichermaßen auf Neugier stoß und zum Komponieren anregte.

Das fünfköpfige Ensemble Le banquet d’Apollon, 2001 von Francois Mützenberg (Flöte, Schalmei, Sackpeife, Maultrommel) gegründet, widmet sich auf dieser Platte der Interpretation, Aufbereitung und Vorstellung dieses noch recht unbekannten Repertoires aus schottischer und italienischer Klangkunst. Dabei wird es selbst zum Teil der Vermischung europäischer Kulturtraditionen, indem es sich zum Beispiel des eigenen französischen Instrumentariums bedient (so wird beispielsweise eine Musette de cour, eine französische Sackpfeife, statt eines schottischen Dudelsacks verwendet). Die Stücke stellen eine Amalgam von traditionellen pentatonischen Melodien, dem Bourdon schottischer Volksliedkultur und den fortlaufenden italienischen Akkordfolgen, Harmoniereihungen und Generalbass der italienischen Barockmusik dar.

Gleich zu Beginn der Platte wird der Hörer mit dem symbolhaften Titel 'The Bonny Bunch of Roses' atmosphärisch in die schottische Natur voller verschlafener Hügellandschaften entführt, in der die Flöte einsam, aber lebendig wie ein Vogel über dem sanften Bordun der Erzlaute flattert als wolle sie den Sonnenaufgang einläuten. Im zweiten Teil der Komposition wird der verharrende Bordunnebel nun langsam aufgebrochen und lässt die strahlende Basslinie der Gambe zum Vorschein kommen, über der die Flöte ihre Triller auspackt, und plötzlich klingt alles viel wärmer und italienischer. Nach einem amüsanten, schnarrenden Intro der Maultrommel und der koketten Interpretation der Sängerin in 'My Jo Janet', einer satirischen Szene über das Eheleben zwischen Frau und Mann, begleitet von Gambe und Laute, dürfte wohl kaum ein Schmunzeln verborgen bleiben. Mit stimmlicher Flexibilität, hüpfender Leichtigkeit der Melodie der Ehefrau bis hin zum spöttischen, tieferen Gesang des Ehemannes, begleitet durch kräftige Akkordschläge der Laute, lässt die Sängerin das Dialoglied zum Ohrwurm werden.

Mit 'Mrs. MacDonald of Clanrannald’s Reel', 'Miss Sarah Drummond of Perth', 'Mount your Baggage', 'Lawers House' und 'Dunkeld House' folgen daraufhin fünf rein schottische Flötenkompositionen des Komponisten Niel Gow, welche typisch lebhafte Jigs und Reels darbieten. Flötist Mützenberg meistert die nicht enden wollenden Sechzehntelketten der Reels mit höchster technischer Perfektion und zugleich einer gewissen Natürlichkeit und Gemütlichkeit in Pub-Atmosphäre, unterstützt von Laute und Perkussion. Die beiden auf der Platte (leider nur rein instrumental) vertretenen italienischen Komponisten Francesco Barsanti ('Broom of Cowden knows', 'Thro‘ the Wood Laddie', 'Sonata III') und Francesco Maria Veracini ('Sonata IX') blieben vorsichtiger und ihrer angestammten Form der Sonate treu, bedienten sich jedoch an der Schönheit schottischer Volksmelodien. In der viersätzigen Flötensonate Veracinis auf dieser Platte zeigt sich, dass sich die süßlich und naiv anmutenden schottischen Volksmelodien fast natürlich in das fortschreitende, harmonische Gerüst aus Kadenzen und den Generalbass italienischer Sonatensätze einbinden lassen. So wird im gesanglichen 'Scozzese. Un poco Andante et Affettuoso' der Sonate ein für Schottland typisches pentatonisches Hauptthema motivisch verarbeitet, welches Flötist Mützenberg zugleich aber wieder mit eleganten, italienischen Verzierungen wie Trillern und Vorhalten versieht.

Mit dem Stück 'Lord Gallaway’s Lamentation', einer Komposition Daniel Wrights, auf dessen Liedersammlung aus dem Jahre 1731 der Plattentitel "Aria die Camera - A Choice Collection of Scotch & Irish Songs" Bezug nimmt, endet die Platte mit einem melancholischen Flötensolo in typisch schottischer Manier und bildet damit einen schönen Rahmen und Kontrast zum erweckenden Flötengesang des Anfangsstückes. In geschmackvollen Gesangslinien kreist die Flöte hier noch einmal sehnsüchtig über dem eigenen Bordunton und spielt sich in die Herzen der Zuhörer, bevor sie in der einsamen Stille versinkt.

Die Grenzen zwischen schottischer und italienischer Kompositionskunst bleiben auf dieser Platte relativ deutlich identifizierbar, lassen aber gerade deswegen die kleinen musikalischen Momente der Beeinflussung erkennen und prüfen zuweilen die Vorstellungskraft des Hörers. Da wirkt das schottische Klagelied der Ehefrau um ihren zu Unrecht gehängten Mann ('Gilderoy') plötzlich wie eine leidenschaftlich gesungene italienische Arie der Primadonna, und die Gavotte der Flötensonate Francesco Barsantis lässt stellenweise einen schottischen Reel erkennen, wären da nur nicht die Quintfallsequenzen der Gambe. Das Konzept der Platte ist vielversprechend und zeigt den Erfolg einer kulturellen Verschmelzung und gegenseitigen Befruchtung zweier unterschiedlicher Kulturen. Des Weiteren überzeugen die Interpreten mit einer hohen Flexibilität durch den Einsatz der verschiedensten Instrumente und dem einfühlsamen Interpretationsvermögen der unterschiedlichen Idiome zwischen schottistischem Volkslied und italienischer Sonate.

Mit ihrem zarten und klaren Sopran verleiht Sängerin Gisel Rime den schottischen Liedern des Komponisten William Thompson auf dieser Platte zudem eine sehr jugendliche und frische Note. Der arbeitsintensive und kreative Prozess aus Interpretation, Arrangement und Transposition für das eigene Instrumentarium, dem Hinzukomponieren fehlender Stückteile und Intros und dem Verweben weiterer Zusatzstimmen für eine höhere Klangvielfalt zeigen das kreative Engagement und die Leidenschaft des Ensembles.Das macht neugierig auf weitere Projekte.

Im gut gelungenen Booklet, das außerdem englischsprachige Liedtexte enthält, wird der Hörer ausführlich in den historischen Kontext eingeweiht und erhält viele Informationen bezüglich des Projekts.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Nicole Overmann Kritik von Nicole Overmann,


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    Aria di Camera: A Choice Collection of Scotch & Irish Songs

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
VDE-Gallo
1
21.03.2012
Medium:
EAN:

CD
7619918132920


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VDE-Gallo

VDE-GALLO Records is a small Swiss company located in Lausanne which is specialized in the recording, the production and the distribution of compact discs. VDE-GALLO Records offers one of the best WORLD MUSIC Collections.
Several CDs and the ethnographic collection also received many awards like LASER D'OR or CHOC MUSIQUE and the International Prize Charles Cros of Paris.
With more than 42 years activity, VDE-GALLO Records owns more than 1300 interesting productions and a beautiful CLASSICAL Catalogue with many first recordings.


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