> > > Gilse, Jan van: Sinfonie Nr. 3
Dienstag, 12. November 2019

Gilse, Jan van - Sinfonie Nr. 3

Gigantisches Tongemälde aus Holland


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nach langer Wartezeit erscheint bei cpo die zweite CD mit Orchestermusik von Jan van Gilse, diesmal mit seiner an Mahler erinnernden Dritten Symphonie.

Wer die Hoffnung schon aufgegeben hatte, dass cpo nach den Symphonien Nr. 1 und 2 auch die beiden anderen Symphonien des Niederländers Jan van Gilse (1881–1944) herausbringen würde, darf sich nun freuen. Vier Jahre hat es gedauert, doch jetzt liegt die Dritte Symphonie in D-Dur mit dem Untertitel 'Erhebung' auf CD vor. Es ist nicht nur der Titel des in den Jahren 1906/07 komponierten Werkes, der den Hörer an Gustav Mahler (insbesondere an dessen Zweite, die ‚Auferstehungs-Symphonie‘) denken lässt – auch die Verwendung einer Sopranstimme in zwei Sätzen des Werkes legt diesen Vergleich nahe. Doch van Gilse war kein reiner Mahlerianer; seine musikalische Fantasie nahm weitere Anregungen jener Jahre auf: Die Instrumentationskunst eines Richard Strauss hat hier ebenso Spuren hinterlassen wie Max Regers farbige Harmonik. Wiederum an Mahler erinnern die gewaltigen Dimensionen der Symphonie: Die fünf Sätze erstrecken sich über 63 Minuten Spieldauer, alleine der Finalsatz dauert knapp 22 Minuten. Wie schon bei der ersten van Gilse-CD dirigiert David Porcelijn das Niederländische Symphonieorchester, die Sopranistin ist Aile Asszonyi. Die Einspielung entstand schon 2009 im Musikzentrum Enschede.

Der niederländische Tondichter hat hier das viersätzige Symphonieschema nicht gänzlich aufgegeben, aber erheblich modifiziert. Die langsame Einleitung ist zu einem eigenständigen Satz herangewachsen, das Scherzo beinhaltet einen ausdrücklich als 'übermütig' bezeichneten Walzer und die erwähnte Ausdehnung des Finales legt die Deutung vom ‚Finale als Ziel‘ nahe. Ohne Zweifel handelt es sich um einen Kraftakt für die Orchestermusiker wie für den Dirigenten, zumal die Blechbläser, in den ersten vier Sätzen von Gilse eher behutsam eingesetzt, kommen im Finale reichlich zum Einsatz. Porcelijns Interpretation dieses riesigen Tongemäldes ist in mehrfacher Hinsicht hervorragend gelungen. Zum einen besteht exzellente Durchhörbarkeit, zumal die Holzbläser (das Fagott liebte Gilse besonders) laufen nie die Gefahr, zugedeckt zu werden. Zum anderen widersteht der Dirigent der Versuchung, manch schmerzhaft-elegische Wendung der Streicher zu sehr zu betonen und so die Symphonie in Richtung Kitsch abgleiten zu lassen. Diese Gefahr besteht vor allem in den ersten beiden Sätzen, die trotz der unterschiedlichen Tempi eine ähnlich düstere Grundstimmung aufweisen.

Erst mit dem streicher- und harfenbegleiteten Sopran-Einsatz im dritten Abschnitt hellt sich das Werk ein wenig auf, doch Aile Asszonyi darf mit einigem Recht als Schwachpunkt dieser sonst sehr hörenswerten Einspielung genannt werden. Ihr Vibrato übersteigt in einigen Momenten eine kritische Grenze, die Textverständlichkeit ist kaum vorhanden. Dass Gilse hier einen extrem anspruchsvollen und wohl auch undankbaren Part schrieb, muss man aber ebenfalls berücksichtigen. In jedem Fall würde die Symphonie bei Beteiligung einer Spitzen-Sopranistin erheblich an Wirkung gewinnen. Im Scherzo ('Lebhaft und sehr kräftig') herrscht dann wieder eitel Sonnenschein; der Komponist zog hier alle Register seines instrumentatorischen Könnens und ließ sich auch zu einigen heiteren Abschnitten inspirieren – zu einem Tonfall, der in dem Werk sonst nicht zu finden ist.

Und das Finale? Die Parallele zu Mahler fällt einmal mehr ins Auge, auch wenn dessen Vierte zwar ebenfalls einen Schlussabschnitt mit Sopran aufweist, aber doch von weit geringerer Ausdehnung ist. Van Gilse arbeitet mehrfach auf den ultimativen Schlusspunkt zu, doch das Ganze entbehrt nicht einer gewissen, hörbaren Anstrengung – wieder und wieder steigert sich das klangliche Geschehen, um dann abrupt einzubrechen. Einmal mag dieser Effekt den Hörer überraschen, doch bald wird er vorhersehbar. Dem Dirigenten bleibt da nicht viel mehr, als das Orchester sicher durch diese musikalischen Klippen zu leiten (was Porcelijn bestens gelingt) und die Sopranstimme mit einer guten Balance einzubinden (was weniger gut klappt). Doch auch wenn man die Schwächen dieses riesenhaften Finalsatzes in das Fazit mit einbezieht, fällt das Urteil durchweg positiv aus. Was schon die CD mit den ersten beiden Symphonien nahelegte, bestätigt sich nun: Jan van Gilse war ein herausragender Komponist und insbesondere Symphoniker seiner Zeit, dessen Wiederentdeckung einen echten Glücksfall darstellt. Gilses Vierte (und letzte) Symphonie wird nun hoffentlich nicht erst nach weiteren vier Jahren erscheinen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gilse, Jan van: Sinfonie Nr. 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.03.2012
Medium:
EAN:

CD
761203751822


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van Gilse, Jan
 - Sinfonie Nr. 3 in D-Dur - Langsam
 - Sinfonie Nr. 3 in D-Dur - Leidenschaftlich und heftig bewegt
 - Sinfonie Nr. 3 in D-Dur - Sehr langsam und schwermütig (Soprano: Halt ein!)
 - Sinfonie Nr. 3 in D-Dur - Lebhaft und sehr kräftig, stellenweise im Ausdruck eines übermütigen Walzers
 - Sinfonie Nr. 3 in D-Dur - Äußerst langsam und sehr ruhig, mit innigster Empfindung


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Dirigent(en):Porcelijn, David
Orchester/Ensemble:Netherlands Symphony Orchestra
Interpret(en):Asszonyi, Aile


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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