> > > Aperghis, Georges: Contretemps für Sopran & Ensemble
Donnerstag, 11. August 2022

Aperghis, Georges - Contretemps für Sopran & Ensemble

Schelm und Magier


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Klanglich exquisites Album eines unkonventionellen Klangfantasten mit ungewöhnlichen, oft das Dramatische betonenden musikalischen Strukturen.

Der französisch-griechische Komponist Georges Aperghis (geboren 1945) ist ein Sonderfall unter den Komponisten Neuer Musik. Er lässt sich so recht keiner Schule, Richtung oder Ideologie zurechnen. Auch auf der neuen Kairos-CD zeigt er sich wieder als verspielter Brachialberserker, als augenzwinkernder Fantast mit einer Vorliebe für dunkle Frequenzen. Alle vier versammelten Stücke sind ‚typische‘ Aperghis-Kompositionen: scharfe, voluminöse, dem Hörer geradezu ins Gesicht springende, aber nie fette Klänge, die eine merkwürdige, jederzeit spürbare Dezenz vor dem Abrutschen ins formlose Chaos bewahrt.

Das spannendste Stück ist das 2007 entstandene 'Parlando' eine nachgerade überwältigende Orgie für Kontrabass-Solo. Uli Fussenegger lässt sein Instrument flüstern und schreien, singen, knirschen und kratzen und arbeitet ein weiteres verbindendes Element von Aperghis‘ Musik unaffektiert heraus: das spielerische Annehmen von flüchtigen, stets auf Archetypen gerichteten Erzählhaltungen. 'Parlando' wird so zum inneren Monolog mit Appellstruktur, aufregend und anregend, aber nie penetrant und mit jenem Schuss (Galgen-)Humor, der fast ein Markenzeichen dieses ungewöhnlichen Musikers ist.

Fussenegger ist Mitglied des Klangforums Wien, das die anderen drei Kompositionen eingespielt hat. 'Contretemps' (2005/06) ist eine lebensfrohe Studie schillernden Wahnsinns. Partner des Orchesters ist hier die Sopranistin Donatienne Michel-Dansac, die vom fast maschinellen Sprechen über leicht nebligen Diseusenton bis in die höchsten klassischen Höhen ein gewaltiges Ausdrucksspektrum zu bewältigen hat. Alles klingt unangestrengt und sehr präzise. Dabei wird die Sängerin, höchst ungewöhnlich bei Aperghis, stets von hohen Flöten-, Geigen-, oder Oboentönen begleitet oder eingeschlossen. Das relativ moderat beginnende Stück sucht im gut zwanzigminütigen Verlauf zunehmend Extreme auf – auf fast jeder denkbaren Ebene, gestaltet so ein Außer-sich-Sein mit und durch Reizüberflutung ganz nah am Puls der Zeit. 'Contretemps' gewinnt unter der Leitung Enrico Pomaricos eine derartige Intensität, dass man sich diese Musik trefflich als Grundlage für Musik- oder Tanztheater vorstellen kann. Inhaltliche und Klangd-Damaturgie sowie Klangsinnlichkeit sind fast im Übermaß vorhanden und schwingen stets im Gleichgewicht.

Pomarico dirigiert ebenfalls 'Teeter-totter', das die CD beschließt, oder besser: auslaufen lässt. Von der Atmosphäre – wohl verstanden: nicht von der Klangarchitektur – her ergibt sich eine leichte Nähe zur Minimal Music. Das Stück für zwölf Musiker klingt leichtgewichtiger, harmonischer, weniger dramatisch, trotz bedeutenden Anteils von Percussion, ein wenig ‚Chill-out-Music‘ für Fortgeschrittene. 'SEESAW' hingegen rüttelt zu Beginn gleich kräftig auf, mit wüst hämmerndem Klavieren, die sich immer wieder zu Wort melden und rebellisch ihren Herrschaftsanspruch anmelden. Ansonsten hinterlässt diese von Sylvain Cambreling vielleicht ein wenig sachlich zubereitete Komposition den schwächsten Eindruck auf der CD. Die Orchesterklänge prägen sich nicht wirklich ein, bleiben, Schleier, Folie, aber man erfährt nicht recht, wofür.

Die klangliche Gestalt des Albums ist exzeptionell und war sicher nicht leicht herzustellen. Das Klangideal bei Aperghis kann vielleicht als unmögliche Mischung aus kompaktem Block und flüchtigem Lüftchen beschrieben werden. Die CD klingt jederzeit durchhörbar, aber nie weich oder glatt. Der vor Lebenslust platzende Schelm Aperghis erhält genauso viel Raum wie der minuziös disponierende Klangmagier.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Aperghis, Georges: Contretemps für Sopran & Ensemble

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Kairos
1
20.04.2012
Medium:
EAN:

CD
9120010281853


Cover vergössern

Kairos

Der unwiderstehliche Klang der Neuen Musik.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...
Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

  • Zur Kritik... Faszinierende Klangwelten : Stille und Nicht-Stille Weiter...
    (Michael Pitz-Grewenig, )
  • Zur Kritik... Make sound great again: Mit der CD 'Gravity's Rainbow' mit Kompositionen des Schweizers Michael Pelzel legt der Kairos-Verlag eine interessante, klangvolle Aufnahme vor, die am Ende viele Fragen offenlässt. Weiter...
    (Jonas Springer, )
  • Zur Kritik... Kontrast und Komplement: Diese Doppel-CD dokumentiert die Künstlerfreundschaft des Amerikaners Roger Reynolds mit dem legendären Irvine Arditti. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Andreas Falentin:

  • Zur Kritik... Archaisch wild: Aulis Sallinens grandios eingespielte vierte Oper 'Kullervo' ist nichts für labile Naturen. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
  • Zur Kritik... Wortmächtig: Honeggers 'Roi David' ist eine interessante Rarität, bei deren Wiedergabe die gesprochene Sprache die gesungene dominiert. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
  • Zur Kritik... Eigenständig: Die Neuen Vokalsolisten Stuttgart bieten so außergewöhnliche wie eigenwillige experimentelle Vokalmusik – und noch dazu grandios gesungen. Weiter...
    (Andreas Falentin, )
blättern

Alle Kritiken von Andreas Falentin...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Noch immer avanciert: Das Chorwerk Ruhr und die Bochumer Symphoniker präsentieren Musik von Stockhausen und Kagel mit Überzeugung und Vermögen – als noch immer relevante Positionen und kennenswerte Etappen musikalischer Entwicklung. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Mehr Fanny als Felix: Eine verdienstvolle Doppel-CD stellt das Liedschaffen der Schwester Mendelssohn in den Vordergrund. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Seltene Kammermusik eines Vokal-Komponisten: Anna Augustynowicz spielt mit ihrer Barockgeige eine selten aufgeführte, jedoch hörenswerte Musik, ausgezeichnent unterstützt vom Ensemble Giardino di Delizie. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7-8/2022) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich