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Sonntag, 29. Mai 2022

John Neumeier - Death in Venice - Tod in Venedig

Der andere Liebestod


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Arthaus veröffentlicht den Mitschnitt von John Neumeiers 'Death in Venice' auf DVD.

Adaptationen von Thomas Manns vielleicht bedeutendster Novelle ‚Der Tod in Venedig‘ aus dem Jahre 1911 gibt es viele: Viscontis filmische Umsetzung von 1971 und Benjamin Brittens Oper von 1973 sind die beiden berühmtesten Beispiele. Wolfgang Koeppens ‚Tod in Rom‘ (1954) steht zumindest in der Nachfolge von Manns Novelle, und Robert David Macdonalds Monodrama (1999) knüpft direkt an die Vorlage an.

Seit knapp zehn Jahren gibt es neben den musikalischen, filmischen und literarischen Verarbeitungen auch eine tänzerische Umsetzung: John Neumeiers Ballett 'Death in Venice – ein Totentanz' hatte 2003 in Hamburg Premiere. Die Aufnahme, die nun bei Arthaus in vorzüglicher Bild- und Tonqualität auf DVD vorliegt, wurde aber nicht in Hamburg, sondern im Festspielhaus Baden Baden mitgeschnitten. Dort gastierte Neumeiers Truppe 2004. Außer dem Ballett zeigt die DVD auch ein interessantes, fast einstündiges sogenanntes Special Feature mit dem Titel Der andere Liebestod von Norbert Beilharz. Probenausschnitte und ein Interview mit John Neumeier informieren über die Entstehung des Werkes und erläutern seine Hintergründe.

Wie alle Adaptationen weicht auch die Neumeiersche vom literarischen Original ab. Anstatt eines Schriftstellers von Weltruhm begegnen wir im Ballett einem Meisterchoreographen. Lloyd Riggins verleiht ihm glaubwürdig die Züge eines zwar großen, aber von Routine bedrohten und sich in einer Schaffenskrise befindlichen Künstlers. Was man im Theater selbst kaum wird sehen können, lässt sich dank der vielen filmischen Nahaufnahmen bewundern, nämlich Riggins‘ausdrucksstarke Mimik. Man glaubt ihm den zerquälten Intellektuellen, der an seiner Arbeit zu zerbrechen droht, in jedem Moment. Sicher stellte die Umsetzung gerade dieser Handlungssequenz (bei Thomas Mann ist es vor allem das erste Kapitel) für Neumeier eine nicht unbeträchtliche Schwierigkeit dar. Denn was der Novellist einfach behaupten kann, das muss der Choreograph wirklich zeigen. Ob Neumeiers Ballett es aber schafft, Aschenbachs künstlerisches Scheitern anschaulich zu machen, bleibt fraglich, da seine Kreationen auf das Leben Friedrichs des Großen durchaus nicht öde-routiniert wirken. Bewundernswert ist dabei das feinsinnige Netz von Anspielungen und Verweisen, dem der Zuschauer nachspüren kann: Friedrich der Große, das ist Aschenbachs Thema bei Neumeier wie bei Thomas Mann. Johann Sebastian Bach hat in seinen kontrapunktischen Sätzen des 'Musikalischen Opfers' (BWV 1079) Motive Friedrichs aufgegriffen und verarbeitet. Diese streng geforme Musik verwendet Neumeier, um die geregelte, klare, auch kalte Welt seines Aschenbach zu charakterisieren.

Eine dionysischen Gegenwelt zu dieser apollinischen Sphäre öffnet sich ihm erst, als Tadzio Gefühle in ihm weckt, die längst verschüttet und erloschen zu sein schienen. Es ist in Venedig, wo er ihm begegnet. Edvin Revazov spielt dort als wundervoll jungenhafter, zugleich aber auch kraftvoller und tänzerisch virtuoser Tadzio mit seinen Freunden am Strand, und Neumeier schafft geradezu die Apotheose des Ballspiels. Einmal geschieht es, dass Aschenbach von Tadzio im übermütigen Spiel angerempelt wird und zu Boden stürtzt. Dann entfaltet Neumeier einen jener magischen Momente, die zwischen Traum und Wirklichkeit changieren, indem er gleichsam zwei Versionen einer Begegnung zeigt, eine geträumte, in der Tadzio dem Gefallenen die Hand reicht und beide sich einander formvollendet schön annähern, und eine realistischere, in welcher er ihm trocken und ein wenig verlegen die Hand schüttelt und davoneilt.

Man kann sich kaum einen deutlicheren Kontrast zu diesen leichten, graziösen Strand- und Hotelszenen denken, die auch vom schlichten, atmosphärisch dichten Bühnenbild Peter Schmidts profitieren, als den finsteren Traum, der Aschenbach heimsucht. Es ist völlig stimmig, dass Neumeier für seine Choreographie jetzt Wagners Bacchanal aus dem 'Tannhäuser' nutzt. Es sind dionysische Gestalten (glänzend und unheimlich: die Zwillingsbrüder Bubenicek), die Aschenbach mit Gewalt buchstäblich zu Boden treten. Doch Wagners Musik dient nicht nur als klangliche Untermalung des Bedrohlich-Triebhaften. Dann nämlich, wenn Aschenbach, der sich von seinem geordneten Leben längst verabschiedet hat, noch einmal die Hand ergreift, die ihm Tadzio reicht, erklingt sie wieder und überträgt ihre sich steigernde Intensität auf die beiden, die jetzt auf der Bühne sich in immer schneller werdendem, kreisförmigem Lauf einander annähern. Tadzio eilt voraus, ist dabei aber Aschenbach zugewandt, der seinen nach ihm ausgestreckten geöffneten Armen zustrebt. Eine einzige, aber intensive Umarmung gönnt Neumeier seinem Protagonisten, wenn der ‚Liebestod‘ aus dem 'Tristan' seinen Höhepunkt erreicht. Es ist ein großer, bewegender Moment in einer Adaptation, die sicher zu den gelungensten und inspiriertesten von Thomas Manns Novelle gehört.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Features:
Regie:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    John Neumeier - Death in Venice: Tod in Venedig

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Arthaus Musik
1
16.04.2012
Medium:
EAN:
DVD
807280162295

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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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