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Montag, 14. Juni 2021

Rousset, Christophe spielt - Werke von Marchand & Rameau

Zwei Franzosen


Label/Verlag: Ambronay Editions
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Marchand & Rameau, in ihren Charakteristika von Christophe Rousset sehr kundig auf einem Donzelague-Cembalo von 1716 vorgestellt.

Es ist nicht so sehr angenehm, wenn man als Künstler hauptsächlich als ‚bad boy’ in einer amüsanten Anekdote überliefert ist, wenn auch mit womöglich zweifelhaftem Wahrheitsgehalt. So erging es dem Franzosen Louis Marchand (1669-1732), mutmaßlich jenem reisenden Cembalovirtuosen, der im Jahr 1717 vor dem von ihm selbst ausgerufenen Wettstreit mit Johann Sebastian Bach am Dresdner Hof das Weite gesucht und dem zugegeben genialen Bach das Feld überlassen haben soll, nachdem er diesen beim Üben hörte.

Ob wahr oder nicht, es gibt auch einen anderen Louis Marchand, einen ausweislich seiner auf der vorliegenden Platte von Christophe Rousset eingespielten Suiten fantasiebegabten Tonsetzer. Marchand zeigt sich bei aller formalen Freiheit überwiegend streng in der affektiven Kontrolle, umgibt diese Sphäre aber zugleich mit quasi allgegenwärtig surrenden Verzierungen, die den Eindruck der Strenge spielerisch mildern. Mancher der raschen Sätze gewinnt in kraftvollerer Geste schon emotionalere Töne, entfaltet fein parfümiertes Temperament. Etliche der langsamen Sätze wirken dagegen in ihrer metrischen Relativität und mit dem üppigen Zierrat wie improvisiert. Marchand begegnet uns als Exponent des älteren französischen Cembalo-Stils, ist in den präsentierten Werken zugleich schon auf einem individuellen Pfad unterwegs.

Auch wenn sich beider Lebenswege kreuzten, fällt der stilistische Wechsel zur anschließend von Rousset gespielten frühen Suite aus der Feder Jean-Philippe Rameaus (1683-1764) deutlich aus: Der später durchgreifend wirksame Theoretiker demonstriert schon in dieser Suite seinen modernen, harmoniebasierten Ansatz auf dem Boden der traditionellen Suitenform. Das wirkt im Ergebnis klarer, direkter, zeitigt schärfere Kontraste, auch bedingt durch deutlich weniger vermittelnde Verzierungen. Rameaus kompositorisches Prinzip lässt die einzelnen Stimmen klar hervortreten und zugleich zwingender Teil des harmonischen Gefüges sein. Das führt nicht selten zu strukturalistischen Effekten und lässt Rameaus Musik dicht und durchdacht wirken. Einzelne melodische Verläufe gewinnen – seien sie auch noch so gelungen – nie die absolute Oberhand. Ein deutliches Kontrastprogramm zum satztechnisch entspannteren Komponieren Marchands also.

Kundiger Stilist

Christophe Rousset arbeitet diese charakteristischen Differenzen in seinem luziden Spiel klar heraus. Dabei bewegt er sich geduldig im durchaus schwierigen Gefüge Marchands, kann dessen oft abgezirkelte Affekte aber nicht nur mit spieltechnischer Perfektion abbilden, sondern lässt sie in den formalisierten Sätzen immer wieder beweglich werden und bewahrt das Geschehen souverän vor drohender Erstarrung. Neben dem technischen Vermögen überzeugt Roussets Spiel auch stilistisch und ästhetisch, bringt er auch die für eine gelungene Interpretation der Rameau-Suite erforderliche nüchterne Kühle ein. Und auch die für das französische Repertoire jener Epoche unerlässliche Fähigkeit zur artikulatorischen Differenzierung steht Rousset in reichem Maße zu Gebote.

Zudem bringt er das bemerkenswerte Instrument überlegen zur Geltung: Rousset spielt auf einem zweimanualigen Cembalo des Lyoner Instrumentenbauers Pierre Donzelague, das im Jahr 1716 entstand, nur ein Jahr, nachdem Rameau die Stadt in Richtung Paris verlassen hatte. Da Donzelague und Rameau befreundet waren und ähnliche musikalische wie instrumentenbauliche Vorstellungen teilten, können wir davon ausgehen, mit diesem fast komplett unverändert überlieferten Instrument einen grundsätzlich originalen Klangkörper zu erleben. Das Cembalo zeigt sich sehr klar disponiert, die Register wirken harmonisch, vor allem die kontrastreichen Bässe und die gleichfalls kräftige Mittellage liefern deutliche Konturen, während die Höhen etwas schmaler ausgebaut sind. Jedenfalls geht dem Instrument alles Weiche und Unklare ab, zeigt es sich in bemerkenswerter Kraft und Größe, damit ein durchaus individuelles Ausrufezeichen setzend.

Das technische Klangbild ist klar und plastisch, wirkt konzentriert und ausgewogen. Dabei scheint es aber zu direkt und zu exklusiv konzipiert, ist die räumliche Wirkung – auch in kammermusikalischem Maßstab – etwas zu eng geraten. Im wie immer bei Ambronay noblen Booklet informieren knappe, aber pointierte Texte in drei Sprachen zu Werken, Instrument und Künstler. Dazu ist die bildliche und grafische Gestaltung durchgehend sehr schön und auch konzeptionell ambitioniert.

Mag Marchand auch seinerzeit vor Bachs übermächtigen Fähigkeiten als Tastenvirtuose geflohen sein – ein durchaus seriöser und interessanter Komponist ist er in jedem Fall dennoch gewesen. Das zeigt Christophe Rousset in diesem kontrastreichen, durch die ästhetischen Schattierungen so interessanten Programm sehr deutlich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rousset, Christophe spielt: Werke von Marchand & Rameau

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Ambronay Editions
1
20.04.2012
Medium:
EAN:

CD
3760135100323


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Ambronay Editions

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